VG-Wort Pixel

Corona-Runde Liebe Frau Merkel, ich vermisse die Krisenkanzlerin!

Wenn sich die Kanzlerin an diesem Montag mit den Ministerpräsident:innen trifft, sollte die Runde mal einen Plan entwickeln. Einen realistischen. Ein Hilferuf von stern-Autor Andreas Hoffmann.
Liebe Frau Bundeskanzlerin,
ich vermisse Sie, genauer gesagt, ich vermisse die Krisenkanzlerin. Fast 16 Jahre haben Sie in dieser Rolle brilliert: Fukushima, Griechenland, Euro, Flüchtlinge, immer wenn eine Krise auftauchte - Zack! - waren sie da. Gut, manchmal fanden Sie den richtigen Kurs nicht sofort, aber stets hinterließen Sie den Eindruck: Die Frau weiß den Weg.
Aber jetzt?
Weiß keiner den Weg. Schauen Sie sich Nordrhein-Westfalen an, wo ihr Nachfolger als CDU-Chef Armin Laschet, nun ähm, ... regiert. Dortmund wollte vorsorglich die Kitas schließen, aber Laschet sagte: "Nö". Vor den Kameras stritt er sich dann mit der Moderatorin Sandra Maischberger, ob Dortmund wirklich so viele Infektionen habe, oder ob der dortige SPD-Oberbürgermeister nur Wahlkampf machen wolle.

Bürger grübeln: "Wer ist überhaupt zuständig?"

In Niedersachsen und Sachsen dagegen wollten die Städte mehr öffnen, wogegen sich die Länderchefs stemmten, und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) führte gleich zwei Notbremsen ein; bei einer Inzidenz von 100 Fällen pro 100.000 Einwohnern gilt sie fürs Land, bei 200 für einzelne Landkreise, wobei er das wieder geändert hat. Ich verliere langsam den Überblick.
Wo ist die Krisenkanzlerin?
Ja, wir leben im Föderalismus, Länder und Kommunen haben eigene Zuständigkeiten, und Sie können nicht durchregieren. Aber was nutzen eigene Zuständigkeiten, wenn die Bürger grübeln: "Wer ist überhaupt zuständig?"

Wieder und wieder die gleichen Fehler

Seien wir ehrlich, Sie und diese Rasselbande namens Ministerpräsidenten haben sich ausgeruht. Die erste Welle haben Sie gut gemeistert, selbst die Briten wollten deutscher werden, obwohl sie uns sonst so anziehend finden wie ein Veganer einen Kranz Blutwurst. Es kam der Sommer, in dem Sie und die Länderchefs hätten handeln müssen, die Gesundheitsämter aufrüsten, die Heime schützen, die Schulen auf die zweite Welle vorbereiten, aber was passierte? Fast nichts. Masken, Testen, Impfen, bei allem, was den Virus in Schach hält, sahen wir nicht gut aus.
Ja, eine Pandemie hatten wir noch nie, da macht jede Regierung Fehler. Stimmt. Aber warum die gleichen Fehler?
Im November haben wir zu spät das Land dichtgemacht, wofür bis heute knapp 75.000 Menschen mit dem Leben bezahlt haben. Warum wollten Sie auf ihrer letzten Sitzung Anfang März die Einschränkungen lockern? Die Infektionszahlen waren viel zu hoch, sie selbst haben es Mitte Februar vorgerechnet. Die Inzidenz sollte erst unter 50, besser unter 35 Fällen liegen, aber drei Wochen später galten Ihre eigenen Worte nicht mehr. Die Inzidenz lag bei 64, gelockert wurde trotzdem, bei über 107 sind wir nun, wie zuletzt am 26. Januar. Knapp acht Wochen Mühen - alles futsch. Eine "intellektuelle Beleidigung" hat die Virologin Melanie Brinkmann ihre Politik genannt.

Was sagen Sie zur Maskenaffäre?

Zwischenzeitlich haben wir erfahren, dass einige CDU-Mitglieder nichts Besseres zu tun hatten, als sich an der Pandemie zu bereichern. Was sagen Sie eigentlich dazu? Sie haben die Partei doch mehr als 18 Jahre lang geführt. Über das Hin-und-Her bei Astrazeneca will ich gar nicht reden.
Und nun?
Ich glaube, wir besiegen das Virus nur durch kollektives Handeln. Das haben Länder in Afrika und Asien bewiesen, etwa Ruanda (Inzidenz 4,8) oder Vietnam (35 (!) Tote bei 98 Millionen Einwohnern, Wachstum 2020: 2,9 Prozent).  Schnelle, lokale Eindämmung, scharfe Quarantäne, viel Testen, aber auch Appelle. Die neuseeländische Ministerpräsidentin Jacinda Ardern erklärte täglich ihre Politik, schweißte die Bürger zu "ihrem Fünf-Millionen-Team" zusammen.

Wie Vertrauen schaffen? Fehler eingestehen!

Ob Sie Ardern kopieren sollen? Vielleicht. Ich weiß nur, um den Virus zu besiegen, müssen Sie Vertrauen zurückgewinnen, das in der politischen Mitte, die sie lange Zeit bewundert hat, schwindet. Der erste Schritt dazu wäre, Fehler einzugestehen. Wenn Sie also das Treffen beendet haben, und vor den Kameras sitzen, wäre eine Entschuldigung gut: "Sorry, wir haben Anfang März einen Fehler gemacht. Aber jetzt haben wir einen Plan. Einen guten."
Sie wollen doch in den Geschichtsbüchern nicht als jene Kanzlerin enden, die in der größten Krise des Landes versagt hat, oder? Eben.
Herzlichst!
Ihr Andreas Hoffmann
dho

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker