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Bayerns SPD-Spitzenkandidat Christian Ude "So böse ist es ja nicht, Seehofer in Pension zu schicken"


Während die CSU in Nürnberg tagt, bläst der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude zum Angriff: Im Gespräch mit stern.de erklärt der SPD-Politiker, wie er bayerischer Ministerpräsident werden will.

Herr Ude, das Oktoberfest ist vorbei. Wenigstens gibt es noch Ihr "Ozapft is" als Handy-Klingelton. Welchen Klingelton gibt`s denn, wenn Sie Ministerpräsident werden?
Vielleicht ein von mir dirigierter Defiliermarsch - darüber habe ich aber noch nicht nachgedacht.

Sie wollen sozusagen Dirigent von Bayern werden. Dabei könnten Sie auch ab 2014 Ihren Ruhestand in Mykonos genießen. Dort sind Sie Ehrenbürger, haben ein Ferienhaus.
Dass ich angeblich umsiedeln will, war schon immer ein Quatsch. Ich bin eine Großstadtpflanze, mit jeder Faser Schwabinger- ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, aus diesem Viertel je verpflanzt zu werden. Mykonos ist nur ein Urlaubsziel und bleibt das auch. Wegen der Kandidatur muss ich jetzt noch ein wenig länger auf größere Lebensqualität warten. Aber ich bin seit meiner Schulzeit ein politischer Mensch und möchte etwas bewegen.

Seit gestern ist der politische Mensch Ude Spitzenkandidat seiner Partei. Zeitgleich tagt die CSU in Nürnberg - gönnen Sie den Christsozialen die Schlagzeilen nicht?
Es geht überhaupt nicht um die Schlagzeilen. Wir wollten signalisieren, dass die Schlagzeilen des Sommers über meine Kandidatur keine Zeitungsenten waren. Und die Bekanntgabe gestern war auch ein Kontrastprogramm: Die SPD hat sich als geschlossene, optimistische, ja sogar heitere Partei präsentiert - ganz im Gegensatz zur zerstrittenen, nervösen CSU.

Das klingt schon sehr nach Wahlkampf. Wie wollen Sie denn nun einen zweijährigen Dauerwahlkampf vermeiden? Ab heute werden Sie ja als Kandidat wahrgenommen.
Ich sehe da kein Problem. Von Horst Seehofer weiß man seit zwei Jahren, dass er wieder antreten wird - trotzdem kann er seiner Arbeit nachgehen. Für mich galt immer die Devise: Gute Arbeit ist der beste Wahlkampf. Ich kann Sie aber beruhigen: Es wird jetzt weder ortsbildverschandelnde Plakatwände geben, noch werden wir arglosen Menschen in der Fußgängerzone auflauern. Jetzt beginnt erst einmal die programmatische Arbeit in allen Teilen der SPD.

Sie haben immer betont, von Herzen Münchner Oberbürgermeister zu sein. 2014 dürfen Sie nur aufgrund einer Altersgrenze nicht mehr antreten. Wären Sie denn lieber Münchner Oberbürgermeister geblieben?
Nein, wirklich nicht. Ich konnte alles realisieren, was ich mir vorgenommen habe. Die ganze Sache mit der auf meine Person zugeschnittenen gesetzlichen Altersgrenze für bayerische Bürgermeister sehe ich mehr als Pointe. Schließlich kann ich sagen: "So böse ist es ja nicht, Seehofer in Pension zu schicken - das gleiche hat er mit mir ja auch gemacht."

Ihr politischer Ziehvater, Hans-Jochen Vogel, auch ein beliebter Oberbürgermeister, hat es in den 70er-Jahren ebenfalls probiert, bayerischer Ministerpräsident zu werden. Sind die Zeiten vergleichbar?
Nein! Vogel hat damals gegen einen extrem populären Landesvater ein stattliches Ergebnis geholt. Heute sind die damaligen 30 Prozent von Vogel nicht mehr drin. Heute gibt es die Grünen, die Linken und vielleicht die Piraten, die kann ich nicht einschätzen. Andererseits sind die Chancen für einen Regierungswechsel heute Dank potentieller Koalitionspartner größer - zumal die FDP, der Wunschpartner der CSU, ja 2013 wohl rausfliegen wird.

Wollen Sie denn einen ähnlichen Wahlkampf wie Grün-Rot in Baden-Württemberg führen? Schlicht nach dem Motto: Nach Jahrzehnten muss ein Wechsel her?
Wir haben genug inhaltliche Gründe, die für einen Wechsel sprechen. Diese Gründe hängen aber durchaus mit der sehr langen Regierungszeit zusammen, der Verfilzung von Partei und Staatsapparat. Die CSU richtete vor allem die letzten Jahre fürchterliche Scherben an: das Transrapid-Desaster, das katastrophale Versagen bei der Landesbank mit Milliardenverlusten und jetzt die Zerrissenheit in der Europapolitik. Vor allem in der Bildungspolitik muss sich vieles ändern.

Trotzdem nehmen Sie Ihren Kontrahenten Seehofer oft in Schutz. Wieso gehen Sie so sanft mit ihm um?
Ich möchte authentisch bleiben. Zum Beispiel habe ich bei der Olympiabewerbung exzellent mit ihm zusammengearbeitet. Ich kann und will jetzt nicht plötzlich sagen: April, April, ab jetzt ist Seehofer das Feindbild. Inhaltlich werde ich ihn aber natürlich kritisieren, wenn es angebracht ist.

Bei einer möglichen Wahlniederlage möchten Sie Oberbürgermeister von München bleiben. Ist das nicht undemokratisch?
Wieso denn? Ich sage offen, was ich vorhabe, wenn die Spitzenkandidatur scheitert. Die Angriffe aus der CSU sind verlogen. Strauß, Stoiber, Beckstein haben alle ihr Bundestagsmandat sausen lassen, nachdem ihre Kandidatur fürs Kanzleramt oder bestimmte Ministerposten gescheitert war. Der Unterschied ist nur, dass ich es vorher sage.

Hätte Ihnen denn ein Wahlkampf gegen Stoiber mehr Spaß gemacht?
Inhaltlich ja. Bei Stoiber kommt noch ein zentraler Punkt hinzu. Er war meines Erachtens der hemmungsloseste Verfechter des Privatisierungskurses. Nach dem Motto: Bayern ist im Schlussverkauf, alles muss raus. Das war ein kapitaler Fehler.

Herr Ude, manche Journalisten bezeichnen Sie als Diva. Sind Sie eine Diva?
Diesen Vorwurf finde ich kurios, denn seine Begründung wechselt in atemberaubender Weise. Erst hieß es, ich sei eine Diva, weil ich mir trotz händeringender Bitten meiner Partei für die Niederungen der Landespolitik zu fein sei, heute soll ich eine Diva sein, weil ich mich in die Höhen der Landespolitik hinauf wage. Ja was denn nun?

Aber es kann 2013 auch alles schief gehen.
Natürlich. Aber das Schöne ist: Für mich gibt es kein Risiko. Entweder bleibt es bei meiner ursprünglichen Lebensplanung oder sie wird noch übertroffen durch einen historischen Wandel, der mir seit meinem Parteieintritt 1966 überfällig zu sein scheint.

Angenommen, Sie werden gewählt. Ziehen Sie die Legislatur durch? Denken Sie sogar daran, 2018 noch einmal anzutreten?
Ich würde eine volle Legislatur bleiben, nicht mehr, aber auch nicht weniger. So habe ich das auch mit meiner Familie abgesprochen.

Um zu regieren, müssten Sie eine "Sri-Lanka-Koalition" mit den Grünen und den Freien Wählern bilden. Sie sprechen von drei möglichen Partnern auf Augenhöhe. Kann ein Christian Ude auf Augenhöhe agieren?
Natürlich. Hier in München läuft die Zusammenarbeit mit den Grünen seit über 20 Jahren auf Augenhöhe. Ich bin auch ein pingeliger Verfechter von Koalitionsabsprachen. Und: Ich halte nichts von der Ampel, weil die heutige FDP nur noch marktradikal ist.

Momentan attackieren Sie die Grünen aber scharf. Wie in Berlin gibt es auch in München unterschiedliche Meinungen zu Infrastrukturprojekten: Grüne und Freie Wähler lehnen zum Beispiel eine 3. Startbahn am Flughafen ab. Sie wollen die aber haben.
Die Grünen sollten einfach die Eigenständigkeit anderer Parteien respektieren. Die glauben zurzeit, sie könnten auch der größeren Partei vorschreiben, was sie befürworten darf. Das kann nicht sein.

Wollen Sie den Grünen Stimmen abjagen?
Ich möchte vor allem den Konservativen Stimmen wegnehmen und 2013 bayerischer Ministerpräsident werden mit der Unterstützung von Partnern, die bis zur Wahl auch Konkurrenten sind.

Würden Sie darauf denn wetten? Ihr Schnauzer wäre ein netter Wetteinsatz.
Der Schnauzer bleibt auf jeden Fall dran. Ich will Ihnen eines sagen: Ich habe viele Wahlkämpfe erlebt, die erst im Endspurt entschieden wurden. Ich halte jeden für einen Phantasten, der heute eine Prognose für die Wahl 2013 riskiert. Das Einzige, was ich weiß: Es gibt im Moment eine Wechselstimmung, eine nachweisbare Chance - das ist Grund genug, damit ich mein Bestes gebe.

Von Sebastian Kemnitzer

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