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Bundestagswahl 2013 Die Sprechblasen-Show der SPD-Troika


Die Sozialdemokraten machen Peer Steinbrück zum Merkel-Herausforderer. Die 15-minütige Inthronisierung wirkt ziemlich absurd. Und man ahnt: Lange wird die Spätsommerharmonie wohl nicht halten.
Von Tilman Gerwien

Preisfrage: Was muss man eigentlich tun, um als Journalist nicht zum Zyniker zu werden, angesichts solcher Auftritte wie der "Kandidatenkür" des Genossen Peer Steinbrück im Willy-Brandt-Haus? Hilft viel Bewegung an der frischen Luft? Oder gibt es ein Gegengift? Alkohol vielleicht? Und wie viele Biere muss man trinken, um das ertragen zu können: Drei Mannsbilder auf einer Bühne, davon einer, Peer Steinbrück, der Kandidat, der Kanzlerkandidat - , der bloß nichts Falsches sagen will und dazu Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier, die mehr oder weniger gequält lächeln? Dazu das übliche Bla Bla: Schwierige Zeiten, richtiger Mann, gemeinsame Ziele. Und, man hat es vorher befürchtet: Große Geschlossenheit. Die darf nie fehlen, die große Geschlossenheit. Der Tag wird kommen, er ist nicht mehr weit, an dem der erste Journalist auf einer Pressekonferenz in Berlin aufsteht und erklärt: "Wenn hier nochmal einer von 'großer Geschlossenheit' redet, kriegt er amtlich eins auf die Glocke."

Ein letzter Aufmarsch der Troika

Heute ist es noch nicht so weit. Heute erlebt man zum letzten Mal die "Troika" in Aktion. Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück wollten die Entscheidung, wer bei der nächsten Bundestagswahl gegen Angela Merkel antritt, erst Ende 2012/Anfang 2013 unter sich ausmachen. Weil das eine zunehmend lächerliche Veranstaltung wurde, musste jetzt ein Ende gefunden werden. Großer Auftrieb im Willy-Brandt-Haus, eine Wand von Fotografen und Kameraleuten verdeckt die stattlichen Herren, oben auf den Galerien des Atriums die versammelte Belegschaft. Es ist Deutschlands älteste und sentimentalste Partei. Geschichte wird hier heute gemacht, vielleicht fließen ja Tränen?

Steinbrücks Nähe zu Brandt

Aber nix da, die SPD des Jahres 2012 weint nicht mehr, erst mal muss der Parteichef deutlich machen, dass er der Kandidatenmacher war, wobei das Ganze eher nach dem Verfahren der Negativ-Auslese vor sich ging, wie nun zu erfahren ist. Gabriel erzählt, dass er schon im Frühjahr 2011 entschieden, war, nicht den Merkel-Herausforderer zu machen, Steinmeier wollte vor vier Wochen auch nicht mehr, blieb nur noch Steinbrück: Der wollte, na klar. "Peer Steinbrück wird jegliche Unterstützung von uns beiden erhalten", sagt Gabriel - und das ist in der SPD durchaus eine Nachricht. Steinmeier lächelt die meiste Zeit spitz ins Publikum oder in sich hinein, als wolle er sagen: "Bin ich froh, dass diese ganze Sch... an mir diesmal vorbeigeht."

Die drei stehen oben auf der Bühne, vom Publikum aus gesehen an den linken Rand haben die Organisatoren des "Pressestatements" Steinbrück platziert, das soll jetzt aber wohl keine politische Richtungsaussage sein. Steinbrück steht damit am nächsten an der überlebensgroßen Schrumpel-Skulptur von Willy Brandt, die das Atrium der Parteizentrale ziert. Die Hand von "Willy" scheint ein wenig über dem kahlen Schädel des Peer Steinbrück zu ruhen, als wolle sie ihm den Segen erteilen. Vielleicht hat das was zu bedeuten. Vielleicht bedeutet es auch nichts.

Der gebremste Kandidat

Dann endlich er selbst, Peer Steinbrück, seit ein paar Minuten der Kanzlerkandidat. "Arschloch!", "Bullshit", "Scheiße" und Idiot", das kam dem bekennenden Choleriker früher doch immer recht flüssig über die Lippen, aber was ist das hier? "Auf Vorschlag des Parteivorstandes und nach Zustimmung der Gremien" nehme er die verantwortungsvolle Aufgabe wahr und stelle sich zur Verfügung. "Auch aus stilistischen Gründen" will er jetzt nichts weiter sagen und erst "den Gremien meiner Partei" zur Verfügung stehen. Die Demut in Person. Und das hier, in diesem Haus, das für ihn, den Parteiverächter, so etwas wie die Dunkelkammer des Bösen sein muss, hier, wo sie überall sitzen, die Papierchenschreiber, Bedenkenträger, sozialdemokratischen Grundsatzwächter, all die Nervensägen, die einen wie ihn am richtig schönen Durchregieren hindern können.

Kann gar nicht sein, diese Spätsommerharmonie, wird auch so nicht bleiben, das weiß jeder, der die SPD kennt und ihre Fähigkeit, große Dramen zu inszenieren. Der Kandidatenmord an Kurt Beck am Schwielowsee. Die Flucht von Oskar Lafontaine. Die Tränen von Egon Bahr, als "Willy" zurücktreten musste. Jetzt aber ist kein Drama angesagt, jetzt, so versichert Steinbrück, bahne sich sogar beim parteiinternen Streit ums richtige Rentenkonzept "eine Lösung an, auf der jedweder Kandidat sich glaubwürdig bewegen kann".

Nach einer guten Viertelstunde ist alles vorbei und keiner scheint das irgendwie zu bedauern. Die drei von der "Troika" nicht, die Journalisten nicht, auch die Mitarbeiter des Willy-Brandt-Hauses nicht.

Es ist schönes Wetter in Berlin. Das Wochenende naht. Nichts wie raus hier. Andrea Nahles steht vor den Kameras und sagt schnell noch was: "Jetzt ist Attacke angesagt. Wir haben ein Zugpferd."

Nun ja.


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