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Becks linke Nummer: Naumann hat angeblich nichts gehört

Weshalb hat der SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann nicht sofort widersprochen, als SPD-Chef Beck in seiner Anwesenheit die radikale Kehrtwende im Umgang mit der Linkspartei bei einem Abendessen vor der Hamburg-Wahl verkündete? Naumann sagte stern.de: "Ich habe nichts gehört."

Von Hans Peter Schütz

Der Tisch im Hamburger Rathaus-Restaurant "Parlament" war groß. Auf der einen Seite redete Beck auf eine Handvoll Journalisten ein, "ich saß auf der anderen Seite und unterhielt mich mit Günter Grass." Fast nichts von dem, was Beck gesprochen habe, sei akustisch zu ihm durchgedrungen. Nur ein einziger Satz und der habe gelautet: "In Hessen wird geheim gewählt." Was hätte er sich wegen "dieser Banalität" einmischen sollen? Das stehe ja in der hessischen Verfassung.

So erinnert sich Michael Naumann im Gespräch mit stern.de heute an den Abend, an dem die SPD in Hamburg - aus seiner Sicht - von Beck um ihre im vorangegangenen Wahlkampf hart erarbeiteten Chancen gebracht worden sei. Wo sie drei Prozent verloren habe, mindestens. Wo ihr die Wähler weggelaufen seien. Wo es Parteiaustritte gesetzt habe. Und er, Naumann, sich auf dem Markt zurufen lassen musste: "Hätte ich das mit der Linkspartei früher gewusst, hätte ich bei der Briefwahl anders reagiert."

Hamburg bereits verloren gegeben

"Ich bin doch kein heuriger Hase", beteuert Naumann. "Wenn ich mehr als diesen einen Satz gehört hätte, dann hätte ich sofort Beck zur Seite geholt und ihn gefragt: Hör mal, was soll denn das?" Er habe an diesem Abend auch mit niemand über das Thema Linkspartei gesprochen, und wenn das andere getan hätten, könne er nur sagen: "Ich war schon weg."

Und überhaupt: Er wäre niemals "mit solcher Inbrunst wie in meinem späteren Brief an den SPD-Chef auf Beck losgegangen, wenn ich schon an diesem Abend etwas gewusst hätte." Er hätte ihm nicht geschrieben: "Du hast aus riskantem Kalkül und vor allem zum falschen Zeitpunkt das Tor für die Linkspartei in Westdeutschland zum Einzug in die scheinbare Respektabilität geöffnet." Beck habe an diesem legendären Abend aber offenbar Hamburg schon als verloren betrachtet und gedacht "jetzt versuchen wir eben Hessen." Naumann weiter: "Als ob die SPD ihre Identität von Landtagswahl zu Landtagswahl definieren könnte."

"Viele Feinde von Beck"

Dieser Darstellung widersprechen allerdings die Journalisten, die an diesem Abend dabei waren. Beck sei gegangen, Naumann jedoch noch geblieben. Nach Aufhebung des Rauchverbots habe man danach noch mehrfach in seiner Anwesenheit über Becks "Linkskurve zu den Kommunisten" diskutiert. Dass sein vierseitiger Brief an Beck von der Berliner SPD-Zentrale "nach außen gespielt worden ist, da war ich wie vom Donner gerührt", beteuert Naumann. Im nach hinein ist er weniger überrascht. "Viele Genossen im Willy-Brandt-Haus wollten das. Da muss es viele Feinde von Beck geben. Anders ist das nicht erklärbar."

Für besonders verheerend hält Naumann an der Kehrtwende Becks im Blick auf die Außenpolitik. Die Linkspartei sei gegen die NATO, gegen den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und ganz prinzipiell gegen enge Beziehungen zu den USA, "unserem wichtigsten Bündnis- und Handelspartner." Wer handle wie Beck und die Linkspartei aufwerte, übersehe, dass dort nur kurzfristige Taktiker und keine Strategen das Sagen hätten. "Wie steht die Bundesrepublik mit einem Außenminister Steinmeier da, wenn wir uns mit einer Partei zusammen tun, die eine Außenpolitik verfolgt, die nichts zu tun hat mit der Außenpolitik der SPD?"

Kein Oppositionsführer Naumann

In dem Brief Naumanns an Beck heißt es in diesem Zusammenhang: "Dass unsere außenpolitische Glaubwürdigkeit, dass die neue Rolle der Bundeswehr, aber auch unsere Beziehungen zu unserem wichtigsten Partner USA von der Linkspartei in Frage gestellt werden und dass daraus eine wie auch immer geartete Kooperation auf das Gesamtbild der SPD aber auch der Bundesrepublik abfärben könnte, das alles steht für mich außer Frage."

Naumann will im Übrigen in der Hamburger Bürgerschaft nicht Oppositionsführer werden. Aber er gehe in die Bürgerschaft und er werde die Koalitions-Verhandlungen mit der CDU führen. "Dazu habe ich das Mandat", kündigte er an.