HOME

Berlin vertraulich!: Becks Bauch gegen Müntes Kopf

Kurt Beck ist so ganz anders als Angela Merkel. Gerade das macht ihn zum derzeit unumstrittenen Kanzlerkandidaten der SPD. "Kopfpolitiker" wie Müntefering können da ihren selbigen nur hilflos schütteln - gerade bei der anstehenden Entscheidung der SPD-Führung zum ALG I.

Von Hans Peter Schütz

Nichts ist unzutreffender als die Spekulation, dass Kurt Beck auf dem bevorstehenden SPD-Parteitag in Hamburg bereits um die SPD-Kanzlerkandidatur kämpfen müsse. Im leicht überschaubaren Tableau potentieller Konkurrenten ist man sich nämlich längst einig, dass der amtierende SPD-Vorsitzende der derzeit unumstrittene Kanzlerkandidat ist, weil "er das Spektrum der Eigenschaften, das die SPD derzeit benötigt, am besten repräsentiert." Was der SPD nicht weiter helfe, ist aus der engsten Parteiführung zu hören, sei ein der amtierenden Kanzlerin vergleichbarer Typ. Nur zur Person Beck passe authentisch, was programmatisch in Hamburg beschlossen werden soll. Will heißen: Weder Sigmar Gabriel, noch Peer Steinbrück oder Frank-Walter Steinmeier wollen gegen ihn antreten. Darüber herrscht in dem Trio teils abgesprochene, teils stillschweigende Übereinstimmung. Das erklärt auch, weshalb etwa Steinbrück mal schnell auf barsche Art die halbe SPD verprellt, indem er die Genossen als "Heulsusen" tituliert. Man könnte es auch auf ganz direkte Art sagen: Die potentiellen Konkurrenten sind sich vollauf einig, dass die Niederlage von 2009 mit Beck nachhause gehen soll.

*

Steinbrück allerdings und Steinmeier, im SPD-Jargon in Erinnerung an die Rolling Stones gerne auch als unsere "Stones" charakterisiert, müssen sich schon eher vor den Delegierten fürchten. Freunde bei den Genossen haben sich die beiden in den vergangenen Wochen gewiss nicht gemacht. Steinbrück hat es sich mit seiner schnoddrigen Direktheit nahezu mit allen Parteiflügeln verdorben. Der gehe ja, so der Spott, auch bei den Liberalen jederzeit als Neoliberaler durch. Jetzt sei es an der Zeit, ihm mal zu zeigen, wo in der SPD-Hammer hängt. Weit über die 50-Prozent-Hürde werde Steinbrück wohl kaum kommen bei der Wahl der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden, wenn überhaupt. Steinmeiers Aktien sind zuletzt sehr gefallen, weil er in der Frage "Wie hältst du es mit der Agenda 2010" im besten Diplomatenstil geeiert habe. Windelweich habe er sich da verhalten und überhaupt nicht wie ein "Stone."

*

Reichlich kommentiert wurde dieser Tage der Ruf Becks nach einer Reform der Agenda 2010. Aus der Fülle der Äußerungen ragt ein Satz von Franz Bsirske, Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi heraus: "Beck ist näher am Bauch der Partei als manche, die jetzt mahnend die Stimme heben." Ja, wenn es denn so ist, hat Vizekanzler Franz Müntefering nur geringe Chancen, den politischen Wettlauf zurück zu verhindern. "Er macht lieber Politik mit dem Kopf", ätzt nämlich die Pressestelle des Bundesarbeitsministers.

*

Viele rätseln, weshalb Vizekanzler Franz Müntefering im Anzugsrevers stets eine Nadel mit kleinem roten Knopf stecken hat. Sie ist ein Andenken an den Willy-Willy-Wahlkampf von 1972 und an die 45,8 Prozent, auf die SPD damals kam. Das soll die 25-Prozent-SPD von heute wohl daran erinnern, was alles möglich ist. Auch mit einem Kurt Beck an der Spitze statt einem Willy Brandt?

*

Nicht viel halten auch die Grünen vom Versuch Becks, die Agenda 2010 zurückzudrehen. Korrekturbedarf sehen sie an anderer Stelle der Agenda, etwa bei der Inanspruchnahme angesparten Vermögens im Fall von Arbeitslosigkeit. Die Verlängerung des Arbeitslosengelds für ältere Arbeitslose nennt der grüne Fraktionschef Fritz Kuhn "schlicht Mist." Weil er ein Grüner ist, fügt er dem Urteil allerdings schnell hinzu: "Natürlich ist Mist aus ökologischer eine nützliche Sache." Womit die Frage erlaubt ist: Baut Beck also rein ideologischen Mist?

*

CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der sich bekanntlich gerne als der neue "Arbeiterführer" an Rhein und Ruhr apostrophiert, und in einer Umfrage als der "bekannteste SPD-Politiker" des Landes ausgewiesen wurde, erhielt unlängst einen Dämpfer verpasst. Bei einem Zusammentreffen mit Altkanzler Helmut Kohl, der sich gerne als Entdecker von Rüttgers sieht, berichtete ihm der Ziehsohn stolz, die CDU in NRW stehe in den Umfragen deutlich besser da als die Bundes-CDU. Kohl skeptisch: "Aber nicht mehr lange, wenn du so weitermachst wie bisher."

*

Weshalb macht die Große Koalition zuweilen politischen Pfusch? Gerd Müller, Parlamentarischer Staatssekretär bei Agrarminister Horst Seehofer, erkannte die Ursache nach einem Arbeitsfrühstück im Bundeskanzleramt. Der CSU-Abgeordnete aus dem Oberallgäu: "Wenn es nur weiße Semmeln mit fetter Wurst am frühen Morgen gibt - wie soll da gute Politik gemacht werden?" Boshaft fragte ein Teilnehmer der Runde: "Was frühstückt denn dein Minister?"