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Corona-Inzidenz in Deutschland Wird 100 die neue 50? Experten warnen vor frühen Lockerungen – das sind die Gründe

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Die Kurve geht nach unten, erstmals seit Monaten liegt die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen in Deutschland unter der Schwelle von 100. Zeit für Lockerungen? Experten äußern Bedenken.

Der strenge Lockdown zeigt Wirkung, die Infektionszahlen haben sich seit Weihnachten halbiert. Deutschland nimmt damit eine wichtige Hürde im Pandemie-Winter: Das Robert Koch-Institut (RKI) gab die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz – also die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche – am Donnerstagmorgen mit 98 an. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte, wenn man so will: Die Ziellinie ist damit noch nicht erreicht, oder zumindest nicht jene Schwelle, die Bund und Ländern vorschwebt. Ihr erklärtes Ziel ist es, den Wert "dauerhaft" auf unter 50 zu drücken – erst dann könne man "wieder Normalität zurückgewinnen", wie im aktuellen Beschluss steht. Soll heißen: konkret über Lockerungen nachdenken. 

Hintergrund: Im vergangenen Jahr wurde eine Inzidenz von 50 als Schwelle dafür definiert, bis zu der die knapp 400 deutschen Gesundheitsämter die Lage unter Kontrolle halten können: also alle Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig machen und in Quarantäne schicken. Wichtig sei, schnell auf den 50er-Wert zu kommen, "damit wir dann über Öffnungen reden können", argumentiert Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Hält die positive Entwicklung an, könnte die Marke – rein rechnerisch – bis Mitte oder Ende Februar erreicht werden. Ob das reicht, bleibt offen: Bis zum 14. Februar sollen die aktuellen Maßnahmen weiter gelten, während ein "Konzept für eine sichere und gerechte Öffnungsstrategie" erarbeitet wird. Auch darauf hatten sich Bund und Länder bei ihrer letzten Videokonferenz geeinigt. Ist der Termin zu halten?

"Eine halbe Kontrolle gibt es bei Feuer nicht"

Über mögliche Lockerungen wird in zwei Bundesländern zumindest schon nachgedacht, auch jenseits einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50. In Schleswig-Holstein hat die schwarz-grün-gelbe Koalition einen Fahrplan vorgelegt, der sich an den Inzidenzstufen 100, 50 und 35 orientiert – und für Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) auch eine Blaupause für Bund und Länder sein könnte (mehr dazu lesen Sie hier). Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), die eine Koalition mit der CDU anführt, hat hingegen Korridore ins Spiel gebracht: Kitas und Schulen könnten bei dauerhaft weniger als 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern zuerst stärker öffnen, bei Werten zwischen 50 und 100 könnten aber auch Dienstleister dazukommen – wenngleich unter Bedingungen, etwa, dass Virus-Mutationen im Griff gehalten werden. 

Auch wenn beide Bundesländer im bundesweiten Vergleich gut dastehen – in Schleswig-Holstein liegt der Wert bei 93,6, in Mecklenburg-Vorpommern bei 86,8 –, halten Wissenschaftler ein Hoffnungmachen auf schnelle Lockerungen für das falsche Signal. Deutschland solle den Erfolg nicht verspielen, rät etwa die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Mehr Freiheiten für alle winken aus ihrer Sicht erst, wenn die Inzidenz auf oder unter 10 gedrückt werde – so wie im vergangenen Sommer.

Dabei gibt es allerdings keine Automatismen. Bei welchen Schwellen welche Corona-Maßnahmen zu lockern sind, ist eine politisch zu klärende Frage. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach twitterte bereits am Mittwochabend: "Ich werde für Fortsetzung des Lockdowns argumentieren" – bis eine Inzidenz von 25 erreicht sei.

Für Forscherinnen wie Viola Priesemann ist die Inzidenz um 100 erst ein kleines Zwischenziel. Sie hält drei weitere Halbierungen der Ansteckungsraten für nötig: auf 50, 25 und schließlich 12,5. Ab dem bisherigen Ziel 50 würden dann ihrer Rechnung nach zwei bis vier weitere Wochen vergehen, bis über ein bisschen mehr Normalität nachgedacht werden könne. Es sei ein Weg, der sich für alle lohne, wirbt die Forscherin für ihre Theorie. Das sei wie bei einem Feuer. Entweder sei es unter Kontrolle – oder eben nicht. "Eine halbe Kontrolle gibt es bei Feuer nicht."

Es gibt Anlass zur Hoffnung, aber zahlreiche Bedenken

Mit ihrer Meinung steht sie nicht allein. Charité-Virologe Christian Drosten hat trotz fortschreitender Impfungen bei Risikogruppen bereits vor zu schnellen Lockerungen gewarnt. Auch andere Virologen wünschen sich Puffer jenseits der Zielmarke 50. Das liegt auch an Varianten des Virus, die ansteckender sind.

"Wir sehen in Deutschland eine wöchentliche Abnahme der Neuinfektionen von rund 20 Prozent", rechnet Sebastian Binder vor, Systemimmunologe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. "Damit wäre ungefähr Mitte Februar die Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche erreicht." Das Institut arbeite an Simulationen, wie schnell sich die Mutationen durchsetzen und wie sich das auf das Infektionsgeschehen auswirken könne. Quantitativ gebe es zwar noch keine Ergebnisse. "Es ist aber ziemlich klar, dass die britische Variante – wenn sie sich durchsetzt – deutlich schärfere Maßnahmen erfordert, um eine Stabilisierung oder Sinken der Fallzahlen zu erreichen", sagt Binder. Aktuell sei es daher sehr wichtig, eine Verbreitung dieser Variante so weit wie möglich zu stoppen.

"Allgemein sind die Erfahrungen aus Großbritannien besorgniserregend", ergänzt der Wissenschaftler. "Ich halte bei der aktuellen Reduktion Lockerungen Mitte Februar für riskant, wenn man die Fallzahlen gering halten möchte." Er befürchte sonst einen erneuten Lockdown in der Folge. "Das gilt übrigens sogar mit dem bekannten Virustyp, umso mehr aber mit der Gefahr einer Verbreitung der neuen Variante."

Auch Binder sieht aber gute Chancen, die Kontrolle über die Pandemie wiederzugewinnen – auf einem Infektionsniveau wie im vergangenen Sommer und ohne harte allgemeine Einschränkungen. "In einem solchen Szenario kann lokal angepasst reagiert werden, wenn es zu Ausbrüchen kommt", sagt er. Alle anderen Regionen könnten mit Abstandhalten, Maskentragen, Hygiene sowie wenigen sonstigen Einschränkungen auskommen. "Bei der aktuellen Rate dauert es selbst ohne Lockerungen aber bis Mitte April, bis wir unter 10 Fällen pro Woche und 100.000 Einwohner sind", sagt auch Binder. Dann ist Ostern vorüber.

"Das Problem sind die Menschen, die gar nicht wissen, dass sie Träger des Virus sind – und es aus Versehen in Schulen oder Altenheime tragen, zu Freunden und Bekannten", sagt Forscherin Priesemann. "Das passiert bei hohen Fallzahlen. Und das passiert trotz der Schutzmaßnahmen." Das Management der Pandemie dürfe sich deshalb nicht allein an Klinik-Kapazitäten orientieren. Test- und Impfkapazitäten seien beschränkt. Auf die Frage, wie lange Immunität anhalte, gebe es noch keine Antwort. Je höher die Fallzahlen, desto eher aber könnten neue Virus-Varianten das Immunsystem und Impfungen umgehen. "Und dann ist man wieder fast bei Punkt Null."

fs / Ulrike von Leszczynski DPA

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