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CDU/CSU: Nur Seehofer kann Merkel retten

Umweltgesetzbuch, Steuersenkungen, Mehrwertsteuer: CSU-Chef Seehofer lässt es krachen. Das Kalkül: Die CSU muss sich abgrenzen, um wieder 50 Prozent gewinnen. CDU-Chefin Merkel erduldet die Angriffe.

Von Tiemo Rink

Eigentlich ist Politik ganz einfach zu verstehen. Schon wenige Merksätze reichen aus. Einer von ihnen lautet: "Bayern werden nicht Kanzler." So scheiterte Franz-Josef Strauß 1980 gegen den sozialdemokratischen Amtsinhaber Helmut Schmidt. Und so ging Edmund Stoiber 2002 gegen Gerhard Schröder baden. Sportlich gesehen lässt sich sagen, bayerische Bundespolitiker sind so was Ähnliches wie die Fußballer von Bayer Leverkusen: ewige Zweite. Und dennoch ist der Freistaat für die Union extrem wichtig. Denn in keinem anderen Bundesland holen die Konservativen bei Bundestagwahlen mehr Stimmen. Stimmen, auf die auch Kanzlerin Angela Merkel unter keinen Umständen verzichten kann. Bayern werden vielleicht nicht Kanzler, Kanzlermacher sind sie allemal.

Wie bedeutsam die bayerische Schwesterpartei für die CDU ist, wurde bei der letzten Bundestagswahl deutlich. Mit 35,2 Prozent hatte die Union am Ende nur einen Punkt Vorsprung vor der SPD. Bedanken für ihren Wahlsieg konnte sich Angela Merkel in erster Linie bei der CSU, bei der rund dreieinhalb Millionen Bayern ihr Kreuz machten. Hochgerechnet auf die gesamte Republik steuerte die CSU so gut sieben Prozent zum Wahlsieg der Union bei. Ohne die Stimmen aus Bayern wären der CDU gerade einmal knapp 28 Prozent geblieben - Gerhard Schröder wäre wohl immer noch Kanzler. Die CDU ist also auf die CSU dringend angewiesen. Und an dieser Stelle könnte es auch für Merkel im September bei der Bundestagswahl richtig eng werden. Denn sollte die CSU eine ähnliche Pleite wie bei der letzten Landtagswahl im Oktober 2008 erleben - es wäre vielleicht nicht nur das Ende von Ministerpräsident Horst Seehofer. Mit ihm stürzen würde wohl auch Angela Merkel.

Auftritt der Freien Wähler

Das können beide nicht wollen. Doch wie lassen sich möglichst viele Stimmen gewinnen - für CDU und CSU? "Bürgerliche Wähler schätzen die Einigkeit besonders hoch", sagt Wolfgang Bosbach, stellvertretender Fraktionssprecher der Union, zu stern.de. Also beschwört der CDU-Mann die Geschlossenheit. "Wir sind nur gemeinsam stark", sagt Bosbach, "wenn wir uns gegenseitig streiten, schwächen wir uns am Ende nur selber." Doch diese Strategie des Anschmiegens gilt in der CSU seit den Zeiten von Erwin Huber und Günther Beckstein als gescheitert. Sagenhafte 17,3 Prozent büßten die bayerischen Konservativen bei den Landtagswahl im Oktober 2008 ein. Beckstein und Huber mussten zurücktreten, ebenso die beeindruckend erfolglose CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer.

Profitieren vom Absturz der CSU konnten vor allem die Freien Wähler (FW), die auf Anhieb gut zehn Prozent holten. Berauscht von diesem Erfolg treten die FW im Juni auch zur Europawahl an. Das wiederum gefällt der CSU nicht - schließlich wildern die Freien Wähler schamlos im konservativen Wählerreservoir. Die anstehende Europawahl wird so für die CSU "zum Kampf ums Überleben", sagt der Politologe Gerd Langguth zu stern.de. Armin Grein, Bundesvorsitzender der Freien Wähler, lässt sich davon nicht irritieren: "Ich habe kein Mitleid mit der CSU". Mit der CDU im übrigen auch nicht. Grein: "Wenn wir bei der Europawahl erfolgreich sind, wird man auch über eine Kandidatur zur Bundestagswahl sehr genau nachdenken müssen."

Ernstfall Europawahl

Sollten Seehofer und Co. im Juni aufgrund der Freien Wähler den Einzug ins Europaparlament verfehlen, dürfte es in Bayern richtig krachen. Um das zu verhindern, hat sich die Partei für einen riskanten Kurs entschieden: Dauerfeuer gegen die Kanzlerin. "Die CSU will sich vor allem deshalb von Merkel absetzen, um die eigene Klientel zu mobilisieren", sagt Langguth zu stern.de. Seehofer nimmt dafür auch in Kauf, dass die Union insgesamt womöglich geschwächt wird - es wäre ein politischer Kollateralschaden, und zwar nicht der erste auf Seehofers Weg.

Geht das Manöver der CSU auf, dürfte am Ende auch Merkel zufrieden sein. Denn auf die Wähler in den neuen Bundesländern kann sie nicht bauen. Schließlich wähle - so Langguth - in Ostdeutschland "traditionell nur rund ein Drittel" aller Wahlberechtigten die CDU. Und selbst das ist ausgesprochen wohlwollend gerechnet. Tatsächlich erreichte die Union bei der letzten Bundestagswahl lediglich in Sachsen 30 Prozent, in allen anderen östlichen Bundesländern lag sie teilweise deutlich darunter. "Nur wenn die CSU zu ihrer alten Kampfstärke zurückfindet, ist das Ziel von 40 Prozent plus X für die Union im Bund denkbar", resümiert Politologe Langguth, selbst Mitglied der CDU ist. "Alles unter 50 Prozent für die CSU wäre verheerend für die Union insgesamt."

Was bleibt Merkel also anderes übrig, als Horst Seehofer viel Glück bei seinem Crashkurs zu wünschen? Freunde kann man sich aussuchen, seine Familie nicht. Noch so ein Merksatz.