Berliner Schloss Der Fassaden-Schwindel


Hauptsache, prunken: In drei Jahren soll mit dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses begonnen werden. Mindestens 472 Millionen Euro wird das Humboldt-Forum die Steuerzahler kosten. Ein Förderverein will 80 Millionen Euro einsammeln. Kritiker sprechen von "Spendenlüge".
Von Anja Lösel

"Ich bau dir ein Schloss, so wie im Märchen", schnulzte einst Heintje. Ein Lied für Nostalgiker? Denkste! Von Potsdam über Braunschweig bis Hannover wird eifrig geplant und gebaut. Schloss ist gut, Schloss ist schön, mit einem Schloss kann man nicht viel falsch machen. Stimmt nur nicht. Denn Schloss kann vor allem ganz schön teuer werden - und ziemlich peinlich. Was schiefgehen kann, wenn man im 21. Jahrhundert unbedingt ein barockes Prunkgebäude errichten will, zeigt sich gerade in Berlin. Der Wiederaufbau des im Krieg zerstörten und 1950 von den DDR-Machthabern vollends gesprengten Hohenzollern-Schlosses droht ein Fiasko zu werden. Die Finanzierung des 170 Meter langen Ungetüms ist windig, die Nutzung der rund 40.000 Quadratmeter Fläche durch Museen, Bibliotheken und die Humboldt-Uni nur grob geklärt. Zudem haben sich der Bund und das Land Berlin abhängig gemacht von einem privaten Schlossverein, der die barocke Fassade aus Spenden finanzieren will.

Angefangen hat der Spuk mit Wilhelm von Boddien, einem bankrotten Landmaschinenfabrikanten aus Hamburg. Der demonstrierte den Berlinern 1993 mit Fake- Fassaden aus Stoff, wie ein neues Schloss am alten Fleck aussehen könnte. Schööön, fanden alle. Boddien begann Spenden zu sammeln und Klinken zu putzen bei Politikern, Konzernchefs und Medienleuten.

Die verbindliche Kostenobergrenze liegt bei 552 Millionen Euro

Tatsächlich entschied der Bundestag 2002, den DDR-Palast der Republik abzureißen und an die Stelle wieder das in Humboldt- Forum umgetaufte Schloss hinzuklotzen. Als "eines der bedeutendsten kulturellen Bauvorhaben Deutschlands" preist Bauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) so stolz wie wagemutig das Projekt. Mit dem Bau solle 2010 begonnen werden. Einzug: frühestens 2013. Als "verbindliche Kostenobergrenze" hat der Haushaltsausschuss des Bundestages 552 Millionen Euro festgelegt. Der Bund zahlt davon 440 Millionen, das Land Berlin übernimmt 32 Millionen, 80 Millionen soll Boddiens Verein spendieren.

Das ist alles sehr knapp kalkuliert. Was aber, wenn die Gründung im Berliner Sandboden komplizierter wird als angenommen? Was, wenn die gleichzeitig zu bauende U-Bahn Probleme macht? Das kann schnell einige Millionen Euro mehr verschlingen. Jeder Privatinvestor würde eine Risikobewertung vornehmen und im Budget einplanen. Tiefensee tut nichts dergleichen. "Typische Planungs- und Baurisiken sind durch Einsparungen aufzufangen", sagt er nur. Aber wie? Gibt es dann Plastikfenster statt Holzrahmen?

Haushaltsexperte Steffen Kampeter vermutet, dass die veranschlagten Millionen nur für ein "Rumpfschloss" reichen und am Ende mindestens 670 Millionen Euro für den Bau nötig sein werden. Der CDUAbgeordnete ("Ohne Moos kein Schloss") wünscht sich zuerst mal eine "detaillierte Kostenkalkulation". Er findet: "Die derzeitige Planung hat kein solides Fundament." Und dann ist da noch der Risikofaktor Wilhelm von Boddien und dessen vollmundiges Versprechen, das Geld für die barocke Fassade beizusteuern. Etwa die Hälfte davon sind nur "verbindliche Zusagen". Was tatsächlich floss, hat Boddien überwiegend längst ausgegeben: für seinen Verein und die Schlossplanung.

Die beiden ehemaligen Vereinsvorsitzenden profitieren vom Spendenkonto

Von einer "Spendenlüge" spricht deshalb der Berliner Architekt und Städteplaner Philipp Oswalt. "Von den Spendengeldern waren Anfang des Jahres noch circa 1,5 Millionen Euro vorhanden." Der große Rest sei "für Aufträge an Vereinsmitglieder ausgegeben" worden. Boddien droht inzwischen, "strafrechtlich gegen Herrn Oswalt wegen übler Nachrede vorzugehen". Allerdings profitierten vor allem die beiden ehemaligen Vereinsvorsitzenden unzweifelhaft vom Spendenkonto. Beide beanspruchen jetzt sogar einen Platz in der Jury des Architektenwettbewerbes, Stuhlemmer aber nur als Gast; schließlich, so Boddien unverblümt zum stern, "will er einen Auftrag bekommen und mit dem Sieger zusammenarbeiten".

Und noch etwas ist merkwürdig: Boddiens Verein hat längst angefangen zu planen und zu bauen, ganz ohne Auftrag, aber mit dem Geld, das eigentlich dem Bund versprochen ist - ein "völlig unübliches Verfahren", wie Philipp Oswalt rügt. In einer hübsch renovierten Remise in Berlin-Pankow formt der Bildhauer Matthias Körner seit Jahren Teile der Schlossfassade. Überall hängen alte Fotos vom Schloss, gearbeitet wird zu Barockmusik. Ein zwei Meter hohes Kolossalkapitell ist fertig, als Prototyp aus Gips. In der Ecke liegt eine Rosette vom Schlossbalkon. Körner weiß genau, dass er ins Blaue hinein arbeitet. "Aber wenn wir nicht vorleisten, dann wird das nie was", sagt er. "Mehrere Tausend Bauplastiken" will er mit dem Steinmetz Carlo Wloch in den nächsten Jahren herstellen. "Wenn die uns Steine auf den Tisch legen, hilft das wenig", sagt dagegen Steffen Kampeter.

Wolfgang Tiefensee hat das Treiben der Schlossfreunde bislang nicht irritiert. Im Gegenteil: Falls nicht genug Spenden eintrudeln, will der Bauminister, der sich bei den Gesamtkosten so beinhart gibt, ein- springen und den Rest aus seinem Etat zahlen - aus Steuermitteln des Bundes also, die dann an anderer Stelle fehlen. Klaus Meier- Hartmann, Präsident der Berliner Architektenkammer, spottet bereits: "Ich fürchte das Schlimmste für die Infrastruktur in Deutschland!" Zumal die avisierten 80 Millionen Euro nicht reichen werden. Die Schätzung ist 13 Jahre alt. Seitdem stieg die Mehrwertsteuer auf 19 Prozent, die Baupreise zogen massiv an. Heute dürfte die Schlossfassade mehr als 100 Millionen Euro kosten. Boddien hat bisher also gerade mal den Inflationsausgleich eingesammelt. Jetzt hofft er "auf eine Sondermünze, dann wäre das Geld schnell besorgt".

Ein preußisches Disneyland

Außerdem ist kaum einem der Schloss-Fans klar, dass das Humboldt- Forum hinter den Außenwänden wie fast jeder Neubau aus Stahl, Glas und Beton sein wird. Innen neu, außen historisch verbrämt: ein preußisches Disneyland. Im besten Fall werde es "eine liebenswerte Peinlichkeit", schrieb sogar die sonst durchaus dem Schloss zugetane "Welt". Für die Museen und Bibliotheken im Humboldt-Forum werden moderne Klimatechnik, Beleuchtung und Heizung benötigt. Deshalb wird man nicht darum herumkommen zu planen, was der Architekturhistoriker Falk Jäger als "vermurksten Bauschwurbel" bezeichnet: "Hinterlüftete Sandsteinfassaden vor dem Betonskelett, Fenster, die andere Stockwerksteilungen vorgeben, als im Inneren gebraucht werden." Der frühere Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann warnte schon vor Jahren: Wo die großen barocken Treppenhäuser waren, dürfe hinterher kein Klo entstehen.

Drei Millionen Euro hat der Haushaltsausschuss für den Architektenwettbewerb bewilligt. Das Amt für Bauwesen und Raumordnung schielt nun auf die Stars und hofft auf den großen Wurf, der alle Probleme löst. Ob aber Bau-Cracks wie Herzog und de Meuron (Hamburger Elbphilharmonie) oder Meinhard von Gerkan (Berliner Hauptbahnhof) ihre Ideen hinter der vorgegebenen Barockfassade verstecken möchten, ist fraglich. Ebenso, ob die gewaltigen Probleme überhaupt lösbar sind. Der demontierte Volkskammersaal des Palastes der Republik soll rekonstruiert werden - hinter der barocken Hülle. Es wird eine Kuppel geben - falls genügend Geld da ist. Die Museen wünschen sich die Königlichen Kunstkammern zurück, brauchen aber eigentlich moderne Ausstellungsflächen. Und dann soll ja noch Platz bleiben für Restaurants, Cafés, Läden, Filmsäle und Veranstaltungsräume. Boddien ist sicher, das alles gut wird: "Ich kämpfe seit 16 Jahren und habe immer recht behalten." Im Ausland lachen sie dagegen über die seltsame Schlösser- Sehnsucht der Deutschen. Neulich, beim enthusiastisch gefeierten Berlin-Festival in New York, gab es heftige Heiterkeitsausbrüche, als Architekt Jan Kleihues von Berlins Plänen berichtete. Auf Alt bauen, wenn man Neues kriegen könnte: New Yorker finden so was einfach nur kurios.

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