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Atom-Moratorium der Bundesregierung: So riskant sind die alten Reaktoren

Plötzlich hält auch Kanzlerin Merkel nicht mehr so viel von den deutschen AKW. Womöglich zu Recht: Kritiker monieren schon lange beträchtliche Sicherheitsprobleme. Ein Überblick.

Von Florian Güßgen

Was für eine Kehrtwende. Es ist ein halbes Jahr her, da überschlugen sich die Kanzlerin und ihre Minister vor Lobeshymnen für ihren Ausstieg aus dem Ausstieg. Angela Merkel sprach von einer "Revolution", ihr Umweltminister Norbert Röttgen von einem "weltweit einzigartigen Konzept". "Deutschland hat die sichersten Kernkraftwerke", hatte die Kanzlerin die heimische Atomwirtschaft schon zuvor gepriesen.

Und jetzt? Japan hat alles geändert. Was vor einem halben Jahr noch galt, ist nun nichts mehr wert. Am Montag verkündete Merkel das dreimonatige Moratorium, am Dienstag einen Sicherheitscheck für alle 17 Kernkraftwerke (AKW) und die vorübergehende Abschaltung von sieben Reaktoren. Landtagswahl hin oder her. Merkel und Röttgen ließen keine Zweifel daran, dass eine teilweise Rückkehr zum Ausstieg bevorsteht. Absurd: Es bedurfte der japanischen Katastrophe, dass Schwarz-Gelb die lange zuvor und immer wieder geäußerten Hinweise auf die Risiken vor allem der älteren deutschen Reaktoren ernst nahm.

Welche Reaktortypen stehen besonders in der Kritik?

Um was für Anlagen geht es dabei konkret? Deutsche Reaktoren lassen sich nach zwei Kriterien unterteilen, zum einen nach der Funktionsweise, zum anderen nach Baulinien, also bestimmten Bautypen. Nach Funktionsweise aufgeteilt gibt es Druckwasserreaktoren (DWR) Druckwasserreaktoren (DWR) - auch der japanische Reaktor Fukushima ist ein Siedewasserreaktor.

Am Netz waren in Deutschland bis heute Siedewasserreaktoren der so genannten Baulinien 69 und 72. Die Jahreszahlen der Baulinien markieren das Planungsdatum. Zudem waren Druckwasserreaktoren der Baulinien 2, 3 und 4 am Netz. Wenn von "alten Reaktoren" die Rede ist, geht es also vor allem um vier Siedewasserreaktoren der Linie 69 und vier Druckwasserreaktoren der Baulinie 2. Sieben der acht Kernkraftwerke dieser zwei Typen sind bis 1980 ans Netz gegangen. Nur das Kernkraftwerk Krümmel in Schleswig-Holstein, das ebenfalls zur Baulinie 69 gehört, ging erst 1984 ans Netz.

Kerndaten deutscher Reaktoren

ReaktorLandBetreiberTyp*"Linie"Betrieb2002**2010***
Neckarwestheim 1BWEnBWDRWDWR 2197620102019
Biblis AHERWEDRWDWR 2197420112020
Biblis BHERWEDRWDWR 2197620112019
Isar 1BYEonSWRSWR 69197720122019
UnterweserNIEEonDWRDWR 2197820132020
BrunsbüttelSHVattenfallSWRSWR 69197620132020
Philippsburg 1BWEnBWSWRSWR 69197920132020
GrafenrheinfeldBYEonDWRDWR 3198120152028
Grundremmingen BBYRWESWRSWR 72198420172030
Grundremmingen CBYRWESWRSWR 72198420182030
Philippsburg 2BWEnBWDWRDWR 3198420192032
GrohndeNIEEonDWRDWR 3198420192032
Isar 2BYEonDWRDWR 4198820212034
KrümmelSHVattenfallSWRSWR 69198320212033
BrokdorfSHEonDWRDWR 3198620222033
EmslandNIERWEDWRDWR 4198820222034
Neckarwestheim 2BWEnBWDWRDWR 419882023

* SWR: Siedewasserreaktor, DRW: Druckwasserreaktor; ** Restlaufzeiten nach rot-grünem Atomgesetz 2002; *** Restlaufzeiten nach schwarz-gelbem Atomgesetz 2010; Quellen: BfS/eigene Recherchen

Wo liegen die Sicherheitsprobleme dieser "alten" Atomkraftwerke? Schon lange gilt unter Experten als ausgemacht, dass sie unsicherer sind als die Reaktoren der folgenden Generationen. Einer der wichtigsten Kritiker der Laufzeitverlängerung im vergangenen Jahr war Wolfgang Renneberg, Physiker und bis zum Regierungswechsel im Jahr 2009 Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium. Renneberg analysierte 2010 in einer
">Studie,
die er im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion erstellte, die Gefahren, die von den älteren Atomkraftwerken ausgehen.

In dem Papier schreibt er, dass grundsätzlich keines der 17 deutschen Kraftwerke Sicherheitsstandards nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik entspreche. "Eine Sicherheitsbewertung der deutschen Atomkraftwerke einschließlich einer Überprüfung der alten Sicherheitsnachweise nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik liegt nicht vor", moniert Renneberg. Diese Einschätzung teilt der Münchner Strahlenexperte Edmund Lengfelder, der auch Vorstandsmitglied des Otto-Hug-Strahleninstituts ist. "Der größte Teil unserer deutschen Atomkraftwerke hat einen Planungsstand aus den siebziger Jahren, das heißt, heute wären eigentlich praktisch alle deutschen AKWs nicht mehr
genehmigungsfähig, weil sie eben diese alten Konzepte haben", sagte er dem Inforadio des RBB.

In seiner Studie führte Renneberg auf, weshalb die Sicherheitsstandards der älteren Akw der Baureihen SWR 69 und DWR 2 seiner Ansicht nach deutlich hinter den neueren Baulinien zurückbleiben.

Für die Siedewasserreaktoren der Baulinie 69 gelte:

  • Der Reaktordruckbehälter, also der Behälter, in dem sich die Brennstäbe befinden, weise Schweißnähte auf. Es gebe keine nahtlosen Schmiederingen. In dem Behälter könnten sich folglich Risse bilden.
  • Es sei schwierig, wichtige Rohrleitungen innerhalb der Atomkraftwerke auf Risse zu überprüfen.
  • Die Notstromversorgung - also das, was in Japan so dramatisch versagt hat - sei bei den älteren deutschen Reaktoren unsicherer als bei den neueren Reaktoren. "Das Risiko, dass die Stromversorgung und damit die Kernkühlung ausfällt, ist bei Baulinie 69 […] höher", schreibt Renneberg.
  • Der Schutz gegen Flugzeugabsturz sei geringer als bei anderen Baureihen. So sind, das steht allerdings nicht in Rennebergs Gutachten, die deutschen Kraftwerke grundsätzlich entweder für den Absturz eines Sportfliegers oder eines Düsenjets oder eines Passagierflugzeugs (Airbus A320) ausgerichtet. Drei der acht Akws älteren Typs sind nur für Sportflugzeuge gerüstet, vier für Kampfflieger.
  • Überdies besteht laut Renneberg der Sicherheitsbehälter der SWR-69 Baulinie aus einem kugelförmigen Stahlbehälter, die neueren Modelle würden mit Stahlbeton gebaut.
  • Das Reaktorgebäude>, also die äußerste Hülle, sei bei diesen Modellen kastenförmig, was die Belastbarkeit etwa bei Flugzeugabstürzen vermindere.

Ähnliche Sicherheitsnachteile weisen laut Renneberg auch die Druckwasserreaktoren der Baulinie 2 auf. Aufgeführt ist hier nur eine Auswahl von Kritikpunkten.

  • Auch hier könne man wichtige Rohrleitungen nur beschränkt prüfen.
  • Die Wandstärke der Stahlhülle des Sicherheitsbehälters sei geringer als bei anderen Reaktoren.
  • Die Notstromversorgung verfüge über ein bis zwei statt vier Stränge, auch sei sie "vermascht", bestehe also nicht aus unabhängig voneinander getrennten Versorgungssträngen.
  • Der Schutz gegen Flugzeugabsturz sei geringer als bei anderen Kraftwerken.

Störfälle bei alten Reaktoren

Andere Kritiker monieren, dass die deutschen Kernkraftwerke - egal welchen Alters - nicht ausreichend für Erdbeben gewappnet seien. Grundsätzlich, und das ist auch auf der Internetseite des Umweltministeriums nachzulesen, sind Kraftwerke so ausgelegt, dass man sie bei einem Erdbeben abschalten und die Brennelemente weiterhin kühlen kann. Dazu wird ein "Bemessungungserdbeben" angenommen, also das vermeintlich stärkste für diesen Standort zu erwartende Beben. Zu diesem Wert wird pauschal ein Sicherheitsaufschlag addiert. Aber auch hier gilt: Erdbeben können, siehe Fukushima, stärker sein, als man das im schlimmsten Szenario angenommen hatte. Gerade die Atomkraftwerke im baden-württembergischen Neckarwestheim und im hessischen Biblis liegen in Gebieten, in denen Erdbeben - wenn auch definitiv nicht im japanischen Ausmaß - eher denkbar sind als in anderen Regionen.

Zudem gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Alter des Reaktors und Anzahl der Störfälle. Eine Liste der Störfälle findet sich beim Bundesamt für Strahlenschutz. Zwar stufte das Amt die meisten Störfälle in die niedrigste Gefährdungskategorie ein. Aber dennoch traten die auffälligen Störungen in jüngster Zeit vor allem in älteren Atomkraftwerken auf: 2001 platzte im AKW Brunsbüttel eine Leitung, 2004 floss kontaminiertes Wasser aus dem AKW Philippsburg 1 in den Rhein, 2004 gab es wieder einen Kurzschluss in Brunsbüttel, 2006 wurde bekannt, dass im Atomkraftwerk Biblis in den Blöcken A und B Dübel nicht richtig montiert worden waren, 2007 brannte eine Trafostation in Krümmel. In Brunsbüttel gab es ebenfalls Probleme wegen fehlerhafter Dübel. Seit diesem Jahr, 2007, ist Brunsbüttel nicht mehr am Netz. 2009 legte Betreiber Vattenfall auch Krümmel wegen fehlerhafter Elektronik vorübergehend still.

Die Bundesregierung fochten die Argumente und Warnungen der Kritiker noch im vergangenen Herbst nicht an. Sie versprach Nachrüstungen an den alten Kernkraftwerken, deren Laufzeiten verlängert wurden. Wie das dann aussah, konnte man an einem Maßnahmenpapier einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe ablesen, die halbherzig und etwas nebulös wichtige Nachbesserungen auf die mittlere und lange Frist verschob. Es war auch wieder Renneberg, der dieses Vorgehen in einem sehenswerten Beitrag des ARD-Magazins "Monitor" kritisierte. Auch der Kernkraftexperte Lothar Hahn, bis 2010 Geschäftsführer der Kölner Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), sagte der "Frankfurter Rundschau", die älteren Atomanlagen seien nicht nennenswert nachgerüstet worden. Nach dem Atomkonsens des Jahres 2000 seien Nachbesserungen wegen der kurzen Restlaufzeiten
unterlassen worden. "Das schien vertretbar. Jetzt, bei acht oder 14 Jahren
längerer Laufzeit, ist es das nicht mehr", sagte der Physiker. Die von Umweltminister Röttgen versprochenen
Nachrüstungen könne er "in der Realität nicht" erkennen, so Hahn. In Altanlagen wie Biblis,
Neckarwestheim 1 oder Brunsbüttel sei die Erdbebensicherheit "nicht
voll garantiert. Und Nachrüstungen etwa gegen Flugzeugabstürze sind
technisch gar nicht möglich."

Und jetzt? Zurück auf Los. Mit Verweise auf das Atomgesetz legt die Bundesregierung nach Absprache mit den betroffenen Landesregierungen mit sofortiger Wirkung alle sieben Reaktoren still, die bis Ende 1980 ans Netz gegangen sind, also Neckarwestheim, Biblis A und Biblis B, Isar 1, Unterweser, Brunsbüttel, Philippsburg 1. Krümmel ist derzeit nicht am Netz. Folglich werden für die Dauer des Moratoriums nur noch neun deutsche Atomkraftwerke Strom liefern. Der baden-württembergische Ministerpräsident Stephan Mappus verkündete zudem am Dienstag, dass Neckarwestheim 1 definitiv nicht mehr ans Netz gehen werde. Die vorübergehende Abschaltung werde
rechtlich als "staatliche Anordnung aus Sicherheitsgründen" umgesetzt, sagte Merkel. Die Sicherheit aller Atomkraftwerke soll überprüft werden. Der Umweltorganisation Greenpeace reicht das nicht. Sie hält die vorübergehende Abschaltung der ältesten Atomkraftwerke für ein Täuschungsmanöver. "Das ist eine vertane Chance", sagt Atomexperte Tobias Münchmeyer. "Ich befürchte sehr, dass das wieder eine Täuschung ist und man wieder mauschelt mit den Stromkonzernen, wie man es bereits im Herbst gemacht hat." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hätte die Meiler
ganz vom Netz nehmen sollen, um Vertrauen zurückzugewinnen.