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Nach Absetzung: Gerster sieht sich als Opfer

"Das Ergebnis stand fest, bevor der Prüfungsbericht der Innenrevision vorliegen konnte", sagt der geschasste Vorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Florian Gerster, und sieht sich als Kampagnen-Opfer.

Der geschasste Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Florian Gerster, hat heftige Kritik an seiner Absetzung durch den Verwaltungsrat der Nürnberger Behörde geübt. Beim ersten öffentlichen Auftritt nach seiner beschlossenen Entlassung stellte sich Gerster in der ARD-Talk-Show 'Sabine Christiansen' am Sonntagabend als Opfer einer Kampagne und eines im Vornherein abgekarteten Spiels dar. Zugleich räumte er auch eigene Fehler ein.

Der Verwaltungsrat habe sich bereits vor dem Misstrauensvotum am Samstag auf seine Haltung festgelegt, sagte Gerster: "Das Ergebnis stand fest, bevor der Prüfungsbericht der Innenrevision vorliegen konnte." Das Kontrollgremium habe ihm jedoch keine Fakten vorlegen können, die eine Entlassung hätten rechtfertigen können, betonte Gerster. Selbst die festgestellten Fehler bei der Vergabe von Beraterverträgen seien als nicht gravierend genug eingeschätzt worden. "Mir wurde gesagt, nein, das gibt es nicht her, aber sie müssen trotzdem gehen", sagte Gerster.

Es sei nur um Stilfragen gegangen

Er habe erleben müssen, dass viele Mitglieder des Verwaltungsrates sich mit erkennbar schlechtem Gewissen einem Gruppendruck gebeugt hätten. Bei letztendlich nur einer Gegenstimme verstehe er, dass die Regierung dann so handeln und ihn habe entlassen müssen, sagte Gerster Ein vorzeitiger Rücktritt sei für ihn nicht in Frage gekommen: "Ich wollte kämpfen und ich wollte denen, die mich nach Hause schicken in die Augen sehen", sagte Gerster.

Der Verwaltungsrat habe das Misstrauensvotum ihm gegenüber nur mit Stilfragen begründet. "Ich kämpfe mit einem Bild, das Menschen erzeugt haben, die mich zum Teil gar nicht kennen oder die ein Interesse daran hatten, dieses Bild so zu malen", verteidigte sich Gerster gegen den Vorwurf der Arroganz und Selbstherrlichkeit. Er räumte jedoch ein, dass es "sowohl in Stilfragen, wie auch im konkreten Verhalten den einen oder anderen Fehler gab".

Er selbst sei aber nur in einem einzigen Fall, bei dem umstrittenen Beratervertrage für die PR-Firma WMP-Eurocom persönlich an der Auftragsvergabe beteiligt gewesen. Sein "Anfangsfehler" sei dabei gewesen, dass er sich im Vornherein auf die Firma festgelegt habe und dies mit Eilbedürftigkeit rechtfertigen wollte. "Es war ein Beurteilungsfehler, und wir hätten tatsächlich ein Vierteljahr warten müssen und richtig ausschreiben. Dann hätte ich den ganzen Schlamassel nicht am Hals gehabt", sagte Gerster.

Er fühlt sich gewissermaßen öffentlich hingerichtet

Mit den anderen Beraterverträgen habe er persönlich nichts zu tun gehabt. Er trage zwar dafür die Gesamtverantwortung, es sei aber nicht angemessen deshalb "jemanden gewissermaßen hinzurichten öffentlich", kritisierte Gerster. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement habe ihn jedoch bis in die letzten Tage "menschlich und sachlich auf Beste unterstützt", dankte Gerster.

Für seine geleistete Arbeit zog der abgesetzte BA-Chef eine positive Bilanz. Der Reformprozess sei gut in Gang gekommen: "Wir haben dem Bund über eine Milliarde zusätzliche Bundeszuschüsse erspart", sagte Gerster. Die Arbeitslosenzahl sei um 100.000 niedriger, als angesichts der Konjunkturlage normal gewesen wäre. Es wäre deshalb eine "Tragödie", wenn der Umbauprozess nach seinem Weggang zum Erliegen kommen würde, warb Gerster für eine Fortsetzung der Reformen. Was er jetzt beruflich machen werde, wisse er noch nicht.

Nachfolger noch offen

Der BA-Verwaltungsrat hatte Gerster am Samstag nach monatelangen Querelen über Beraterverträge mit 20 gegen 1 Stimme das Vertrauen entzogen. Bei der Nachfolgeregelung hat der Verwaltungsrat das Vorschlagsrecht. Ernannt wird der BA-Chef vom Arbeitsminister.

SPD-Fraktionschef Franz Müntefering sprach sich am Sonntag in Kiel für eine schnelle Nachfolgeregelung aus. Die Behörde dürfe keinen Schaden nehmen und müsse ihre Modernisierung fortsetzen. DGB-Chef Michael Sommer favorisiert wie Clement einen erfahrenen Manager als künftigen Chef der Bundesagentur. Er denke dabei etwa an Arbeitsdirektoren in Konzernen, sagte Sommer in der ZDF-Sendung 'Berlin direkt.' "Was man nicht braucht sind abgetakelte Politiker, abgetakelte Wirtschaftsführer."

Der FDP-Arbeitsexperte Dirk Niebel schlug den Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Franz vor. "Eine Entpolitisierung des BA-Vorstandes ist dringend geboten", sagte Niebel dem 'Mannheimer Morgen'. Franz leitet das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und gehört zu den fünf Sachverständigen, die die Bundesregierung bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung beraten.