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Bahn: Der geheimnisvolle Kofferbomber

"Für ihn gab es keinen Alkohol, keine Disco, keine Mädchen": Mitbewohner beschreiben den festgenommenen mutmaßlichen Bahn-Bombenleger als streng gläubigen Muslim. Der Tipp für seine Ergreifung kam aus dem Libanon. Nun wird sein Komplize gejagt.

Der entscheidende Tipp für den in Kiel festgenommenen mutmaßlichen Bahn-Bombenlegers kam vom militärischen Nachrichtendienst im Libanon, teilte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft der dpa in Karlsruhe mit. Einem ARD-Bericht zufolge hat der libanesische Geheimdienst ein Telefonat des 21-Jährigen Youssef Mohamad E.H. mit seiner Familie im Libanon abgehört, nachdem der Student sein Bild im Fernsehen gesehen hatte. Der Dienst habe daraufhin die deutschen Sicherheitsbehörden unterrichtet. Der 21-jährige Libanese war am frühen Samstag am Kieler Hauptbahnhof festgenommen worden. Am Sonntagabend erging Haftbefehl.

Haftbefehl stützt sich auf Videobilder

Youssef Mohamad E.H. wird verdächtigt, zusammen mit weiteren Mitgliedern einer terroristischen Vereinigung einen Anschlag auf zwei Regionalzüge in Dortmund und Koblenz versucht zu haben. Außerdem wird dem Studenten versuchter Mord in einer Vielzahl von Fällen mit gemeingefährlichen Mitteln vorgeworfen. Der Student stieg nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft in Köln mit einem Bombenkoffer in den Regionalexpress nach Koblenz und verließ an einem Halt kurz darauf den Zug wieder. In einem Waggon ließ er demnach den Sprengsatz stehen. Der Verdächtige habe sich in der Nacht absetzen wollen und sei deshalb festgenommen worden, hatte die Bundesanwaltschaft erklärt. Der Haftbefehl stützt sich nach Angaben von Generalbundesanwältin Monika Harms unter anderem auf Videoaufnahmen und DNA-Spuren, die dem Verdächtigen zugeordnet werden konnten.

Unterdessen wurden neue Details über Youssef Mohamad E. H. bekannt. Der 21-Jährige hatte sein Studium der Mechatronik an der Fachhochschule Kiel offenbar noch nicht aufgenommen. Wie ein Hochschulsprecher mitteilte, ist kein Student mit diesem oder einem ähnlichen Namen aus dem Libanon oder einem anderen Land an der FH Kiel eingeschrieben. Der 21-Jährige besuchte nach Auskunft des Kultusministeriums ein Studienkolleg, wo er am 7. Juli eine Sprachprüfung bestand, die zum Studium an der Fachhochschule berechtigt. Im vergangenen Jahr hatte er demnach so schlechte Noten, dass er das erste Semester an dem Kolleg wiederholen musste. Die Bundesanwaltschaft hatte zuvor berichtet, er sei seit Februar 2005 in Kiel gemeldet, wo er Mechatronik studiert habe.

Mitbewohner des 21-Jährigen Libanesen mit den Vornamen Youssef Mohamad in dem Kieler Studentenheim zeichnen eindeutig das Bild eines streng gläubigen Muslims. "Er trug lange Haare und den typischem Vollbart. Für ihn gab es keinen Alkohol, keine Disco, keine Mädchen", erzählen sie. Der 21-Jährige sei erst am vorvergangenen Mittwoch von einer dreiwöchigen Reise aus dem Libanon zurückgekommen, berichtet sein gleichaltriger deutscher Zimmernachbar Henning. Youssef habe ihm bei seiner Rückkehr erzählt, dass sein älterer Bruder bei israelischen Angriffen getötet worden sei. Er sei deswegen bei seinen Eltern in Damaskus gewesen.

Kollegleiter: "Er war nicht auffällig"

Der amtierende Kollegleiter hat nach eigenen Worten anders als die Mitbewohner nichts festgestellt, das ihn als besonders streng Gläubigen ausgewiesen hätte. "Er ist in keiner Weise als besonders religiös auffällig gewesen, weder durch Kleidung noch durch sonst irgendetwas", sagt Rainer Wurow-Radny, der ihn in Physik, Chemie und technischer Kommunikation unterrichtet hatte.

Der Libanese habe zurückgezogen gelebt, aber ständig Besuch von mutmaßlichen Glaubensbrüdern gehabt, berichtet Henning: "Fünf Mal pro Tag, manchmal sogar häufiger sind Leute für ihn gekommen. Die haben sich tagtäglich in großer Gruppe getroffen, das ist für die normal", sagt er. Youssef sei auch oft im kargen Gebetsraum im Keller des heruntergekommenen Hauses gewesen. Er habe den Libanesen als nett empfunden. "Aber wenn man mit ihm mal geschnackt hat, dann meist über den Islam."

Mulmig wird dem deutschen Studenten, wenn er daran denkt, dass er und die anderen Mitbewohner aus der Fünfer-Wohngemeinschaft über den Libanesen Witze gemacht hatten: "Was heckt der jetzt schon wieder in seinem Zimmer aus?", hätten sie sich gefragt, wenn er sich immer wieder zurückzog. Doch dass der Terror so nahe rückt - daran hätten sie nicht im Traum gedacht.

Fahndung nach zweitem Bombenleger läuft

Die Fahndung nach dem zweiten mutmaßlichen Bombenleger läuft weiter auf Hochtouren. Nach Ansicht der Bundesregierung hatten die beiden mutmaßlichen Bahn-Bombenleger Unterstützer. "Mein Eindruck ist, dass da schon mehrere mitgewirkt haben im Hintergrund", sagte Innen-Staatssekretär August Hanning am Montag in der ARD. Man müsse prüfen, ob es Terrorstrukturen in Deutschland gebe, denn die Konstruktion der Bomben setze "einiges handwerkliches Geschick voraus". Der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, äußerte sich indes distanziert zu der Vermutung, die beiden mutmaßlichen Kofferbomben-Attentäter könnten einem terroristischen Netzwerk angehören. Diese Frage könne man erst beantworten, wenn der Tathintergrund aufgeklärt sei, sagte Ziercke dem Fernsehsender N24.

DPA / DPA