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Bad Honnef: Clement von der Leine

Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement nimmt keine Rücksicht mehr. Nicht auf die Koalition. Nicht auf die SPD. In Berlin gelte das "gebrochene Versprechen", ätzte er nun, zog über Franz Müntefering her - und machte Merkel-Erzfeind Friedrich Merz eine Liebeserklärung.

Von Florian Güßgen

Es ist halb elf, als Wolfgang Clement die Bühne betritt. Der Saal des Kurhauses in Bad Honnef ist rappelvoll. 400 Gäste sind es, vielleicht sogar ein paar mehr. Die rheinische Aalterrine ist gegessen, die "Aegidienberger Ochsenbrust" auch. Die "Mainzer Hofsänger" haben ihre Lieder geschmettert, der Wein fließt. Jetzt soll sie beginnen, die richtige Show: Zum vierten Mal wird an diesem Abend, rechts des Rheins, im gediegenen Bonner Vorort, der Klamauk-Titel des "Aalkönigs" verliehen. Das "Aalvolk", wie sie die Gäste hier natürlich nennen, lechzt nach den Stars des Abends. Nach Wolfgang Clement, dem allerersten "König", und nach Friedrich Merz, dessen Krönung kurz bevor steht. Erst soll Clement Merz "huldigen", dann soll der Neue selbst sprechen. Die Stimmung ist gespannt. Schließlich treten hier zwei politische Provokateure auf, die im Prinzip nichts mehr zu verlieren haben, 85 Euro hat das "Aalvolk" gezahlt. Pro Gedeck, Getränke inklusive. Nun hofft es auf launige Reden, auf bissige Angriffe. Auf Berlin. Auf die große Koalition. Auf die Kanzlerin.

"Wäre da nicht der Müntefering"

Clement, der Ex-Minister, ist jeden Cent wert. Kaum am Mikro, zieht er vom Leder. Ansatzlos direkt spottet er über den Genossen Franz Müntefering, Arbeitsminister. Zuerst mokiert er sich über Müntes Physis, dann über Müntes Politik - und zuletzt über Müntes Bedeutung für die Partei. Der Merz, der Sauerländer, sei ja sehr lang, ätzt Clement. Zwei Meter und vier Zentimeter. Und er selbst sei ja auch sehr groß. Deshalb könne man meinen, hier handele es sich um sauerländisches Gardemaß - wäre da nicht der Müntefering. "Dem Friedrich sein Problem, wie man in Westfalen sagt, ist ehrlich gesagt auch meins: Auch der Müntefering kommt aus dem Sauerland", wirft Clement dem johlenden Publikum entgegen.

"Ich kenne keine Unterschicht! Ich kenne nur Sozialdemokraten!"

Dann zieht er den Arbeitsminister weiter durch die Grütze. Müntefering? "Das ist der, der es unfair findet, wenn man ihn an seine Wahlkampfreden erinnert", lästert er - und spielt auf eine Pressekonferenz von Müntefering und Merkel vor wenigen Wochen in Berlin an. Da hatte der Vizekanzler gesagt, man dürfe die große Koalition nicht an den Wahlkampfversprechen der Parteien im Wahlkampf 2005 messen. Das sei unfair. Clement sieht das offenbar anders. Auch Münteferings demonstrative Weigerung, in der aufbrandenden Unterschichtendebatte das Wort "Unterschicht" zu verwenden, spießt Clement auf. Müntefering? Das sei der, ätzt Clement, der gesagt habe: "Ich kenne keine Unterschicht!" - "Ich kenne nur Sozialdemokraten!", der zweite Satz stammt von Clement.

Der Eindruck offener Rechnungen

Auf der Bühne steht einer, dem es unverhohlene Freude bereitet, kein Rücksicht mehr nehmen zu müssen. Nicht auf das Amt. Und vor allem nicht auf die Partei. Clement, der nunmehr 66-Jährige, war in der Politik fast alles. Ministerpräsident in Düsseldorf, Minister für Wirtschaft und Arbeit. Jetzt ist er - fast - nichts mehr. Das tut ihm einerseits gut. Er sieht blendend aus. Locker. Entspannt. Die Furchen in seinem Gesicht sind nicht mehr so tief wie noch im vergangenen Jahr. Andererseits lässt sich auch der Eindruck nicht wegschieben, dass hier einer auf der Bühne steht, der noch Rechnungen offen hat, der sich missverstanden fühlte, auch missachtet. Wegen seiner angeblichen Nähe zur Wirtschaft. Vor allem von der eigenen Partei und vor allem von Müntefering, dem demonstrativ einsilbigen Parteisoldaten, dem Sauerländer.

"Das Motto ist klar: Es gilt das gebrochene Versprechen"

Auch an der großen Koalition lässt Clement kein gutes Haar. "Der Münte, die Angie, der Stoiber, die haben sich zusammengetan, um jetzt eine richtig große Koalition zu machen", lästert er. "Und mit der Gesundheitsreform ist denen ja auch ein großes Ding gelungen. Das Motto ist auch klar: Es gilt das gebrochene Versprechen. Ich kann ihnen", ruft er ins Publikum, "nur noch einen guten Rat geben: Werden sie krank, bevor die Frau mit den Fonds kommt!" Union und SPD, mokiert er sich, würden mit diesem Kurs Gefahr laufen auf einen Wahlanteil von 18 Prozent zu fallen. "Aber lassen wir Angie und Franz, Kurt und Edmund, und wie sie alle heißen. Von denen kann man nur den Eindruck haben, dass sie, natürlich jeder in seiner eigenen Partei, nur noch ein Ziel haben: Nämlich das 'Projekt 18' zu vollenden. Zur Erinnerung: Das ist das Projekt, das Westerwelle verfolgt hat, allerdings von der anderen Seite."

Clement wünschte sich Merz als Nachfolger

Viel milder als die eigenen Genossen behandelt Clement an diesem Abend da schon Merkel-Erzfeind Friedrich Merz, den Anwalt und CDU-Abgeordneten. Nicht nur als Aalkönig sei Merz ein würdiger Nachfolger. "Ich will nicht verheimlichen", verrät Clement, "dass ich Friedrich Merz eigentlich als meinen Nachfolger im Amt des Bundesministers für Wirtschaft und Arbeit gesehen habe. Das meine ich ernst. Ich habe immer viel von Leuten gehalten, die sagen, was sie für richtig halten und von denen man auch noch sagen kann, dass sie das dann auch noch tun." Er habe Merz schon Monate vor der Neuwahl im September 2005 durch das Ministerium geführt. Auch dies ist eine Doppel-Provokation: Gegenüber Franz Müntefering, dem Nachfolger im Arbeitsministerium, und gegenüber CSU-Mann Michael Glos, dem Nachfolger im Wirtschaftsministerium. Das Publikum johlt.

"Angela Merkel wird Kurt Beck schlagen"

Um kurz vor Mitternacht ist der so gepriesen Friedrich Merz selbst dran. Soeben haben sie ihn zum "Aalkönig" gekrönt, mit einer Urkunde und einem riesigen Glas Bier steht er vor dem Bühnenbild, das den nahen Drachenfels zeigt. Jetzt ist Merz am Zug, der zweite Außenseiter an diesem Abend, der zweite Quertreiber, der ausgewiesene Merkel-Erzfeind. Aber Merz, der Abgeordnete aus Brilon im Sauerland, ist vorsichtiger als sein Vorredner. Er will nicht provozieren, Konflikte nicht verschärfen. Nicht jetzt. Nicht an diesem Abend. Der Rede fehlt die Bissigkeit, die er noch im Februar erkennen ließ, als sie ihm in Aachen den "Orden wider den tierischen Ernst" verliehen. Zwar wurde ihm später nachgewiesen, dass er Teile seiner Rede geklaut hatte, aber egal: Er hatte vor Angriffslust nur so gesprüht. Jetzt dagegen lobt er Arbeit der "großen Koalition", mokiert sich ein wenig über die Opposition, wagt nur hin und wieder einen Schlenker zu jener Merkel, die ihn 2002 so rüde aus dem Amt des Unions-Fraktionschefs gekippt hatte. Aber selbst hier bleibt Merz auf Linie. Er sei sich sicher, dass Angela Merkel die Bundestagswahl 2009 gegen SPD-Herausforderer Kurt Beck gewinnen werde, versichert er den Bad Honnefern. "Ein Mann mit Bart wird in Deutschland kein Kanzler."

Hinterbänkler und Darling der Unternehmen

Nein, Merz ist in Bad Honnef nicht auf Krawall gebürstet. Vielleicht will er auch seine Fraktionskollegen in Berlin derzeit nicht unnötig provozieren. In den eigenen Reihen hat es ihn Sympathien gekostet, dass er derzeit vor allem als erfolgreicher und viel beschäftigter Anwalt auftritt, als Darling der Unternehmen. In Berlin ist Merz zwar nur noch Hinterbänkler, aber immerhin: Kritiker werfen ihm vor, sein Abgeordnetenmandat zu vernachlässigen, andere schimpfen, er vermenge Interessen. Merz hat das in den vergangenen Monaten nicht angefochten. Im Gegenteil. Er gehört zu jener Gruppe von neun Abgeordneten aus fast allen Fraktionen, die vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt haben. Sie wehren sich dagegen, die Höhe ihrer Nebeneinkünfte angeben zu müssen. Er wolle keine ABBA-Abgeordneten, polemisiert er an diesem Abend, wenn ABBA für "Abitur, Bafög, Bundestag und Altersbezüge" stehe. Aber das war's dann auch schon mit der kritischen Leidenschaft. So wie Clement schlägt Merz an diesem Abend nicht zu.

Röttgen geht früh

Einer, der in der Fraktion eigentlich für Merz zuständig ist, hat sich die Rede des neuen Aalkönigs an diesem Abend dennoch gespart: Als Merz ans Podium tritt, ist Norbert Röttgen schon lange weg. Als CDU-Abgeordneter des hiesigen Rhein-Sieg-Kreises hat er seine Schuldigkeit schon zuvor getan: der Zeremonienmeister hat ihn begrüßt, die Gäste haben ihn gesehen. Zur Vorspeise und zum Hauptgang ist er geblieben. Das muss reichen. In seiner zweiten Funktion wollte sich Röttgen den unberechenbaren Merz wohl nicht antun. In Berlin ist er parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, ein wichtiges Rädchen im Merkelschen Machtsystem. Da geht man lieber, wenn man vermuten darf, dass da gleich einer über die Chefin herzieht. Dass er dann verpasst hat, wie Ex-Minister Clement Jetzt-Minister Müntefering vorführte, mag Röttgen im Nachhinein dennoch gewurmt haben.

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