Berlin vertraulich! Beck - Fixstern und graue Eminenz


Seit dem SPD-Parteitag strahlt Kurt Beck als neuer Fixstern über der Partei. Da darf auch gerne Helmut Kohl als Vergleich herhalten. Damit der neue Star im Fernsehen besser rüberkommt, hat die Partei nun eine neue "Farbphilosophie" entwickelt - zum Wohle von Becks Bart.
Von Hans Peter Schütz

Lange galt er als Problembär Kurt, jetzt schwebt er als Fixstern am sozialdemokratischen Himmel, alle orientieren ihren Kurs an ihm, alle Flügelchen flattern wie Kurt Beck es wünscht. Irgendwie muss auf dem Hamburger SPD-Parteitag eine Art politische Wunderheilung geschehen sein. Die Medien, die ihn vor kurzem allesamt abgeschrieben haben, liegen ihm, dem Super-SPD-Vorsitzenden, jetzt zu Füßen und stellen ihn in historische Dimensionen. In gleich große Schuhe, wie August Bebel und Willy Brandt sie getragen haben. Und weil Beck aus Rheinland-Pfalz kommt, darf natürlich auch der Vergleich mit Helmut Kohl fehlen. Der ist einst als "Birne" und "tönendes Nichts" in die Bundespolitik gestolpert und mutierte dort zum ewigen Kanzler.

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Viele Genossen konnten es nach der Rückkehr vom Hamburger SPD-Parteitag kaum fassen, wie führungsstark ihr Vorsitzender dort brilliert hatte. Für die Bundeskanzlerin bedurfte es der Hamburger Wunderheilung nicht. Bei Angela Merkel hatte Beck in den vergangenen Wochen weitaus besser gepunktet als bei vielen in der SPD. "Höchst professionell" habe der SPD-Chef gezeigt, wer in der Partei das Sagen habe, ließ sie bereits vor dem Parteitag dezent von ihren Wasserträgern verbreiten. Aus dem Mund der Angela Merkel ist das ein hohes Lob. Sie ist schließlich die allseits anerkannte Physikerin der Macht. Und kennt sich bestens damit aus, wie man als weithin unterschätzte Politikerin die Konkurrenten ausbootet. Daher dürfte sie sehr genau auf die 95,5 Prozent geblickt haben, mit denen Beck in Hamburg gewählt worden ist. Sie selbst kam in Dresden zuletzt nur auf 93,1 Prozent.

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In der SPD sind sie einstweilen erst mal rundum glücklich über die wundersame Wende. Reden könne er zwar nicht, aber auf taktische Winkelzüge verstehe sich der Vorsitzende glänzend. Andererseits, murmelt ein SPD-Vorstandsmitglied hinter vorgehaltener Hand, "wollen wir doch erst mal sehen, ob jetzt die demoskopischen SPD-Werte wieder wenigstens auf 30 Prozent kommen." Und außerdem wolle man doch erst mal abwarten, wie sich die gewendete Beck-SPD bei den kommenden Landtagswahlen in Hessen, Hamburg und Niedersachsen niederschlage.

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Der scheint selbst sehr genau zu wissen, wie wankelmütig die Liebe der SPD zu ihrem Parteichef sein kann. Deshalb soll die "Verkaufsabteilung" in der Berliner SPD-Zentrale jetzt aufgerüstet und auf Beck zugeschnitten werden. Denn bis heute sind die Pressebearbeiter der SPD mehr auf einen Typ wie Franz Müntefering geeicht und nicht auf den ganz anders gestrickten, berlinfernen Beck. So waren die PR-Mitarbeiter der SPD nicht in der Lage, dessen Vorschlag sachgerecht zu transportieren, in Afghanistan auch mit den "gemäßigten" Taliban zu verhandeln. Gemäßigte Taliban? Die Republik lachte über den außenpolitischen Amateur Beck. Inzwischen redet sogar die Kanzlerin intern davon, man müsse mit "umkehrwilligen" Taliban das Gespräch suchen.

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Weil wir gerade beim "Verkauf" der Politik sind: Die SPD-Bundestagsfraktion färbt sich für künftige Presseauftritte von Blau in Grau um. Der neue TV-Auftritt, so lernen wir aus einer farbphilophischen Erklärung der Fraktion sei "selbstbewusst und klar." Mit dem Grau bekenne man sich "eindeutig zu sozialdemokratischen Grundwerten und weist somit auch klar in die Zukunft." Was uns wiederum verwirrt, da die SPD sich aus Hamburg doch in rosarotem Optimismus verabschiedet hat. Und jetzt kommen die Genossen uns grau in grau. In der SPD-Zentrale hört man, unter der Hand versteht sich, eine ganz andere Erklärung. Die Umfärbung sei ein Herzenswunsch Becks gewesen, dessen Ehefrau, gelernte Friseurin, glaube, dass die Farbe besser Becks Bart zur Geltung bringt. Na ja, wenn's denn der SPD wieder über die 30 Prozent hilft.

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Friedrich Merz, der letzte Marktliberale in der CDU, löst sein Haarproblem auf weniger philosophische Art. Wann immer er im Jakob-Kaiser-Abgeordnetenhaus zum dortigen Friseur eilt, findet seit langem folgender Dialog statt. "Guten Tag, Herr Merz! Wie immer?" "Wie immer: 15 Millimeter!" Dann wird die Maschine für den Bürstenhaarschnitt angesetzt. Was uns beweist: Merz steht zu seinen präzisen Positionen. Die Steuererklärung muss Platz haben auf dem Bierdeckel, der Haarschnitt gehört ebenfalls zu seinen Grundpositionen.

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Angemessen reiste SPD-Fraktionschef Peter Struck unlängst zu einem Arbeitsgespräch über Arbeitslose mit Beck und Müntefering an. In einem Daimler-Geländewagen, dessen Preis ungefähr bei der jährlichen Stütze von zehn Arbeitslosen liegt. Struck steuerte selbst, kurbelte lässig das Fenster runter und meinte: "Beck macht nachher eine Pressekonferenz." Dann war er mal weg.


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