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Falscher Verfahrensweg: Keine Verstärkung unter dieser Nummer: Polizei Sachsen forderte wohl an falscher Stelle Unterstützung an

Bei den Ausschreitungen am vergangenen Montag in Chemnitz hat offenbar eine schwere Polizeipanne zur Unterbesetzung geführt. Einem Medienbericht zufolge soll Sachsen Verstärkung angefordert haben - allerdings über den falschen Verfahrensweg.

Unverhohlene Hitlergrüße, Jagdszenen auf Migranten, drangsalierte Journalisten, mindestens 20 Verletzte: Am vergangenen Montag ist es in Chemnitz, der drittgrößten Stadt Sachsens, zu schweren Ausschreitungen gekommen. Rund 7500 Demonstranten, davon schätzungsweise 6000 aus dem rechten Spektrum, standen etwa 600 Einsatzkräften der Polizei entgegen. Die gewalttätigen Szenen haben für schiere Fassungslosigkeit gesorgt und eine Debatte über Defizite der Polizei und die Rolle des Rechtsstaats ausgelöst.

Entgegen der bisherigen Darstellung scheint Sachsen allerdings sehr wohl zusätzliche Einsatzkräfte der Bundespolizei angefordert zu haben: Wie die "Welt am Sonntag" (Wams) berichtet, hat die Polizeidirektion Chemnitz Verstärkung angefordert - allerdings bei der nicht zuständigen Dienststelle. Fehlerhaftes Vorgehen habe dazu geführt, dass der Hilferuf letztlich im Sand verlief.

Ein Hilferuf, der nicht erhört werden konnte

Das Innenministerium in Dresden hat auf Anfrage der Zeitung bestätigt, dass es während des Einsatzes am Abend einen Hilferuf der Polizeidirektion Chemnitz ans Lagezentrum des Innenministeriums gab und die Bundespolizeiinspektion Pirna um Unterstützung gebeten wurde. Das sei allerdings kurzfristig nicht möglich gewesen. 

Zuständig für derartige Anforderungen wäre laut "Wams" aber das Bundespolizeipräsidium in Potsdam und nicht die untergeordnete Dienststelle in Pirna gewesen. Dieser übliche Meldeweg sei "unverständlicherweise" nicht beschritten worden, schreibt das Blatt. Dabei hätten nach Informationen der Zeitung mehrere Hundertschaften nach Chemnitz beordert werden können, bei Bedarf auch mit Hubschraubern.

Erneut Demonstrationen in Chemnitz

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) soll nach der Panne ein Gespräch mit Bundespolizeipräsident Dieter Romann geführt haben, wie die "Welt am Sonntag" weiter berichtet. Daraufhin bot Seehofer öffentlich Unterstützung an: "Sofern von dort angefordert, steht der Bund mit polizeilichen Unterstützungsmaßnahmen zur Verfügung." Roland Wöller, Sachsens Innenminister, nahm das Angebot mit Blick auf kommende Demonstrationen an. 

An diesem Samstag werden Tausende Menschen zu Demonstrationen erwartet. Die Polizei geht von einer Teilnehmerzahl im unteren fünfstelligen Bereich aus. Ein Bündnis aus rund 70 Vereinen, Organisationen und Parteien hat ab Samstagvormittag zu Demonstrationen unter dem Motto "Herz statt Hetze" aufgerufen. Mehrere Politiker wie die Parteichefin der Grünen, Annalena Baerbock, haben sich angesagt. Am Nachmittag sind Kundgebungen der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Chemnitz sowie ein Trauermarsch der AfD und des fremden- und islamfeindlichen Bündnisses Pegida geplant. Dazu wird auch der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke erwartet. 

Chemnitz 
fs / Mit Material der DPA