HOME

Kontrollen wegen Coronavirus: Mega-Stau an deutsch-polnischer Grenze wächst sich zur Notlage aus – Bundeswehr soll helfen

An der deutsch-polnischen Grenze geht es für Lkw in Richtung Polen kaum einen Meter weiter. Allmählich entwickelt sich auf der A4 eine Notlage. Die Bundeswehr soll helfen. 

Am Grenzübergang Ludwigsdorf bei Görlitz wächst der Stau aufgrund der polnischen Grenzkontrollen mehr und mehr an. Lastwagen und Autos stauen sich nach Angaben der Polizei vom Mittwoch auf der Autobahn 4 über die Abfahrten Uhyst und Burkau auf einer Länge von mehr als 60 Kilometern. Die Polizei habe damit begonnen, alle Auffahrten auf die A4 ab Bautzen bis Görlitz zu sperren, hieß es. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) will wegen der Situation die Bundeswehr um Hilfe bitten. 

Um eine weitere Verbreitung des Coronavirus zu erschweren, hatte Polen am Wochenende an Grenzübergängen zu Deutschland wieder Kontrollen eingeführt. Angesichts des entstandenen Stau-Chaos haben die polnischen Behörden inzwischen vier Grenzübergänge geöffnet. Übergänge in Frankfurt/Oder, Küstrin-Kiez, und Görlitz wurden für den Verkehr freigegeben, teilte die Bundespolizei in Berlin am Mittwoch auf Twitter mit. Ein weiterer Übergang in Guben wurde demnach ebenfalls freigegeben, aber wegen des zugelassenen Höchstgewichts nicht für Lastwagen und Busse.

Mega-Stau: Rotes Kreuz sieht "bedenkliche Situation"

Nach eigenen Angaben will der polnische Grenzschutz mit der Maßnahme die Situation entspannen und Wartezeiten verringern. Den Angaben zufolge betrug die Wartezeit in Jedrzychowice an der Autobahn 4 bei Görlitz am Mittwoch 30 Stunden, in Swiecko bei Frankfurt/Oder mussten Fahrer demnach zehn Stunden Wartezeit einplanen. 

Wegen der enormen Wartezeiten war das Deutsche Rote Kreuz (DRK) bereits in der vergangenen Nacht mit rund 90 Helfern im Einsatz, um die im Stau Festsitzenden zu versorgen. "Es ist aus unserer Sicht eine humanitär bedenkliche Situation", sagte DRK-Sprecher Kai Kranich am Mittwoch. Teils stünden die Menschen bis zu 20 Stunden im Stau, darunter viele Familien. Weil viele Polen, die in Deutschland arbeiten, aufgrund der Corona-Situation in ihr Heimatland reisen, komme es nun zu einer enormen "Reisewelle". 

Keine Toiletten, keine Verpflegung

Es gebe keine Toiletten, keine Versorgung mit Essen, so Kranich. "Wir haben warme und kalte Getränke verteilt und Decken, weil die Nacht kalt war." Über eine Nacht könne das DRK helfen, nicht aber auf Dauer. Es müsse rasch eine Lösung für das "Riesenproblem" gefunden werden, forderte Kranich. Seit Dienstagmittag ist auch das Technische Hilfswerk (THW) im Einsatz. Man habe Verkehrs- und Rettungswege frei gehalten sowie auf Anordnung der Polizei Autos aus dem Stau gezogen und an die Grenze begleitet, sagte ein Sprecher des THW am Mittwoch. Laut einem Bericht des TV-Senders n-tv suchte die Polizei im Laufe des Tages nach einem Bauern, der in Transportern festsitzende Kühe mit der Hand melken könne. Das Melken sei seit Stunden überfällig, das Brüllen der Tiere sei zu hören, heißt es. Unklar sei auch, wie lange noch Kühlaggregate betrieben werden könnten, um Ware nicht verderben zu lassen.

Stau Google Maps

Der Blick auf Google Maps zeigt: Während im Rest Deutschlands die Straßen frei sind, staut es sich an der Grenze zu Polen

Unterdessen will Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) notfalls die Bundeswehr um Hilfe bitten. Er habe mit der Bundesverteidigungsministerin gesprochen und um Unterstützung bei der Versorgung der Wartenden gebeten, falls sich die Situation weiter verschärfe, erklärte der Regierungschef in Dresden. Der Freistaat sei zudem mit der polnischen Regierung über die Situation im Gespräch, betonte Kretschmer. 15 Minuten zur Abfertigung eines einzelnen Lkws seien nicht dazu geeignet, um die derzeitige Lage zu entschärfen. "Hier muss die polnische Seite schneller reagieren", forderte Kretschmer.

dho / DPA / AFP