Berlin vertraulich! Die Macht der Schwabenmafia


Schwaben. Schwaben. Überall Schwaben. In Berlin ist die Schwabenmafia wieder so stark wie seit Zeiten der Kanzlerschaft Helmut Schmidts nicht mehr. Im Umgang sind sie durchaus handzahm - nur "Grasdackel" darf man sie keinesfalls nennen. Eine ethnologische Betrachtung.
Von Hans Peter Schütz

Schwabenkunde war angesagt in der letzten Sitzungswoche des Bundestags in diesem Jahr. Mit Norbert Barthle (CDU) und Rainer Arnold (SPD) standen plötzlich zwei Baden-Württemberger ganz vorne auf der publizistischen Rampe der Hauptstadt, die man dort bislang weniger gesichtet hatte. Übereinstimmendes Urteil der Journaille: Die beiden verstehen ihr Handwerk!

Schon kursiert im Bundestag wieder das Wort von der "Schwäbischen Mafia": Eine Kanzlerin, die am liebsten die "schwäbische Hausfrau" gibt, drei Bundesminister (Annette Schavan, Wolfgang Schäuble, Dirk Niebel) aus dem Ländle, zwei Fraktionsbosse (Volker Kauder, Birgit Homburger), dazu reichlich Parlamentarische Staatssekretäre (Anette Widmann-Mauz, Ernst Burgbacher, Hans-Joachim Fuchtel), Parlamentarische Geschäftsführer und Ausschussvorsitzende.

Schwabengesättigter war nur noch das letzte Kabinett Helmut Schmidts, in dem vier Bundesminister aus Baden-Württemberg amtierten. Die Bezeichnung "Mafia" ist durchaus ehrenwert gemeint und erinnert an die ersten drei Jahrzehnte der Republik, in denen die Schwaben allenthalben in Bonn das Sagen hatten. Damals erkundigte sich ein junger Abgeordneter bei einem erfahrenen Kollegen, wie er denn am besten politische Karriere machen könnte. Dessen Antwort: "Lernet Se schwäbisch!" Dabei konnte man erfahren, dass man einem schwäbischen politischen Gegner oder Freund alles nachrufen durfte, aber niemals das Wort "Grasdackel". Es stellt das Maximum an Schmähung dar.

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Dem Norbert Barthle, CDU-Volksvertreter aus dem Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Gmünd ist schwäbische Mundart natürlich von klein auf geläufig. Und so sagte der 57-Jährige jetzt bei seinem ersten großen Auftritt als neuer haushaltspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion ganz locker mal "S'isch wie's isch!". Im Geschäft, in dem es um die Kasse geht, kennt er sich aus, denn früher saß er im Finanzausschuss, danach im Haushaltsausschuss. Mutig hat er daher mitgeteilt: Für Steuersenkungen "sehe ich keine großen Spielräume mehr."

Worin Barthle nicht nur gut, sondern Weltklasse ist, ist weniger bekannt: Im Skifahren. Der gelernte Skilehrer ist Präsident des Deutschen Verbands für das Skilehrerwesen und Präsident des Internationalen Verbandes der Schneesportinstruktoren, dem global 200.000 Skilehrer angehören. Und er hat schon einmal den so genannten Adelboden-Cup gewonnen, das schwierigste Skirennen der europäischen Parlamentarier. Dabei schlug er sogar den schweizerischen Minister Adolf Ogi, Sohn eines Bergführers. Slalom also beherrscht Barthle perfekt. Eine überlebenswichtige Voraussetzung für einen schwarz-gelben Haushaltschef.

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Rainer Arnold, seit 1998 SPD-Abgeordneter aus dem Wahlkreis Nürtingen, ist zwar gelernter Fernmeldemonteur. Aber er dürfte künftig im Polit-Betrieb vor allem Boxhandschuhe benötigen. Als verteidigungspolitischer Sprecher tritt er im Kundus-Untersuchungsausschuss als SPD-Obmann an. "Wir müssen der Wahrheit auf die Spur kommen", sagte er zu stern.de. Immerhin habe die Affäre Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, auch ein Schwabe, das Amt gekostet. Seit 2002 spricht Arnold verteidigungspolitisch für die SPD. "Heillos überfordert" hat er Ex-Verteidigungsminister Jung genannt, als der noch amtierte. Jetzt will er wissen, was der Nachfolger zu Guttenberg drauf hat. "Der wollte der Macher sein, der superschnell entscheidet." Arnold wäre locker in der Lage, den Ausschuss auch tanzen zu lassen. Denn seit Schülerzeiten bis zum Einzug in den Bundestag (1998) hat er an den Wochenenden mit seiner Kapelle Tanzmusik gemacht. Noch heute singt er mit Freunden regelmäßig - mal alte Arbeiterlieder, mal Drafi Deutschers "Marmor, Stein und Eisen bricht." Die SPD in der Opposition natürlich nicht.

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Schneller zurück im politischen Rampenlicht als gedacht, ist Susanne Kastner. Nach der Bundestagswahl verlor sie das Amt einer Vizepräsidentin des Bundestags, weil die SPD nur noch einen statt bisher zwei Vizepräsidenten stellen durfte und sich für Wolfgang Thierse entschied. Wohin mit der bayerischen Genossin, immerhin schon 20 Jahre im Bundestag. Ab ins Amt der Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses, dachten die Genossen, die sich für den Job wenig interessierten. Sie hatten Kastner ja auch auf dem letzten SPD-Parteitag einen Sitz im Parteivorstand verweigert. Jetzt sitzt sie doch dort, wo die politische Musik der nächsten Monate spielen wird: An der Spitze des Verteidigungsausschusses, der als Untersuchungsausschuss der Kundus-Affäre arbeiten wird. "Ich werde den Vorsitz nach Möglichkeit moderat führen", sagt die gelernte Religionspädagogin, "aber dabei den politischen Verstand nicht an den Nagel hängen." Auch für sie gilt: Über politische Tiefpunkte kommt man zuweilen weiter nach oben als erwartet. Ob das dem bisherigen bayerischen Strahlemann zu Guttenberg ebenfalls glückt?

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Die neue Miss Bundestag heißt Agnes Krumwiede. Die grüne, schwarzhaarige Abgeordnete (32) ist diplomierte Konzertpianistin und trägt den Titel selbstbewusst: "Ein Blick ist doch Bewunderung. Ich möchte nicht in einer Welt leben, wo Männer Frauen nicht hinterher schauen." Ist bei ihr garantiert nicht der Fall.


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