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Berlin vertraulich!: Die Architektur von Angies Ausschnitt

Angela Merkels Dekolleté sorgte in Oslo für Furore - dass die Bundeskanzlerin ein ganz altes Kleid trug, ging bei diesem Anblick jedoch unter. Vielleicht sollte auch Bundespräsident Horst Köhler über ein "Neuarrangement" nachdenken - sonst wird er noch klammheimlich von den Grünen mit einem Kabarettisten ersetzt.

Von Hans Peter Schütz

Glückliches Deutschland! Wo in Europa - Frankreich mit Nicolas Sarkozy und seiner Carla vielleicht ausgenommen - könnte ein tiefliegendes Dekolleté der Regierungschefin vergleichbares mediales Aufsehen erregen? Rentenkrise, Finanzkrise, Hungerkrise? Nichts da, alles blickte in Angies Ausschnitt. Typisch deutsch allerdings die zuweilen verkniffenen Kommentare in der Politik-Kulisse. Da murrten einige im Kanzleramt über Regierungssprecher Thomas Steg, der wieder einmal seiner Formulierkunst erlegen sei. "Ein Satz hätte genügt", tadelten sie ihn. Dabei hatte er sich doch immerhin "bekümmert" gezeigt ob des Aufsehens, das seine Kanzlerin erregt hatte. Dadurch sei die großartige Architektur der neuen Oper in Oslo kaum noch wahrgenommen worden sei. Dabei strahlte Steg so glücklich, als habe er soeben 100 Prozent auf der Sympathieskala für die Kanzlerin zu verkünden. Vermutlich dachte er dabei, in architektonischer Hinsicht, was auszusprechen über Angie sich nur Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein traute: "Gerade wir Bayern leben ja den Barock und wir leben Lebensfreude und von da aus habe ich überhaupt keine Einwände." Und was war denn daran auszusetzen, dass Steg von einem "Neuarrangement aus dem Bestand der Bundeskanzlerin" gesprochen hat? Wer hat, der hat. Eigentlich wäre es an der deutschen Öffentlichkeit und ihren Machern gewesen, aus Anlass dieses Ereignisses in Sack und Asche zu gehen. Denn Angela Merkel hatte die Robe schon in den Jahren 2000 und 2002 vorgeführt, ohne dass sie irgendjemand aufgefallen wäre. Aber damals war sie auch nur CDU-Vorsitzende gewesen und hatte gerade begonnen, sich von ihrer ursprünglichen Topf-Frisur zu verabschieden. Hoch empfindlich war sie übrigens damals noch. Da prahlte sie mit dem Satz: "Jeder, der wirklich etwas zu sagen hat, braucht kein Make-up." Das war wohl der Grund dafür, den Journalisten, der damals als Erster darüber berichtet hatte, dass neuerdings eine Visagistin in der Kanzlermaschine auf Reisen ging, zunächst von weiterer Mitreise auszuschließen.

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Nichts Konkretes war bislang zu hören von den Grünen in der Frage, ob sie für oder gegen eine zweite Amtszeit von Bundespräsident Horst Köhler sind. Eine "richtige Begeisterung" über Köhler gibt es nicht bei Grüns, berichtet Fraktions-Chef Fritz Kuhn. Im Übrigen sei auch keine Eile geboten, sich festzulegen. Falls dem Präsidenten etwas zustoße und er eventuell ausfalle, so Kuhn, könnte ihn ja der Kabarettist Mathias Richling vertreten. "Der kann ihn so gut nachmachen, dass es keiner bemerkt, dass er es gar nicht ist."

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Noch ein Geschichtchen von Fritze Kuhn. Mit gebremster Begeisterung hatte er zunächst die Einladung von Joschka Fischer zu dessen 60. Geburtstag wahr genommen. Da wurde in ein Restaurant mit dem Namen "Grill Royal" geladen. Für Kuhn kein Begriff. Aber weil er nach vielen einschlägigen Erfahrungen Joschkas legendären Geiz kennt, vermutete er hinter dem Namen eine Art Burger-Imbiss. "Ich dachte, der will mal wieder sparen." Umso entzückter war Kuhn, als ihm klar wurde, dass Fischer in das derzeit angesagteste Restaurant am Spreeufer mit Gourmet-Küche geladen hatte.

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Was war das schönste Geburtstagsgeschenk für Fischer? Eine neue Variante im ewigen Streit zwischen Gerhard Schröder und Joschka, wer denn in der Beziehung zwischen ihnen denn nun Koch und wer Kellner sei. Schröder versprach in der Laudatio auf Fischer, bei dessen 70. Geburtstag werde er als Kellner auf dem Fest arbeiten. Fischer strahlte.

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Normalerweise lässt sich Bundeswirtschaftsminister Michael Glos beim drögen Aktenstudium im Berliner Ministerbüro von der russischen Opernsängerin Anna Netrebko beflügeln. Möglich gemacht hat dies sein Vor-Vor-Gänger Werner Müller, der hinter die Wände des Ministerbüros eine fulminante Stereoanlage einbauen ließ. Diese Woche ließ Glos sich jedoch von Bernarda Fink beschallen, der in Argentinien geborenen Tochter slowenischer Eltern. Geschenkt hat ihm die CD der Mezzosopranistin der österreichische Botschafter in der slowenischen Hauptstadt Lubljana. Glos: "Da macht die Arbeit gleich doppelt Spaß." Vielleicht sollte er in der Zwischenzeit seine Netrebko-CD an seinen SPD-Duzfreund Peer Steinbrück ausleihen, damit der für die bevorstehenden Etatverhandlungen endlich wieder in bessere Stimmung gerät.

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Die Sozialdemokratisierung der CDU unter der Kanzlerin Merkel ist ein vielfach von konservativen Christdemokraten beklagter Vorgang. Wie weit er schon fortgeschritten ist, konnte unlängst im Bundestag besichtigt werden. Es sprach SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz. Der sagte: "Wenn einer klug ist, tritt er in eine Gewerkschaft ein." Da griff Merkel sofort von der Regierungsbank aus mit einem Zwischenruf ein, was eigentlich verboten ist: "Wenn er richtig klug ist, ist er schon drin."