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Möglicher Seehofer-Nachfolger Markus Söder?: Er wollte schon immer Macht

Markus Söder möchte lieber heute als morgen die Nummer eins in Bayern werden. Aber er hat zwei Probleme: Horst Seehofer - und sich selbst. Porträt eines Testosteron-Politikers.

Von Tilman Gerwien

Früher Haudrauf, heute bemüht um Seriosität: CSU-Finanzminister Markus Söder in seinem Büro - sein Idol Franz Josef Strauß im Hintergrund

Früher Haudrauf, heute bemüht um Seriosität: CSU-Finanzminister Markus Söder in seinem Büro - sein Idol Franz Josef Strauß im Hintergrund

Dieses Porträt über Markus Söder erschien im stern Nr. 2/2015

Der Wagen des Ministers gleitet durch eine stille Wohnstraße im Westen Nürnbergs. Vor dem Haus mit der Nummer 26 lässt Markus Söder seinen Fahrer anhalten. Hier also fing alles an. Söder zeigt zur oberen Etage. Da war sein Zimmer, überm Bett hatte er ein großes Franz-Josef-Strauß-Poster hängen. Im Erdgeschoss lag ein kleines Büro. Er erinnert sich daran, wie dort jeden Donnerstagabend die Lohntüten für die Beschäftigten seines Vaters abgepackt wurden.

Eben noch hatte er gesagt, er sei "der Sohn eines Maurers, der Erste in der Familie, der überhaupt studieren durfte". Aber wieso dann Lohntüten? Na ja, genau genommen war sein Vater Maurermeister, erzählt er, Inhaber einer kleinen Baufirma, bis zu zehn Mitarbeiter.

Eben noch waren am Wagenfenster schmutzig graue Mietskasernen vorbeigezogen, und Söder hatte sich selbst in dieses Arme-Leute-Panorama gestellt: "Hier kriegt man nichts geschenkt. Hier gibt es keinen billigen Schnaps." Aber jetzt stellt sich heraus, dass er gar nicht in den Mietskasernen aufgewachsen ist, sondern in diesem zweistöckigen Einfamilienhaus. Es gab sogar einen kleinen Garten.

Markus Söder erzählt gern von sich. Aber es ist nicht immer ganz einfach, zu unterscheiden zwischen dem Bild, das er von sich verbreitet, und der Wirklichkeit.

Die Autofahrt geht weiter, Söder zeigt seine Heimatstadt. Rotes Nürnberg, SPD-Hochburg seit Urzeiten. Er, der schwarze Söder, hat hier seinen Stimmkreis mehrmals direkt gewonnen. Er ist sehr stolz darauf. Wenn er von seinem ersten Wahlsieg berichtet, dann klingt es so, als habe er der Sozialdemokratie die Macht damals persönlich aus den Händen gerissen. In Wahrheit aber war der Stimmkreis Nürnberg-West schon acht Jahre in CSU-Hand, als er ihn 1994 erstmals eroberte.

Der Pate von Nürnberg

Kann man diesem Mann vertrauen? Markus Söder, 47, macht seit drei Jahrzehnten Politik, als "Staatsminister der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat" ist er im seriösen Fach angekommen. Aber die Frage, ob man ihm vertrauen kann, klebt an ihm. "Es gibt natürlich Reifungsprozesse in der Politik", sagt er. "Auch bei mir. Je älter man wird, desto mehr erkennt man: Politik ist eine wirklich ernste Sache." Söder nimmt einen Schluck aus der Cola-Flasche und lächelt sein Söder-Lächeln, es changiert zwischen Lausbub und Vorstadtganove. Im Halbdunkel der Limousine bekommt es sogar etwas leicht Diabolisches. In diesem Moment wirkt er nicht wie der Finanzminister des Freistaates Bayern, sondern wie der Pate von Nürnberg.

Die Republik kennt dieses Lächeln seit seiner Zeit als CSU-Generalsekretär. Unbarmherzig konnte er eindreschen auf rote Umverteiler und grüne Chaoten - und gleichzeitig süßliche Plädoyers verfassen für den Verbleib des "Sandmännchens" im ARD-Programm. Schon damals litt er nicht unter Bescheidenheit, seine Machtansprüche lebte er unverstellt aus. Als Günther Beckstein 2007 Ministerpräsident wurde, wollte er Söder zum Staatssekretär in der Regierungszentrale machen. Der lehnte ab und stellte Beckstein vor die Wahl: entweder ein Ministerposten für mich oder gar nichts. Ein paar Tage später war Söder Minister.

CSU-Nachfolge: Kampf um jeden Quadratzentimeter

Macht und Vertrauen - das sind die beiden Lebensthemen des Markus Söder. Macht hat er immer gewollt: mit 16 in die CSU, mit 27 im Landtag, mit 36 Generalsekretär, mit 40 im Kabinett. Viele halten ihn für das größte politische Talent seiner Partei: schnell im Kopf, durchsetzungsstark, volksnah. Aber Vertrauen? Vertrauen ist seine schwache Stelle. Darf so einer Ministerpräsident von Bayern werden? Auf dem Sessel Platz nehmen, wo jetzt noch Horst Seehofer sitzt, das andere große Alphatier der CSU?

Seehofer und Söder liefern sich einen zähen Machtkampf, nie offen erklärt, aber unterschwellig immer greifbar, und dieser Kampf ist mehr als ein bayerisches Provinzdrama. Seehofer träumt davon, bei der Bundestagswahl 2017 mit Angela Merkel die absolute Mehrheit für die Union zu holen. Es wäre die Krönung seines Lebenswerks. Gerät der bayerische Machtkampf außer Kontrolle, könnte das die entscheidenden Stimmen kosten.

Seehofer will selbst entscheiden, wann er aufhört und wer ihm nachfolgt. Im Zweifel favorisiert er die allzeit lächelnde Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, vielleicht auch den unauffällig-seriösen Innenminister Joachim Herrmann. Schon jetzt, beobachtet ein CSU-Parlamentarier, wird zwischen den potenziellen Nachfolgern "um jeden Quadratzentimeter gekämpft". So legt Söder größten Wert darauf, dass er bei der Landtagswahl 2013 in Mittelfranken mehr Stimmen als Herrmann geholt hat, er lässt seine Sprecherin extra noch mal das amtliche Ergebnis raussuchen. Söder: 160.659 Stimmen, Herrmann nur 125.320 - bitte sehr. Tage später reicht die Sprecherin eine Umfrage mit den Popularitätswerten der Nachfolgekonkurrenten nach. Auf Platz eins: Markus Söder. Noch Fragen?

Bei jeder Schweinerei dabei

Seehofer sagt, die Sache eile nicht. "Entscheidend ist der Moment, in dem der König stirbt. Wer dann die beste Performance zeigt, wird es." Söder aber fragt sich: Wann stirbt der König? Und kann ich sein Ende womöglich beschleunigen? Seine Gegner in der CSU trauen ihm alles zu. "Bei jeder Schweinerei in den letzten zehn Jahren war er dabei", sagt einer. "Schwäche kann er förmlich riechen", sagt ein anderer. "Der Erste, der dem Horst das Messer reinrammt, ist der Markus."

Bis heute vermuten einige, dass Söder es war, der vor Jahren die Geschichte von Seehofers Liebesaffäre in Berlin samt außerehelichem Kind der Presse zusteckte. Auch Seehofer selbst hat das für möglich gehalten. Unvergessen sein Ausfall vor zwei Jahren, ausgerechnet auf einem Weihnachtsempfang für Journalisten. Söder leiste sich "zu viele Schmutzeleien", diktierte Seehofer in die Blöcke, habe "charakterliche Schwächen", sei vom "Ehrgeiz zerfressen". Es war eine Demütigung auf offener Bühne. Spätestens seit diesem Tag weiß Söder, dass er leer ausgehen könnte, wenn er brav darauf wartet, dass Seehofer ihm eines Tages die Macht zuteilt. Er muss Druck aufbauen, so viel, dass irgendwann kein Weg mehr an ihm vorbeiführt.

"Ich will einen geordneten Übergang", sagt Horst Seehofer. "Nicht kuschen vor Thronen, so bin ich erzogen worden", sagt Markus Söder. Es klingt nicht so, als ob die Sache gut ausgehen könnte.

Cowboystiefel und Rockabilly-Frisur

Die Partei ist hin und her gerissen. Mit Ilse Aigner würde sie gemocht, mit Söder aber respektiert, vielleicht sogar gefürchtet. Aigner hat die Ausstrahlung einer ober­bayerischen Pensionswirtin, die mit unverwüstlicher Heiterkeit in der Morgensonne die Federbetten ihrer Gäste aufschüttelt. Söder hingegen verbreitet den düsteren Charme einer politischen Drückerkolonne. Einer wie er ist immun gegen den Verdacht, zu viel Platz für Populisten zu lassen. Das mag sein Parteifreund Hans-Peter Friedrich der Kanzlerin vorhalten. Ihm bestimmt nicht.

Dieser Mann ist Fleisch vom Fleische der CSU. Dreimal musste der Halbwüchsige 1983 zum Ortsverband der Jungen Union in Gostenhof-Schweinau laufen, bis die trägen Funktionäre ihm dort einen Mitgliedsantrag aushändigten. Erste Funktion: Beisitzer im Ortsvorstand. Erste Aufgabe: Organisation eines Minigolfturniers. Seine erste Sitzung im CSU-Ortsverein: in der verqualmten Eckkneipe "Schloss Egg", mit einem Häuflein ergrauter Altmitglieder. Damals sagte er sich: "Entweder du gehst. Oder du machst es richtig."

Es waren die 80er Jahre, kurz zuvor hatte es die großen "Stoppt Strauß"-Kampagnen gegeben. Die politische Welt war einfach eingeteilt: links oder rechts, die oder wir. Der junge CSU-Aktivist Söder sah sich als "Straßenkämpfer in den Häuserschluchten des Wahlkreises". In der Fußgängerzone riss er mit seinen Freunden von der JU jedes Jahr am 13. August symbolisch eine Berliner Mauer aus Styropor ein. Er trug Cowboystiefel, dazu Rockabilly-Frisur.

Politiker sind heute entweder ­Ingenieure der Macht - wie Angela Merkel. Oder sie versuchen, ihr Tun mit pompöser Rhetorik moralisch zu überhöhen - wie Ursula von der Leyen. Söder ist ein Politiker alten Typs. Ein Durchboxer - wie einst Gerhard Schröder. "Narben sind die Orden in der Politik", sagt er. In der Stille der Merkel-Ära ist der Durchboxer aber aus der Mode gekommen. Wer heute Karriere machen will, sollte nicht so viel Testosteron versprühen wie Söder.

"Wir sind nicht blöd"

Wie Django entert er das Festzelt in Rothenburg ob der Tauber, breitbeinig pflügt er durch die Menge, zum Ministeranzug trägt er schwere Schuhe in Größe 47, mit dicker Profilsohle. Ein bisschen ist er immer noch der Straßenkämpfer, auch als Regierender.

Bierzelte sind für ihn "die heiligen Hallen der politischen Auseinandersetzung". Dort versorgt er das Volk mit eingängigen Populismen. Söder ist ein Meister darin, die komplizierte Welt in einfache Botschaften zu zerlegen. Mit dem, was Bayern jedes Jahr in den Länderfinanzausgleich einzahlt, so rechnet er vor, könnte der Freistaat 150.000 Lehrer und Polizisten einstellen, 400.000 Krippenplätze schaffen, 1600 Kilometer Straßen bauen. "Die Grenze der Geistesschwäche ist beim Finanzausgleich langsam erreicht", ruft er. "Wir sind solidarisch, aber blöd sind wir nicht!" Unten trommeln die Leute mit den Fäusten auf die langen Holztische.

Die CSU ist nur auf den ersten Blick der selbstgewisse schwarze Riese - in Wahrheit ist sie eine hypernervöse, angstgetriebene Partei. Ständig lebt sie in der Furcht, die Zuneigung der Menschen zu verlieren. Daher setzt sie ihnen nach, unermüdlich, unerbittlich. Und Markus Söder, der im Stimmkreis heute noch eigenhändig Gulaschsuppe an Hartz-IV-Empfänger verteilt und mit seinen Förderbescheiden Bürgermeister und Landräte förmlich verfolgt, ist der prototypische Vertreter dieses bis zur Hysterie gesteigerten Bedürfnisses nach Nähe zum Volk.

Er ist ein guter Finanzminister, er hat die Altlasten der Landesbank abgewickelt, den kommunalen Finanzausgleich reformiert, den Ausbau des Breitbandnetzes beschleunigt. Als 2013 die Flut Bayern heimsuchte, sorgte er dafür, dass Hilfsgelder in wenigen Stunden in den betroffenen Gebieten ankamen. Danach hetzte er, typisch Söder, sofort nach Rosenheim, stieg dort breit grinsend aus dem Auto und sagte zu den versammelten Landräten: "Und, habt ihr schon auf eure Konten geguckt?"

Stützen oder stürzen?

Söder spürt, dass sich etwas verändert hat. "Weniger Ideologie, mehr Problemlösung" werde heute erwartet, "weniger Bekenntnis und mehr Ergebnis". Er versucht, Anschluss zu gewinnen an die neue Zeit, in der Politik nicht mehr der Abenteuerspielplatz für große Jungs sein kann. Es ist der Versuch einer nachgeholten Staatsmannwerdung. Aber oft wirkt die Würde des hohen Amtes bei ihm wie ein eilig übergeworfener Mantel, den er, sobald ein kleiner politischer Vorteil winkt, jederzeit abzulegen bereit ist. Die alten politischen Reflexe aus JU-Kampfzeiten, die ihm stets Sicherheit und Kontur gegeben haben, sind noch da. Und sie bilden eine ständige Versuchung.

In seinen besten Momenten ist er wie kein anderer fähig, der CSU die Illusion zu verkaufen, die Welt könne noch einmal so einfach sein, wie sie einst war. In diesen Momenten ist viel Wärme spürbar. Die Partei findet dann bei ihm Sicherheit. Und er bei ihr.

Aber bis heute fehlt ihm die Gelassenheit all jener, die immer schon dazugehört haben. Einmal, auf einer seiner unzähligen Touren durch Bayern, sagt Söder im Fond seiner Ministerlimousine unvermittelt: "Der kleine Markus aus der Westvorstadt, und jetzt sitze ich hier als Finanzminister. Dafür bin ich dankbar. Das war nicht vorgesehen."

Oft erscheint er wie gefangen in den politischen Kategorien, die seinen Aufstieg begründet haben: Gefälligkeit und Gegenleistung. Macht. Vor allem aber: Kampf, ewiger Kampf. Jetzt, wo er zum letzten Sprung ansetzt, kann er sich von all dem nur mühsam lösen.

Auf verblüffende Weise ähnelt er damit dem alten grauen Wolf, den er wegbeißen will: Horst Seehofer. Letztlich gebe es in der Politik nur die Alternative "stützen oder stürzen", hat der junge Markus Söder einst gesagt. Seehofer würde diesen Satz sofort unterschreiben.

Genau das macht die Spannung zwischen beiden Männern aus. Seehofer erkennt sich in dem jungen Herausforderer wieder. Damit erkennt er aber auch die Gefährlichkeit des Markus Söder: die populistischen Abgründe, die in seinem Politikmodell lauern, wie auch die Bereitschaft zu absoluter Härte in innerparteilichen Machtkämpfen.

"Nur einer stört"

Letztes Jahr nutzte Söder einen Auftritt beim traditionellen Maibockanstich für einen Test, wie weit er mit seiner Respektlosigkeit gegenüber Seehofer gehen kann. "Im Kabinett geht es sehr harmonisch zu, die Stimmung ist gut, nur einer stört", rief er von der Bühne. "Unsere Sorge ist nicht, wann er aufhört, unsere Sorge ist, ob er überhaupt irgendwann aufhört." Es war eine gezielte Provokation gegen den alten Rudelführer, getarnt im Gewand traditioneller bayerischer "Derbleckerei". Kein anderer in der CSU würde sich solche Frechheiten herausnehmen.

Manchmal erscheint Söders Leben wie ein einziges großes Spiel. Ein Spiel, in dem es darum geht, wie weit man es in der Politik bringen kann: mit Schlitzohrigkeit und Härte, mit Anpassungsbereitschaft und Mut. Eine Existenz in der Hochrisikozone der Politik - hin und her gerissen zwischen staatsmännischem Seriositätsversprechen und billigen Effekten, zwischen erzwungener Loyalität zum alten Patriarchen und den Verlockungen des Königsmords. "Politik ist eine gefahrgeneigte Tätigkeit", sagt Markus Söder. "Man muss immer damit rechnen: Morgen kann schon alles vorbei sein."

Söder spielt ein großes Spiel

Ein Abend im Kaisersaal der Münchner Residenz. Gefeiert wird die Thronbesteigung Ludwigs II. vor 150 Jahren, des bis heute tief verehrten "Kini". Fanfarenbläser, Lederhosen, Gamsbärte. In der ersten Reihe Seine Königliche Hoheit, Luitpold Prinz von Bayern. Es ist ganz großes bayerisches Staatstheater, und der Schirmherr der Veranstaltung heißt: Markus Söder, der "Staatsminister für Heimat". Aus seinen Händen erhält der "Verband der Königstreuen" eine Ehrenmedaille.

Wie er da so steht unter schweren Kronleuchtern und seine Laudatio hält, von bajuwarischer Heimatverbundenheit und großen Traditionen schwärmt, wirkt er sehr zufrieden. Er, der Sohn eines Maurermeisters aus Nürnberg-West, hält das Erbe der Wittelsbacher Dynastie schon in den Händen. Wenn auch nur für diesen einen Moment.

Nein, morgen darf nicht alles schon vorbei sein. Das große Spiel, sein großes Spiel - es hat doch gerade erst so richtig begonnen.

Tilman Gerwien, 50, erlebte Markus Söder bei der Recherche unerwartet fürsorglich: Als der stern-Autor seinen Mantel vergessen hatte, half Söder mit seiner Winterjacke aus - viel zu groß, aber warm.

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