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Aschermittwoch in Passau: CSU zerschmilzt in später Liebe zu Edmund S.

Mit Herzschmerz und Hass hat die CSU in Passau ihren scheidenden Chef verabschiedet. Viel rührseligen Herzschmerz gab's für Stoiber, den die Partei eigentlich nie geliebt hat, brutalen Hass für die Rebellin Pauli. Die Stimmung kochte hoch, als Stoiber von einer Begegung mit dem russischen Präsidenten Putin berichtete.

Von Florian Güßgen, Passau

Es ist das große, saftige, deftige Finale des CSU-Winterstadls. Edmund Stoiber ist in diesem Drama gestürzt. Über sich, und über die rothaarige Landrätin aus Fürth. Und heute, hier in Passau, beim politischen Aschermittwoch der CSU in der Dreiländerhalle, hier, beim "größten Stammtisch der Welt", verabschiedet sich seine Partei erstmals von ihm.

Größer, saftiger, deftiger kann es auch dann nicht werden, wenn die CSU ihrem Chef und ihrem Ministerpräsidenten auf dem Parteitag im September endgültig "Servus" sagen wird. Die Halle ist zum Bersten voll. Knapp 6000 Anhänger sind hier. Und sie alle wollen, dass Stoibers Wunden heilen. Hier und heute. Nachdem sie ihn geprügelt haben, wollen sie ihn jetzt mit Herzschmerz verabschieden, mit Herzenswärme. Er soll sich geliebt fühlen, nicht nur geachtet. An die Wänden haben sie deshalb etwas unbeholfen Plakate geklebt. "Wir sind Stoiber!", steht da. Oder: "Du bist der Beste." Oder: "Unser Traumpaar: Karin und Edmund Stoiber." "Vielen Dank, Edmund Stoiber", steht auf der Vorderseite der T-Shirts und Plakate einer JU-Gruppe aus dem niederbayerischen Freyung-Grafenau.

Wie wild halten sie die Plakate hoch, als der Defiliermarsch ertönt und Stoiber in die Halle einzieht. Tamtarantam. Tamtarantam. Diedeldüdeldö. Selten hat Stoiber den Defiliermarsch so genossen wie an diesem Aschermittwoch, selten hat er die Hände so gerne geschüttelt, selten so gelacht.

Stoiber genießt die Ovationen

Stoiber sonnt sich in der Herzenswärme seiner Partei, hier in Passau, hier in der "Südkurve der CSU", wie er später sagen wird. Selten hat er den Einzug in die Dreiländerhalle so genossen wie an diesem Aschermittwoch, selten hat er die Hände so gerne geschüttelt, selten so gelacht, mit der "Muschi", dem Huber und dem Söder im Schlepptau.

Die Regie nutzt alle Mittel, um Gefühle heraufzubeschwören. Sie zeigt einen Film, "Best of Stoiber in Passau". Herzerweichend. "Hier in Passau schlägt heute das Herz der CSU", ertönt es durch den Saal. "Heimat ist, wo das Herz schlägt. Unser Herz, mein Herz, schlägt für Bayern", deklamiert er. Dann versinkt die schneidende Stimme in einem melancholischen Klangteppich. Der Film zeigt nun Karin und Edmund Stoiber. Wie sie winken. Die Bilder sind verlangsamt. Das Herz der CSU soll weh tun an diesem Abschiedstag.

46 Seiten Redemanuskript

Aber Stoiber wäre nicht Stoiber, wenn er es auch an so einem Tag nicht schaffen würde, die Stimmung ein Stück weit zu killen. Als er um 10.40 Uhr ans Podium tritt, beginnt ein castro-artiger Redemarathon durch alles, was Stoiber schon immer grundsätzlich und im Speziellen über die Welt, über Deutschland, über Bayern, über seine Partei und die Metaphysik sagen wollte.

Ganze 46 Seiten umfasst das Manuskript. Und zunächst scheint es, als begreife er diese Rede als Machwerk für die Ewigkeit. Edmund, der Unendliche. Über die RAF spricht er unter anderem, über die Globalisierung, über nachhaltige Politik, über die Präsidentschaftswahlen in Frankreich, über die Familienpolitik, über Ursula von der Leyen, über die Türkei, über Religionsunterricht, über die SPD, über Patriotismus, über Fußball, über Handball, über Killerspiele, und, natürlich, über die CSU und deren Einzigartigkeit.

Bisweilen regt sich in der Halle minutenlang niemand. Das muss enttäuschend sein für die Anhänger. Nur wenn Stoiber mit wenigen Worten die Feindbilder bedient, wenn er die Grünen Künast, Ströbele ("Wirrkopf"), oder Roth "Nicht mehr alle grünen Nadeln am Baum") attackiert, sich gegen den EU-Beitritt der Türkei wendet, oder auf Kreuzen im Klassenzimmer beharrt, dann jubeln sie.

Alle auf Pauli

Richtig zum Schreien bringt Stoiber die Halle erst, als er erzählt wie ihn der russische Präsident Wladimir Putin nach dem Grund seines Rücktritts fragte. Putin habe gesagt, berichtet Stoiber, er habe seine Presseleute gefragt. Und dann seine Geheimdienste. Niemand habe ihm Stoibers Rücktritt erklären könnne. Der Saal kocht. "Pauli raus! Pauli raus! Pauli raus!" schreien sie. Es ist eine sehr, sehr seltsame Mischung aus Liebe und Hass, die sich hier breit macht. Man könnte sie verlogen nenne.

Eine eigene Erklärung für seinen Rücktritt liefert Stoiber dann nicht. Nein, sagt er. Er schaue nur nach vorne. In die Zukunft. "Edmund Stoiber, der ist 65, aber fit und munter", verspricht er. Er dankt seiner Frau. Er sagt, dass er sich für die Zukunft seiner Familie, seiner Kinder und Enkel, seiner Partei, Bayerns, Deutschlands weiter einsetzen werden. Nach einer Rede, die geschlagene zwei Stunden und 48 Minuten, gedauert hat, gibt es um Punkt 13.28 Uhr stehende Ovationen. Die Halle singt: "Oh, wie ist das schön." Minutenlang schreien sie: "Edmund! Edmund!" Und dann: "Pauli raus! Pauli raus!"

<zwitit>Stimmung dreht - zugunsten Hubers Eine Tatsache kann aber aller Herzschmerz für Stoiber auch an diesem Tag nicht verdecken: Er ist ein Politiker auf Abruf, eine "lahme Ente." Seine Abschieds-Show hat nur wenig politisch Bedeutung. Wichtiger sind andere Fragen, die sich aus dem "Winterstadl" der CSU ergeben: Wer wird im September Parteichef? Huber oder Seehofer? Und wie stellt sich die Partei für die Zukunft auf?

Stoiber hält sich in dieser Angelegenheit zurück. Er gibt sich neutral. Und dennoch sind die Sympathien in der Dreiländerhalle klar verteilt. Die Huber-Unterstützer sind in Passau in der Mehrheit. Kein Wunder, denn die Stadt liegt in Niederbayern, in Hubers Heimat, in jenem CSU-Bezirk also, in dem der Wirtschaftsminister Vorsitzender ist.

Und dennoch scheint sich auch die Stimmung in der Partei derzeit zu Gunsten Hubers zu drehen. Lange Jahre war er Stoibers Wadenbeißer. Beim Einzug in die Dreiländerhalle läuft er noch hinter dem Chef. Aber ansonsten unternimmt Huber derzeit viel, um aus Stoibers Schatten hervorzutreten, sich zu profilieren. Geschickt nutzt er sein Rederecht in Passau, um für das Tandem Beckstein-Huber zu werben.

"Seehofers soziale Kompetenz"

"Günther Beckstein und ich sind ein Tandem, das gemeinsam in die Pedale tritt, für Bayern und für die CSU", wirft Huber in die Halle. "Günther Beckstein wird ein starker Ministerpräsident in und für Bayern." Er, Huber, sei dabei bereit, einen anderen Part zu übernehmen, nämlich die CSU als "moderne, wertorientierte Volkspartei in die Zukunft zu führen." Und Huber verspricht, die im Winter tief gespaltene Partei zu einen. Er preist sich als "Mann der Mitte und Mann des Basis." Und dann streckt er sogar noch die Hand aus in Richtung Horst Seehofers, des Konkurrenten. Es werde mehr Teamarbeit geben als bisher, sagt er. Und dann: "Ich reiche Horst Seehofer die Hand. Wir brauchen seine soziale Kompetenz und sein politisches Gewicht." Es ist ein kleiner, netter Versprecher. Denn Huber meint die "sozialpolitische" Kompetenz Seehofers, preist jedoch irrtümlich dessen Fähigkeit, mit anderen umzugehen. Genau diese Kompetenz Seehofers haben sie jedoch in den letzten paar Tagen immer angezweifelt.

Überhaupt Seehofer. Er fehlt an diesem Tag. Am Abend, heißt es, werde er bei einer Aschermittwochs-Veranstaltung in Krefeld auftreten. In Krefeld! Passau, jenem Ort, wo das Herz der Partei an diesem Tag tatsächlich pocht, bleibt er fern.

Warum ist Seehofer in Krefeld?

Da schütteln selbst seine wenigen sichtbaren Anhänger in der Dreiländerhalle den Kopf. Etwa jene Frau aus Eichstätt, die eine Seite eines Banners hält, auf dem steht: "Seehofer für Bayern und Deutschland." Vielleicht fünfzig Jahre alt ist sie. Selbstbewusst. Resolut. "Der Seehofer ist der fähigste Mann den wir in Deutschland haben", sagt sie. Und der Seitensprung? Das Kind? "Jeder Mann ist einmal traurig und muss seinen Kopf irgendwo anlehnen", sagt sie. "Und da kann dann halt ein Kind kommen. Das ist Liebe." Was Seehofers Privatleben betrifft, ist sie zuversichtlich. "Wie ich seine Ehefrau Karin einschätze, wird sie ihm das verzeihen." All das. Aber dass Seehofer heute nicht in Passau ist, das versteht auch diese Frau nicht. "Er müsste da sein", sagte sie. "Und er wäre garantiert da, wenn die eigenen Leute ihn nicht abgehalten hätten." Seehofer hätte sich bekennen müssen, an diesem Tag. Zeigen.

Wo ist schon Krefeld? Denn, so scheint es, die Sache mit dem Seitensprung, macht den Anhängern doch schwer zu schaffen. "Man müsse als Politiker auch privat ordentlich verhalten", sagt eine Frau aus Simbach am Inn. Und ein Regensburger JU-Mann, ein bekennende Huber-Anhänger juchzt fast: "Der Großteil der Delegierten des Parteitags ist über 60", sagt er. "Und für die spielt die Moral eine große Rolle". Auf die Frage, ob der Vorwurf der Fürther Landrätin Gabriele Pauli, die CSU dürfe sich nicht einer Doppelmoral hingeben, winkt er nur ab.

<zwitit>Pauli bleibt tapfer Gabriele Pauli hat an diesem Tag in Passau ohnehin einen schweren Stand. Da ist nicht nur das Geschrei nach Stoibers Putin-Geschichte. Schon, als sie am Morgen die Halle betritt, wird sie gellend ausgepfiffen. Sie mögen sie nicht hier. "Wären Sie doch zu Hause geblieben", schreit ein Funktionär der Frau in dem hellen Wildlederdirndl entgegen. Die Landrätin bleibt cool. "Danke, mir geht es gut", antwortet sie tapfer. "Du dumme Gans", schreit der Funktionär. "Passt scho", sagt sie. Die Kameras drängeln sich um sie. "So etwas Mediengeiles", zischt ein anderer. Pauli bleibt tapfer. Es seien viele Stoiber-Anhänger hier, sagt sie. Und dass viele in der Partei den Wandel der vergangenen Monate wohl noch nicht nachvollzogen hätten. Dann setzt sie auf einen Platz hinten rechts hinter dem Podium. Darauf hat sie ein Recht. Sie ist Mitglied des Parteivorstands. Als der Defiliermarsch für Stoiber erklingt, klatscht auch sie.

Pauli ist die wirklich tragische Figur dieses Tages. Sie hat dafür gesorgt, dass dieser politische Aschermittwoch in Passau überhaupt erst zu einer rührseligen Abschiedsshow für Edmund Stoiber werden konnte. Sie hat für die Erneuerung der Partei gesorgt, um deren Führung nun andere ringen. Dafür wird sie nun ausgepfiffen. Als Verräterin. Das muss bitter sein.