Bundesagentur für Arbeit Der Fall des Florian Gerster


Der ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi sagte einmal, in der Politik scheitere man immer zuerst an sich selbst. Für Florian Gerster bewahrheitete sich dieser Lehrsatz auf bittere Weise.

Noch in seiner bittersten Stunde verblüffte Florian Gerster die ihn umringende Pressemeute: "Wir werden nächste Woche eine Pressekonferenz geben", sagte er, als er wutentbrannt aus dem Saal stürmte, in dem ihm gerade der Verwaltungsrat mit 20 zu einer Stimme das Vertrauen entzogen hatte. "Der Vorstand ist der Vorstand, und ich will den weiteren Entwicklungen nicht vorgreifen", fügte er rätselhaft hinzu.

Der ehemalige rheinland-pfälzische Sozialminister gab sich erneut in der Rolle eines Wirtschaftsbosses. Der SPD-Politiker wollte die Bundesanstalt für Arbeit wie ein Konzernchef zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen umbauen. Er nannte sich nicht mehr Präsident, sondern Vorstandsvorsitzender, taufte die Anstalt in Agentur um, bezeichnete als Vorbilder die Privatisierung von Bahn, Post und Telekom.

Im Stile eines Sanierers

"Kompetenz von außen einkaufen" war dabei von Anfang an offenes Credo von Gerster, der zehn Jahre lang selbst als Personalberater tätig war. Wie ein Sanierer holte er die Unternehmensberater Roland Berger, McKinsey und Co für Millionensummen an Bord.

Unverständnis für Millionenausgaben

Die Verwandlung zum kundenorientierten Unternehmertum hatte Gerster für sich selbst abgeschlossen und scheiterte letztendlich genau daran: Die Nürnberger Mammutbehörde blieb weiter ein Politikum. Seine zahlreichen Gegner sahen in Gerster keinen Manager, sondern einen selbstherrlich agierenden Politiker der Berliner Regierungspartei. Beitragszahler zeigten Unverständnis für Millionenausgaben, missgönnten Gerster erhöhtes Gehalt, Dienstwagen und renovierte Vorstandsetage.

Undiplomatisches Manager-Auftreten

Vor allem stimmten die Rahmenbedingungen nicht: Gewerkschaften mit denen sich der Sanierer bei seinem brachialem Umbau anlegte, waren nicht nur Arbeitnehmervertreter sondern zugleich als Teil der Selbstverwaltung Gersters Arbeitgeber. Nicht nur indem er ABM und Weiterbildungsmaßnahmen als uneffizient rigoros zusammenstrich, verscherzte es sich Gerster mit den Gewerkschaftern, sondern mit seinem undiplomatischen Manager-Auftreten schließlich auch bei den Arbeitgebern.

Knallharte Abrechnung

Hier habe jedes Verwaltungsratsmitglied "seine eigenen Erfahrungen gemacht", stichelte DGB-Vizechefin Ursula Engelen-Kefer nach Gersters Entmachtung am Samstag bei einer Pressekonferenz, die zur knallharten Abrechnung mit dem Vorstandschef wurde. Arbeitgebervertreter Peter Clever betonte, es bestehe "ein breiter Konsens, dass Herr Gerster als Person mittlerweile dem Reformprozess mehr schadet als nutzt".

Die umstrittenen Beraterverträge waren nur noch Randthema, Gerster wurden vielmehr die endlosen Negativschlagzeilen zur Last gelegt. Damit würden "all die positiven Dinge, die auch von Herrn Gerster auf den Weg gebracht worden sind, in den Hintergrund gestellt, wenn nicht gar zunichte gemacht", sagte Engelen-Kefer. "Das ist unser hauptsächliches Argument gewesen, dass wir keine Chance mehr sehen, dass dies gestoppt wird." Gerster ziehe "in seiner Person Pfeile auf sich".

Allerdings wurden die Medien in den vergangenen Tagen nicht nur von Mitarbeitern der Behörde reichlich mit Munition versorgt, sondern auch aus so genannten "Verwaltungsratskreisen".

Ende einer Politkarriere

Gerster wird dies als tiefe Ungerechtigkeit empfinden. Stets betonte er, in 30 Jahren Politkarriere nie in Affären verstrickt gewesen zu sein. Der 54-Jährige Arztsohn stammt aus einer politisierten Familie: Der Großvater engagierte sich in der Zentrumspartei, der Vater in der FDP, Onkel Johannes Gerster war langjähriger CDU-Politiker, Schwester Petra ist Moderatorin beim ZDF.

Erfolg in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit

Er selbst trat als 17-Jähriger in die SPD ein, wurde mit 25 in seiner Heimat Worms Stadtrat und drei Jahre später Landtagsabgeordneter. Als Sozialminister erregte er als Arbeitsmarkt-Reformer bundesweit Aufsehen, drückte in in Rheinland-Pfalz die Arbeitslosenquote gegen den Bundestrend in vier Jahren von neun auf 6,6 Prozent.

Kurzzeitig war Gerster sogar anstelle von Kurt Beck als Ministerpräsident im Gespräch, später für einen Posten im Bundeskabinett. Doch nach dem Vermittlungsskandal machte ihn Kanzler Gerhard Schröder im Februar 2002 zum Chef der Nürnberger Bundesanstalt.

Die Arbeit trägt langsam Früchte

Nach nur 23 Monaten muss Gerster seinen Posten jetzt räumen - zu einem Zeitpunkt, als sein Kurs mit Monat für Monat sinkenden saisonbereinigten Arbeitslosenzahlen langsam erste Blüten trägt. Die Früchte werden nun andere ernten.

Der alte SPD-Politiker und ehemalige Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi sagte einmal, in der Politik scheitere man immer zuerst an sich selbst. Für Florian Gerster bewahrheitete sich dieser Lehrsatz auf bittere Weise.

Michael Pohl, AP AP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker