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Berlin vertraulich!: Modelleisenbahnen als Koalitionskitt

Während die schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen in Bayern dank der Liebe zur Modelleisenbahn zügig voranschreiten, tritt die Große Koalition bei der Erbschaftssteuerreform auf der Stelle. Ganz am Ziel vorbei geschossen hat jedoch Friedrich Merz mit seinem neuen Buch.

Von Hans Peter Schütz

Die Finanzkrise hat jetzt ein ganz besonderes Opfer gefordert. Keinen Geringeren als den liberalen CDU-Wirtschaftspapst Friedrich Merz. Der hat ein Buch mit dem Titel "Mehr Kapitalismus wagen" geschrieben, das soeben in Berlin vorgestellt worden ist. Beim Blick auf die globale Krise sei das ein tollkühn mutiger Buchtitel, spotten viele Parteifreunde. Damit werde Merz auf dem Markt schön scheitern.

Dementiert wird vom Piper-Verlag allerdings, dass man versucht hat, dem Buch in letzter Sekunde einen anderen Titel zu verpassen. Die marktpolitische Intimfeindin von Merz ist für die globale Finanzkrise besser gerüstet. Im Zugang zu Angela Merkels Büro im Kanzleramt hängt ein Kunstwerk des bayerischen Malers Bernd Zimmer, großflächig in Blau gehalten. Titel des Gemäldes: "Nach dem Knall."

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Weshalb laufen die Sondierungsgespräche zwischen FDP und CSU über eine Koalition in Bayern so geräuschlos ab? Dem Spieltrieb im Manne sei Dank. Der künftige CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer und der FDP-Rechtspolitiker Max Stadler waren sich ruckzuck einig: Seehofer, ein begeisterter Modelleisenbahner mit einer eindrucksvollen selbst gebauten Märklin-Anlage, versprach Stadler, als Ehrengast bei der Jubiläumsfeier des Modelleisenbahnclubs Rottal in Eggenfelden Anfang November teilzunehmen. Dort ist Stadlers Sohn Jakob Mitglied in der Jugendabteilung. Als sich daraufhin auch noch CSU-Innenminister Joachim Herrmann als Modelleisenbahner outete, lief das politische Geschäft im D-Zug-Tempo. FDP-Chefin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Stadler gelang es, die CSU-Männer zu deutlichen Zugeständnissen beim besonders umstrittenen Versammlungsrecht und der Online-Durchsuchung zu bewegen. Da werde bald eine "klare liberale Handschrift" zu erkennen sein, sagte "Schnarri."

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Stinksauer war die CSU-Spitze darüber, dass der baden-württembergische CDU-Generalsekretär Thomas Strobl unlängst der Schwesterpartei höhnisch "viel Glück" gewünscht hat, 2009 wieder so stark zu werden, dass sie in der Fraktion mit der CDU, ihre Sonderrechte - sie kann nicht überstimmt werden und ist bevorzugt bei den Sprechzeiten im Bundestag - behalten dürfe. Dieser Status müsse dann mal geprüft werden, sagte Strobl, der auch Schwiegersohn von Wolfgang Schäuble ist. Noch-CSU-Chef Erwin Huber hat scharf zurück geschlagen: "Dass das aus Baden-Württemberg kommt, werden wir uns merken müssen." Und erklärte, die CSU sei kein Landesverband der CDU und "wird auch nie einer sein." Und weil er so in Rage war, schmähte er Strobl als "Landespolitiker", der nichts zu sagen habe. Ob Huber da bedacht hat, dass er alsbald ebenfalls wieder auf diesen Status zurückgestuft sein wird?

Geführt wird die Diskussion über den CSU-Sonderstatus CDU-intern sehr wohl. Strobl war nur so unvorsichtig, sie öffentlich zu machen. Nichts unterscheide die CSU inzwischen mehr von anderen CDU-Landesverbänden, sagen die Christdemokraten. Demnächst müsse sie in eine Koalition mit der FDP. Und die 43,7 Prozent der CSU bei der Landtagswahl seien schlechtere Ergebnisse als etwa Günther Oettinger (44,2 Prozent) oder Jürgen Rüttgers (44,8 Prozent) erreicht hätten. Daher solle die CSU nicht länger den starken Maxen in der Union markieren und sich etwa bei der Erbschaftssteuerreform auch gegen die CDU querlegen.

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Arg genervt ist auch die SPD von der Taktiererei der CSU in Sachen Erbschaftssteuerreform. Ohne CSU wäre man sich längst einig geworden, sagen die Genossen. Der bayerische SPD-Landesgruppenchef Florian Pronold, Erbschaftssteuer-Spezialist seiner Partei, schimpfte: "Die CSU betreibt ständig Rosinenpickerei. Es wäre alles viel leichter, wenn man eine Große Koalition ohne die CSU machen könnte." Und weil der Erbschaftssteuer-Experte der SPD so schön in Fahrt war, setzte er gegenüber stern.de hinzu: "Die SPD ist im Vergleich zum ungeordneten Hühnerhaufen CDU eine militärische Formation." Kann man schon sagen, aber erst seit Beck weg und Müntefering wieder da ist.

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Uli Maurer, früher für die SPD in Baden-Württemberg, heute für die Eroberung der alten Bundesländer durch die Linkspartei zuständig, hat einen bemerkenswerten Wettsieg errungen. Gegen den Journalisten Hugo Müller-Vogg, einst bei der Frankfurter Allgemeinen, hinter der bekanntlich kluge Köpfe stecken, und jetzt politischer Chefkolumnist bei der Bildzeitung, wettete er, dass die CSU bei der Landtagswahl unter 45 Prozent landen werde. Wettpreis: ein totschickes Abendessen, das Müller-Vogg mit links zu gewinnen glaubte. Hat er nicht, was den linken Maurer freut, denn nun sieht er die Chance für eine politische Aktion: "Ich finde, dass Müller-Vogg entreichert werden muss." Der sieht sich freilich noch nicht in akuter Pleitegefahr. "Da die Linke noch nicht im Bund regiert, reicht mein Geld auch noch für ein Abendessen zu zweit." Außerdem hat Müller-Vogg gute Chancen, diese Kosten durch eine weitere Wette ausgleichen zu können. Dabei tritt er gegen Dagmar Enkelmann, ebenfalls Linkspartei, an. Die glaubt nicht, dass die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti alle Stimmen bekommt, wenn sie demnächst versucht, Roland Koch mit den Stimmen der Grünen und der Linkspartei zu stürzen. Müller-Vogg wettet dagegen. Der Einsatz: Wieder ein Abendessen, allerdings nur eins im Osten Berlins, was billiger ist.