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Buchpreis für Peer Steinbrück: Eitler Tanz um die K-Frage

Steinbrück bekommt einen Buchpreis, Schäuble hält dazu eine Rede - und ein jeder ergeht sich in Andeutungen zur K-Frage. Langsam wird das halbgare Spektakel peinlich.

Von Lutz Kinkel

Der Andrang ist enorm, zirka 800 Gäste, und weil sie nicht alle in den großen Saal passten, sammelt sich der Rest in einem zweiten Saal zum Public Viewing. Und das alles nur, weil die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung einen Buchpreis an einen SPD-Hinterbänkler vergibt? Aber nein. "Es kommt ja nicht irgendwer, es kommt Steinbrück", raunt ein älterer Herr mit weißen Haaren, der sich als Unternehmer aus Brandenburg ausgibt. Der Mann hat nur noch einen Platz auf einer Steinstufe hinter den Sitzreihen erwischt, dort ist es nicht sonderlich bequem. Aber was soll's: Steinbrück kommt, Peer Steinbrück, Ex-Finanzminister, ein Genosse ohne Amt und Würden, 64 Jahre alt, der Hoffnungsträger konservativer Sozialdemokraten. Seit ihn die Frage umschwirrt, ob er Kanzlerkandidat der SPD werden könnte und er selbst öffentlich damit kokettiert, wird er von seinen Anhängern wie ein Messias gefeiert.

Interessanterweise kommt auch sein Nachfolger, Wolfgang Schäuble, CDU, ein Solitär wie Steinbrück. Beide sind fleischgewordene Sparstrümpfe, beide kämpfen gegen die Euro-Krise, beide verlieren kein schlechtes Wort übereinander - sie haben eine Art Nichtangriffspakt geschlossen. Schäuble, der die Festrede hält, weil die Friedrich-Ebert-Stiftung meint, Steinbrück für sein Werk "Unterm Strich" auszeichnen zu müssen, erinnert seinen Kollegen sogar an diesen Pakt. Als Steinbrück 2008 davon gesprochen habe, dass die Finanzkrise Deutschland nicht erreiche, habe er, Schäuble, auf der Regierungsbank gesessen und gedacht: Muss er das so formulieren? Dann sei ihm klar geworden, dass Steinbrück keine andere Wahl gehabt habe. In diesem Sinne, so Schäuble, bitte er auch um Nachsicht für seine eigenen Äußerungen. Womit er Steinbrück unmissverständlich signalisiert: Wir kennen unsere Schwächen. Aber wir hauen sie uns nicht um die Ohren.

K-Frage wie Überdosis 4711

Das ist, natürlich, für beide ziemlich vorteilhaft, widerspricht allerdings dem Ruf des Klartext-Politikers, in dem sich zumindest Steinbrück so gerne sonnt. Klartext spricht Steinbrück nicht über Schäuble, und er spricht ihn auch nicht über sich selbst, wie sein Vortrag belegt. Kein Wort über die Sünden der Vergangenheit, über die Aufweichung der EU-Stabiltätskriterien unter Kanzler Gerhard Schröder, über die Förderung dubioser Finanzmarktgeschäfte von Hedgefonds und Derivate-Händlern, kein Wort über die sträfliche Unterschätzung der Finanzkrise. Stattdessen Liebeserklärungen an Europa, Exkurse zur Demografie, Überlegungen zur Zukunft der Parteiendemokratie. Steinbrück kann derzeit, eben weil er kein Amt hat, freier als jemals zuvor reden - und reden kann er, mal nachdenklich, mal scharfzüngig, aber immer unterhaltsam, süffig Anekdoten und Abstraktes abmischend.

Das alles wäre noch gut erträglich gewesen, wenn die Koketterie mit der K-Frage sich nicht wie eine Überdosis 4711 in die Veranstaltung verstömt hätte. Es beginnt schon bei Peter Struck, Ex-Fraktionvorsitzender, nun Chef der Friedrich-Ebert-Stiftung, der die Begrüßungsrede hält. "Über den Preis für dein Buch ist zu einem Zeitpunkt entschieden worden, als es nur um dein Buch ging", sagt Struck halb ironisch. Oder auch: "Mit Lob an dich muss ich heute vorsichtig sein. Zuviel würde dir schaden, zu wenig könnte dich beleidigen." Natürlich sei "Unterm Strich" ein ganz hervorragendes Buch, aber der Titel signalisiere das Falsche: "Ich bin sicher, das war noch nicht die Summe deines politischen Lebens." Lauter kann man die Kandidatur nicht herbeireden, zu einem Zeitpunkt, da offiziell von Kandidaturen nicht die Rede ist - und die SPD in den Umfragen bei erbarmungswürdigen 23 Prozent liegt.

Schäuble zitiert Cicero

Schäuble geht das Gewisper um die K-Frage noch direkter an als Struck, er sagt Steinbrück direkt ins Gesicht: "Das genießen sie ja auch. Wenn man ihre Mimik kennt, sieht man ja, dass sie genießen." Und zum Schluss seiner Rede zitiert Schäuble Cicero: "Vor Männern, die behaupten, dass sie ein Amt nicht für sich selbst anstreben, muss man sich immer in Acht nehmen. Denn das sind die eitelsten von allen."* Und dann fügt er, auch ein wenig ironisch, hinzu: "Ich kann ihnen sagen, wir sind wachsam, sind auf der Hut." Steinbrück, der sich später bei Schäuble für dessen Festrede bedankt, greift den Faden schließlich auch selbst auf und behauptet, er habe nun schon alles erreicht, Kinder gezeugt, ein Haus renoviert, einen Baum gepflanzt, ein Buch geschrieben - "und deswegen wird mein Leben nun sehr viel ruhiger". Als die Zuhörer in der Kunstpause, die Steinbrück einlegt, lachen, fügt er flott an, dieses Lachen sei "vorprogrammiert" gewesen.

Und so geht der Eiertanz um die K-Frage weiter, zwei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl und ohne dass sich Steinbrücks Partei auf ein Verfahren für die Kür, geschweige denn auf einen Kandidaten geeinigt hätte. So wie es Steinbrück selbst anlegt, mit seiner Roadshow durch die Vortragssäle der Republik und den immer wieder frisch parfürmierten Andeutungen, kann kein Zweifel daran bestehen, dass er es ernst meint. Es ist ja auch, angesichts seines Alters, seine erste und letzte Chance auf das große Amt. Andererseits hat er seine Partei damit auch in eine schwierige Situation gebracht. Folgt keine Entscheidung, wirkt das selbstverliebte Spiel irgendwann nur noch geckenhaft. Und überlagert sämtliche Inhalte. Für diese, abgefasst in Buchform, sollte Steinbrück an diesem Abend eigentlich ausgezeichnet werden. Eigentlich.

*In der Ursprungsfassung dieses Textes stand, Schäuble habe den Nachsatz "Denn das sind die eitelsten von allen" nicht persönlich gesagt. Er hat ihn, wie eine Videoaufzeichnung zeigt, doch gesagt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen, Red.