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TV-Kritik "Anne Will": Der faulige Atem des Arbeitsmarkts

Der Fall Schlecker hat gezeigt, wie manche Unternehmer Leiharbeit dazu missbrauchen, Lohndumping zu betreiben. Lobbyisten bemühten sich in Anne Wills ARD-Talkrunde um Schadensbegrenzung.

Von Roman Heflik

Atmen, das ist ein schönes Wort. Da denkt man an: mal tief Luft holen, sich entspannen, einfach mal leben. Daran dachte wohl auch Florian Gerster, ehemaliger Chef der Bundesagentur für Arbeit. Gerster ist heute Präsident des Arbeitgeberverband Neue Brief- und Zustelldienste und damit Chef-Lobbyist für private Niedriglohn-Postdienste wie PIN und TNT. Die Leiharbeit, erklärte Gerster den anderen Talkgästen von Anne Will gleich mehrmals, sei nötig für den "atmenden Arbeitsmarkt". In Boom-Zeiten könnten Arbeitgeber schnell und unkompliziert Mitarbeiter einstellen, die sie nach getaner Arbeit wieder zu ihren Leiharbeitsfirmen zurückschicken könnten. Einatmen, ausatmen. Das klingt ruhig und friedlich, so ganz anders als der Titel der Sendung, "Methode Schlecker - Faire Arbeitsplätze Fehlanzeige?"

Da konnte Achim Neumann, bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für Schlecker zuständig, nur den Kopf schütteln: "Was bei Schlecker gerade passiert, hat aber mit einem atmenden Arbeitsmarkt nichts zu tun." Auch Schlecker beschäftigt Leiharbeiter: Zuerst feuerte das Unternehmen Hunderte Mitarbeiter, um sie dann über eine zuvor selbst gegründete Leiharbeitsfirma zu schlechteren Konditionen wieder einzustellen.

Ex-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin ging die Leiharbeitsfirmen aggressiv an: "Theoretisch mag Zeitarbeit der Abfederung von Produktionsspitzen dienen. Aber in Wirklichkeit wird damit Schmutzkonkurrenz nach unten betrieben." Die Arbeitgeber würden die niedrigen Stundenlöhne und den schwachen rechtlichen Status der Leiharbeiter bloß missbrauchen, um damit ihre Stammbelegschaft unter Druck zu setzen.

"Problematisches" Verhalten von Schlecker

"Problematisch" sei das Verhalten von Schlecker, räumte der sonst so schneidige Gerster ein. Und wagte sogar die Aussage: "Ein Unternehmer, der auch in normalen Zeiten Leiharbeiter oder geringfügig Beschäftigte nimmt, statt Personal einzustellen, ist ein schlechter Unternehmer."

Schließlich durfte auch Peter Mumme, Präsident des Arbeitgeberverbandes Mittelständischer Personaldienstleister (AMP) zu Wort kommen. Von den Vorgängen bei Schleckers Leiharbeitsfirma Meniar, bis Dezember Mitglied im AMP, will Mumme erst aus den Medien erfahren haben. Sein eigenes Zeitarbeitsunternehmen habe schon tausende Menschen mittels Zeitarbeit in gute Arbeit gebracht, bei ihm würden Mitarbeiter menschlich behandelt werden: "Das Wort Leiharbeit vermeide ich, ich spreche lieber von Mitarbeitern."

Einen Knacks bekam diese Menschlichkeit allerdings durch einen kleinen eingespielten Beitrag. Da wurde aus einem Schreiben zitiert, das Munnes Unternehmen an entliehene Mitarbeiter gerichtet hatte und das sich wie ein Drohbrief liest: Jeder solle sich klarmachen, heißt es, dass der "Missbrauch von Krankenscheinen" und das Verweigern von Überstunden die Gefahr von Arbeitslosigkeit vergrößere. Mumme geriet sichtlich ins Schwimmen: Der Ton des Schreibens sei wohl falsch gewesen, gab er kleinlaut zu. Aber bei besagtem Projekt sei der Krankenstand einfach zu hoch gewesen.

Nur eine Richtung für Leiharbeiter-Löhne

Florian Gerster bat, man möge doch bedenken, dass Leiharbeit Arbeitsplätze geschaffen habe: Zwei von drei Leiharbeitern vorher arbeitslos gewesen seien. Außerdem, so Gersters These, verhindere die Leiharbeit, dass Druck auf die Stammbelegschaften und auf deren Kündigungsschutzregeln ausgeübt werde. Die Leiharbeitsfirmen als Retter der festen Stellen?

Doch während die Zuschauer noch auf diesem Argument zu kauen hatten, schoss sich Gerster argumentativ selbst ins Bein. Er hatte nach einem Beleg für das doppelbödige Spiel der Gewerkschaften gesucht: Einerseits würden sie Zeitarbeit nach außen ablehnen, andererseits selbst aktiv fördern, beschwerte sich Gerster. So habe beispielsweise die IG Metall die Produktion des Touran in Deutschland halten wollen und dafür auf dem Werksgelände gewissermaßen ein eigenes Werk gegründet, in dem 20 Prozent niedrigere Löhne gezahlt worden seien. Gersters Beispiel ist kein Ruhmesblatt für die Gewerkschaft, doch sie zeigt eben auch - je leichter es wird, Leiharbeiter in einer Volkswirtschaft einzusetzen, desto eher kennen die Löhne nur eine Richtung: abwärts. Man könnte auch sagen: Unter dem enormen Lohndruck nach unten atmet der Arbeitsmarkt nur noch faulige Luft aus, und keine frische mehr ein.

Darauf hätte man Gerster durchaus festnageln können oder auch darauf, was ein Leiharbeiter nun eigentlich verdienen soll – hätten sich Will und ihr Team nicht so viel vorgenommen. Wie bei jeder Sendung wurde ein Betroffener interviewt, ein 26-jähriger ehemaliger TNT-Briefträger, der zwar kein Zeitarbeiter war, sich aber bei einem Stundenlohn von 7,60 Euro auch ausgebeutet fühlte und deswegen gekündigt hatte. Perspektive: Arbeitslosigkeit. Dann peitschte die Redaktion noch zwei Einspieler-Filme über Gewerkschaften und deren Lohnforderungen sowie über preisbewusste Konsumenten durchs Programm. Fazit: Irgendwie scheinen alle irgendwo ein bisschen an den Missständen und Ungerechtigkeiten im Arbeitsmarkt mitschuldig zu sein.

Was das nun noch mit Schlecker und Leiharbeit zu tun hatte, darüber dürften allerdings nur die wenigsten Zuschauer den Überblick behalten haben. Und die Frage, wer denn nun wie für faire Arbeitsbedingungen sorgen könnte, bleibt wohl fürs Erste weiter ungeklärt.