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"Anne Will" zu Covid-19 "Es ist fünf nach zwölf": Mediziner fordert schnelle Corona-Bekämpfung statt Wahlkampf

Anne Will spricht mit ihren Gästen über das Thema: "Streit um die Bundes-Notbremse – lässt sich die dritte Welle so brechen?"
Anne Will spricht mit ihren Gästen über das Thema: "Streit um die Bundes-Notbremse – lässt sich die dritte Welle so brechen?"
© NDR / Wolfgang Borrs
War die Trendumkehr in der Coronakrise ein ernsthaftes Versprechen der Bundeskanzlerin? Und was ist daraus geworden? Mediziner Michale Hallek warnt eindringlich: "Es ist fünf nach zwölf." Er appelliert an die Politik, endlich an einem Strang zu ziehen. Und zwar schnell. 
Von Sylvie-Sophie Schindler

Wo bleibt die versprochene Trendumkehr? Äh, ja, damit ist jetzt die Bundeskanzlerin gemeint. Ende März sagte Angela Merkel bei "Anne Will" in Bezug auf die Drunter-und-Drüber-Coronapolitik: "Ich werde dem jetzt nicht 14 Tage tatenlos zusehen." Wieder zurück mit ihrer Sendung aus der Osterpause, auf der Agenda das Thema "Streit um die Bundes-Notbremse – lässt sich die dritte Welle so brechen?", stellt die Moderatorin am Sonntagabend fest: "Die Kanzlerin hat nicht Wort gehalten."

Auch Michael Mülller kommt zu diesem Ergebnis: "Die Kanzlerin hat nicht reagiert." Und Christian Lindner fügt mit einem Hinweis auf einen Brief an Merkel, in dem er den Gesetzentwurf der Bundesregierung für einheitliche Corona-Maßnahmen ablehnte, hinzu: "Die Kanzlerin hat nicht geantwortet." 

Die Talkgäste im alphabetischen Überblick:

  • Peter Altmaier (CDU), Bundesminister für Wirtschaft und Energie
  • Melanie Amann, Leiterin des "Spiegel"-Hauptstadtbüros
  • Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen), Fraktionsvorsitzende im Bundestag
  • Michael Hallek, Direktor der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln
  • Christian Lindner (FDP), Parteichef und Fraktionsvorsitzender im Bundestag
  • Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin

Auch wenn unbestritten ist, dass Angela M. keine Ambitionen hat, "Germany's Next Topmodel" zu werden, so könnte sie immerhin gerade jetzt das Heidi-Klum-Credo beherzigen: "Du musst alles geben." Nun kann man sagen: "Hey, wie ungerecht, wer kann schon mal eben so eine Pandemiebekämpfung" – die Talkgast Michael Hallek gar "Gesamtkunstwerk" nennt – "locker aus dem Ärmel schütteln; also bitte mehr Nachsicht!" Aber inzwischen ist´s so, dass man sich fragt, wieso alles so gemütlich läuft, wenn die Lage so brisant ist, was ist denn da eigentlich los.

Hallek warnt mit Blick auf die Intensivstationen: "Es ist fünf nach zwölf." Ungefähr zwei Drittel sämtlicher Krankenhäuser mit Intensivstationen seien nicht aufnahmefähig. Man würde bereits eine "weiche Triage" machen, was bedeute, dass alle nicht unbedingt nötigen Eingriffe verschoben würden. Zugleich stellt er fest: "Der Anstieg ist momentan nicht exponentiell, sondern bleibt linear."

"Lassen Sie den Wahlkampf beiseite"

Dass die Lage auf den Intensivstationen so sei, käme nicht unerwartet. "Das war mit Ansage, Warnungen gibt es schon seit Januar", erinnert Hallek, der sich bei "NoCovid" engagiert. Medizin solle nicht "reparieren" müssen, sondern vor allem präventiv wirksam sein. Denn: "Eine Intensivstation ist kein Sehnsuchtsort der Menschen." Nun sei es dahin gekommen, dass sich die Menschen in einer Demokratie während einer Pandemie nicht mehr sicher fühlten. Daher appellierte er, nun "schnell und einheitlich" zu agieren, am besten innerhalb der nächsten fünf Tage. "Lassen Sie den Wahlkampf beiseite", mahnt er die Politik. Man solle wieder spüren können, "dass alle an einem Strang ziehen." - Eine mehr als deutliche Botschaft.

An einem Strang ziehen, wäre das eine. Nur: Wie geht Pandemiebekämpfung? Altmaier bittet Mediziner Hallek – und zwar ohne jede Ironie – ihm "Vorschläge zur Pandemiebekämpfung" zu machen. Wie bitte? Nach all den Monaten? Man glaubt, nicht richtig gehört zu haben.

Timmendorf: Geschlossene Strandkörbe stehen auf dem fast menschenleeren Strand an der Ostsee

Altmaier scheint überhaupt in seiner ganz eigenen Realität zu leben. Als er davon spricht, das oberste Ziel sei, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden, fügt er alarmiert an, dass im Moment die höchste Belastung zu vermelden sei. Dem widerspricht Will und verweist darauf, dass die Belastung im Januar noch höher gewesen sei. Altmaier ignoriert das. Noch viel lieber ignoriert er Katrin Göring-Eckardt, die ihn mehrmals dahingehend in die Pflicht nehmen will, endlich in der Arbeitswelt durchzugreifen. Bisher sei alles "zu lasch". "Sie tun nichts", wirft sie dem Wirtschaftsminister vor. Altmaier kontert, dass viele Betriebe ohnehin freiwillig Tests durchführten und dass man Homeoffice nicht verpflichtend für alle machen könne, weil es Arbeitnehmer in beengten Wohnverhältnissen gäbe.

Lindner kritisiert Ausgangssperren

Christian Lindner hat auch keine Lust, sich Vorwürfe machen zu lassen. "So einfach ist es nicht, in einer Pandemie Entscheidungen zu treffen." Er verweist zudem auf enorme wirtschaftliche und soziale Folgen. Deutlich gibt er seinen Ärger über die "gescheiterte Osterruhe" zu erkennen und macht klar, dass man sich nicht mehr erlauben könne, Vorhaben ohne Vorbereitung umsetzen zu wollen. Gerade in einer "so sensiblen Frage wie der nächtlichen Ausgangssperre". Wiederholt macht Lindner deutlich, dass er hier nicht zu den Befürworten gehört und verweist auf den "massiven Eingriff in die Grundrechte".

Auch Müller gibt zu erkennen, dass er es nicht problematisch fände, wenn Menschen nachts spazieren gingen: "Die Beratung aus der Wissenschaft ist eindeutig, dass drinnen mehr passiert als draußen."

So betrachtet, könnte man überhaupt viel mehr nachts spazieren gehen anstatt sich, man muss es leider wiederholt so sagen, einen ermüdenden Corona-Talk nach dem anderen reinzuziehen. Nur gäbe es dann womöglich eine nächste Spreader-Gruppe: die der nächtlichen Talk-Flüchtlinge. Und darüber wiederum müsste man dringend in einem nächsten Talk sprechen. Kurz gesagt: Es hört wohl niemals auf.

mad

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