Aus stern Nr. 43/2004 Verhartzte Seelen


Die Nation streitet über die materiellen Einschnitte bei den Arbeitslosen - die Schnitte in deren Psyche sind kein Thema. Der Fall Andreas S. erzählt davon.

So einer wird weggeschoben, verdrängt, abgeheftet. Ein Querulant. Ein Spinner. Ein Michael Kohlhaas. Rennt mit dem Kopf gegen die Wand, bis der Verstand zerbricht. Kennt man. Solche wie den.

Doch Andreas S. ist keiner wie die, auch wenn es so scheint auf den ersten Blick. Andreas S. aus Löningen im Landkreis Cloppenburg hat einen Brief an den Bundesminister der Verteidigung in Berlin geschrieben. Anderthalb Seiten, die so enden: "Hiermit erkläre ich am 28. 9. 2004: 1) Den Widerruf meines 1988 auf die Bundesrepublik Deutschland geleisteten Diensteides. 2) Ich weise die Beförderung zum Major der Reserve aus dem Jahr 2002 zurück und lehne die weitere personelle Führung bei militärischen Dienststellen und Dienststellen der Wehrverwaltung der Bundesrepublik Deutschland ab. 3) Weiterhin händige ich Ihnen die zu meiner Dienstzeit verliehenen Orden und Ehrenzeichen aus: Ehrenkreuz der Bundeswehr und die Oderflut-Medaille des Landes Brandenburg."

Andreas S., 36 Jahre, Diplomkaufmann, verheiratet, zwei Kinder in der Grundschule, hat dem Bundesminister der Verteidigung den Fahneneid gekündigt und den Offiziersrang vor die Füße geworfen. Verwirrt und verzweifelt. Weil das seine Art ist zu schreien. In Wahrheit hat er der Bundesrepublik Deutschland gekündigt. Wegen Hartz IV.

Nicht, weil er mit dem Arbeitslosengeld nicht hinkäme. Weil er Armut fürchtete. An keiner Stelle seines Briefes geht es um Geld, um Lebensversicherungen oder Kindersparbücher. Um das, worüber die Nation seit Monaten streitet - durch und durch materiell, wie sie nun mal ist. Der Fall Andreas S. öffnet die Augen für eine Kategorie, die in der Debatte bislang keine Rolle spielt. Gar keine. Die Kategorie des Menschlichen, der Psychologie. Andreas S. kämpft nicht um Cash, Money, Bimbes. Er kämpft um Respekt und Zuwendung. Um Würde. Jene Würde des Menschen, die nach Artikel eins Grundgesetz unantastbar ist.

Schmerz der Demütigung

Deshalb ist sein Fall der Aufmerksamkeit wert. Gerade jener, die - wie ich auch - Hartz IV für prinzipiell richtig, für unumgänglich halten. Und von schmerzlichen Reformen reden, den Schmerz der Demütigung aber nicht mal erahnen. Andreas S. lag nie in der sozialen Hängematte. Er hat sich mit Leidenschaft für sein Land, für die Solidargemeinschaft eingesetzt. Verpflichtete sich als Zeitsoldat, war Kompaniechef in der Logistiktruppe, bildete alle drei Monate 200 Wehrpflichtige aus, bekam 1996 das Ehrenkreuz der Bundeswehr und ein Jahr später die Oderflut-Medaille. 2002 wurde er zum Major der Reserve befördert, ein gutes Dutzend Jahre früher als andere.

Dann wechselte der Logistiker als Betriebsleiter zu einer Firma, die Sticker und Büromaterial, darunter Fan-Artikel der Harry-Potter-Mania, produzierte und vertrieb. 40 Leute führte er. Bis die Firma fusionierte und nur noch ein Betriebsleiter notwendig war. "Sie sind jung, Sie finden bestimmt bald was anderes", wurde ihm zum Abschied gesagt. Vor mehr als zwei Jahren. Bei der 200. vergeblichen Bewerbung hörte Andreas S. auf zu zählen.

Ende September wies ihm die Bundesagentur für Arbeit einen Ein-Euro-Job als Reinigungshilfskraft in einem Hallenbad zu. Der Bademeister empfing ihn am 1. Oktober mürrisch, mit Schubkarre, Besen und Harke - und dem Auftrag, draußen um die Halle herum Ordnung zu schaffen. Andreas S. trug den olivgrünen Dress der Bundeswehr und ertrug die Blicke der Kinder, die ihn mitleidig anstarrten.

Er hatte sich nicht verweigert, sondern freiwillig beim Arbeitsamt gemeldet - wie es seine Art ist. "Ich muss ja wieder mal raus aus dem Haus", sagt er. Aber fertig wurde er nicht mit der kalten Deklassierung im Hallenbad.

Für einen Euro pro Stunde seien seine Fähigkeiten "entbehrlich geworden" in diesem Land, das "topqualifizierte Führungskräftepotenziale vergeudet", schrieb er dem Minister in Berlin. Er müsse bewerten, wie weit er sich noch "der Autorität der staatlichen Führung anvertrauen" könne. "Meiner Auffassung nach ist dies nur so lange möglich, als der Staat und seine Vertreter selber als sittlich zu begreifen sind." Wenn aber die staatliche Führung diesem sittlichen Anspruch nicht genüge, müsse sich das Gewissen dagegen auflehnen. Im Gespräch sagt er das einfacher: "Es ist entwürdigend, wie mit dem Menschen umgegangen wird. Das Land ist arm an Seele." Ärmer als an Geld.

Hans-Ulrich Jörges print

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