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Bemerkenswerte Ergebnisse der Volkszählung Wohin die Ausländer verschwanden und wie Hessen beinah an Einfluss verlor

Deutschland hat weniger Ausländer als gedacht. Türken sind längst nicht so dominant wie manche meinen. Vier Großstädte sind verschwunden. Die große Volks-Inventur hat bemerkenswerte Ergebnisse.
Von Lutz Meier

Sie war teuer (710 Millionen Euro), sie hat lange gedauert, und sie hat am Ende viele Vermutungen einfach nur bestätigt - die große (Teil-)Volkszählung 2011, der sogenannte Zensus. Erst jetzt, mehr als zwei Jahre später, liefern die staatlichen Statistiker die ersten Daten. Dass wir in Deutschland weniger sind, als bislang öffentlich behauptet, hatten jene längst vermutet. Aber ihr Zahlenwerk birgt auch eine Reihe überraschender Ergebnisse. stern.de hat sich durch die Datensätze gewühlt.

Türkischstämmige sind gar nicht so dominant

Wenn man über Einwanderer und Integration in Deutschland spricht, dann spielt sie meist die größte Rolle: die türkischstämmige Community. Gerechtfertigt ist das nicht, wie sich nun zeigt. In Deutschland leben ebenso viele Menschen, die selbst oder deren Familien aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, wie Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Allein 8,7 Prozent der Einwohner mit Einwanderungsgeschichte stammen aus Russland, 8,2 Prozent aus Kasachstan. Türkischstämmige machen nur 17,9 Prozent der Einwandererbevölkerung in Deutschland aus. Danach kommt, mit etwas Abstand, die polnischstämmige Community (13,1 Prozent). Nach Russland und Kasachstan folgen als Herkunftsländer Italien, Rumänien, Griechenland, Österreich und Kroatien. Die Einwandererbevölkerung in Deutschland ist also bunter, als sie manchmal beschrieben wird. Warum gerade die Einwanderer aus der Ex-Sowjetunion so wenig im Fokus steht, darüber gibt es nur Vermutungen - vielleicht ist ein Grund, dass die türkische Community eher in den Großstädten zu finden ist, und etwa die Russlanddeutschen Einwanderer auch oft auf dem Land.

Insgesamt haben 18,9 Prozent der Bevölkerung in Deutschland einen Einwanderungsbiographie, es sind 15 Millionen Menschen und damit etwas weniger als bisher erwartet. Die Definition der Statistiker für Migrationshintergrund sieht übrigens so aus: Wenn ein Einwohner selbst oder eines seiner Elternteile nach 1955 zugewandert ist, hat er einen Migrationshintergrund.

Wie Hessen beinahe an Einfluss verloren hätte

Die Hessen und auch die CDU in Deutschland können aufatmen, dass die Statistiker so lange gebraucht haben, um ihre Zahlen auszuwerten. Hätte das Statistische Bundesamt seine Zahlen im Jahr 2011 sofort geliefert, hätte nämlich Hessen das Recht auf eines seiner Bundesratsmandate eingebüßt - und die (damalige) Bundesratsmehrheit der schwarz-gelben Koalition wäre schon 2011 geschwunden. Denn nach den Zensus-Daten war Hessen unter die Schwelle von sechs Millionen Einwohner gefallen. Das hätte dem Land das fünfte Bundesratsmandat gekostet. Doch, wie gesagt, die Hessen hatten noch einmal Glück. Denn durch Zuzüge haben sie die Grenze bis zur nun vorgelegten Auswertung wieder überschritten.

Auch wenn in diesem Fall ernste Folgen ausblieben - die Zahlen werden Konsequenzen für viele Städte, Gemeinden und Länder haben. Der Länderfinanzausgleich muss ebenso angepasst werden, wie die Zuwendungen an die Kommunen. Auch der Zuschnitt der Wahlkreise muss eventuell geändert werden.

Vier Großstädte weniger

Ganze 16 Einwohner fehlen Cottbus. Die ostdeutsche Braunkohlemetropole hat nach dem Zensus 99.984 Einwohner - und ist damit unter die magische Grenze von 100.000 gerutscht, die in Deutschland eine Großstadt definiert. Ähnlich erging es Siegen, Salzgitter und Hildesheim - auch sie sind den Großstadtstatus vorerst los.

Es gibt weitere Verlierer unter den Städten: Aachen muss fast 22.000 seiner bisher angenommenen Einwohner streichen. Das sind immerhin 8,5 Prozent der Bevölkerung. In Berlin waren sogar fast 180.000 Einwohner fiktiv.

Einige Städte wiederum sind deutlich größer als gedacht. In Bielefeld etwa wurden sage und schreibe 3724 Einwohner mehr gezählt als bisher vermutet wurden. Da behaupte noch jemand, dass es Bielefeld gar nicht gibt.

Das Schweigen der Muslime, der Juden, der Hindus

Endlich klare Zahlen hatten die Statistiker auch zur Verteilung der Glaubensrichtungen im Land erwartet. Doch so überzeugt die Zählbeamten sonst von ihrem schönen Zahlenwerk sind, was die Religionen im Land angeht, tappen sie im Dunkeln, wie die Chefs des Statistischen Bundesamts selbst zugeben mussten. "Wir halten die Zahlen noch nicht für belastbar", knurrte Sabine Bechtold, die die Abteilung "Bevölkerung, Finanzen und Steuern" im Bundesamt leitet.

Der Grund: Die Volkszähler konnten nicht einfach so fragen wie das Gretchen den Doktor Faust: "Wie hältst Du's mit der Religion?". Das wollten die Datenschützer nicht zulassen. Nur Mitglieder ordentlicher Religionsgemeinschaften mussten wahrheitsgemäß antworten - bei allen anderen war die Angabe freiwillig. 17,4 Prozent der Befragten hatten gar keine Lust, sich zu äußern - Muslime, Juden und Hindus kommen deshalb in der Statistik nur am Rande vor. Gerade Muslime haben womöglich oft die Angabe verweigert, mutmaßt Bechtold.

Was die Statistik dennoch ergab: 66,8 Prozent der deutschen Bevölkerung bekennen sich zum Christentum. Und 10,5 Prozent geben an, keiner Religion oder Weltanschauung anzuhängen.

Die Migrantenhauptstädte: Offenbach, Pforzheim, Heilbronn

Noch so eine Erkenntnis: Die buntesten Städte Deutschlands liegen in der Provinz - jedenfalls, wenn man nach dem Migrantenanteil sucht. Der ist in Städten wie Offenbach, Pforzheim und Heilbronn mehr als doppelt so hoch wie etwa in Berlin. In Offenbach hat fast die Hälfte der Einwohner einen Migrationshintergrund - 48,9 Prozent.

Die deutschen Großstädte mit dem geringsten Einwandereranteil sind übrigens Jena und Erfurt (6,2 beziehungsweise 5,9 Prozent). Bemerkenswert: Beide Städte waren lange Hochburgen von Rechtsradikalen und Ausländerfeinden wie dem berüchtigten Thüringer Heimatbund. Aus Offenbach und Pforzheim sind nennenswerte Aktivitäten solcher Gruppen hingegen nicht bekannt.

Das Verschwinden der Ausländer

Die erste Nachricht aus dem Zensus-Werk war, dass die Bevölkerung um rund 1,5 Millionen Menschen kleiner ist als gedacht. Besonders bemerkenswert dabei: Rund drei Viertel dieser 1,5 Millionen sind Ausländer - bislang zählte die deutsche Statistik 1,1 Millionen Ausländer im Land, die gar nicht mehr hier wohnen. "Die Größenordnung hat uns schon etwas überrascht", sagt Statistikamt-Präsident Roderich Egeler. Manche Analytiker vermuteten, dass Ausländer vielleicht manchmal mit dem deutschen Melderecht nicht so vertraut seien - und beim Wegzug das Abmelden versäumten. Das wollten die Statistiker aber nicht so ohne Weiteres bestätigen. Man müsste erst einmal nach den Ursachen suchen, sagten sie.

Mieterhochburg Berlin

Der Run auf die letzte Eigentumswohnung im Prenzlauer Berg, Preisblasen, Quadratmeterpreise, Luxussanierungen - das waren in den vergangenen Jahren die Themen in der Immobilienbranche. In Wahrheit bleibt die deutsche Hauptstadt - wahrscheinlich sogar europaweit - Schlusslicht beim Wohneigentum und eine wahre Mietermetropole. Nur 15,6 Prozent der Berliner wohnen in den eigenen vier Wänden, in Hamburg (dem Land mit der zweitniedrigsten Eigentumsquote) sind es immerhin 24,1 Prozent.

Traditionell gibt es in Deutschland - verglichen mit anderen europäischen Ländern - einen ungewöhnlich hohen Mieteranteil. Die Statistik zeigt jetzt, dass der regional sehr unterschiedlich verteilt ist. In Ostdeutschland wohnt man zur Miete, in Süddeutschland gilt "schaffe, schaffe, Häusle baue". In Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland wohnt mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Eigentum - aber auch in Schleswig-Holstein und Niedersachsen ist die Zahl der Immobilienbeseitzer hoch.

Die fleißigen Alten

10,9 Prozent der Männer über 65 in Deutschland sind erwerbstätig - so maßen es die Statistiker. Reicht die Rente nicht oder suchen Deutschlands Pensionäre Ausgleich? Statistikpräsident Egeler schränkte die Aussagefähigkeit der Zahl ein: Schon wer eine Stunde pro Woche gegen Geld arbeitet, wird von der Statistik als erwerbstätig geführt.

So ist es nämlich auch mit der Statistik: Alles ist Definitionssache.

Lutz Meier

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