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Günther Beckstein: Freundlich blinzelt der Maulwurf

Lange hat er in Bayern auf seine Chance gewartet, im Dunkeln des Machtsystems von Edmund Stoiber. Jetzt kommt Günther Beckstein ans Licht - und der Polizeiminister wandelt sich zum Landesvater, der geliebt werden will. Nahaufnahme eines Mannes, der milder ist, als er zugibt.

Von Tilman Gerwien

Es ist Sonntagmittag, es ist eine Reihenhaussiedlung im Südosten von Nürnberg. Der Stadtteil heißt Langwasser, man kennt solche Gegenden aus "Aktenzeichen xy ungelöst". Sie bilden die Kulisse für die kurzen Filme, in denen Nachbarn "um 22.10 Uhr eine verdächtige Beobachtung machen" oder eine Person irgendwann "das letzte Mal lebend gesehen wird" - Filme, in denen das Böse einbricht in eine verlässliche, geordnete Welt.

Die Häuser sind nicht groß. Sie stehen hinter akkurat geschnittenen Hecken und Mauern, hoch und weiß.

In einem dieser Häuser wohnt Günther Beckstein.

Er fährt jetzt zur Arbeit, er hat zwei große, kastenförmige Aktenkoffer dabei. Er muss noch mal kurz zurück zum Briefkasten, es ist wieder viel Werbung gekommen. Auf dem Briefkasten steht: "Beckstein".

Beckstein geht zum Auto. Er schaut an seiner Anzugjacke herunter. "Schau'n Sie mal", sagt er, "da hab ich mir gerade doch glatt den Knopf abgerissen." Er lächelt. Die Sonne blendet ihn ein wenig.

Eigentlich mag man ihn jetzt. Wie er da so steht vor seinem Haus und an sich herunterguckt, den Knopf in der Hand, da möchte man ihm nicht wehtun.

Ausgerechnet ihm nicht. Dem harten Hund.

Asylanten-Abschieber, Multikulti-Hasser, Kämpfer für Videoüberwachung, Biometrie und Lauschangriff - so kennt man Günther Beckstein seit Ewigkeiten. Keiner hat mit solcher Hingabe versucht, das Böse aus der kleinen deutschen "xy"-Filmkulisse fernzuhalten wie er, der bayerische Staatsminister des Innern, der Ehrenvorsitzende des Arbeitskreises Polizei der CSU.

Aber was seine Karriere betrifft, so führte der harte Hund lange Jahre das Leben eines Maulwurfs. Oben in der Sonne regierte Edmund Stoiber. Unten, im Röhrensystem der CSU, wartete er auf seine Chance. Er buddelte mal hier, er buddelte mal da - Buddeln ist ja nicht verboten. Oben sah man nur seine Häufchen, ihn nicht.

Mit Pauli kamen die Erschütterungen

Dann kam Gabriele Pauli, und die Erschütterungen, die sie im Stoiber-Reich auslöste, blieben dem Erdwesen Beckstein nicht verborgen. Er hat lange gebraucht, sich von Stoiber zu lösen. In seinem Büro steht ein großer Konferenztisch, und oft steht er davor und erinnert sich: "Hier habe ich mit Stoiber gesessen, hier haben wir um Lösungen gerungen, oft bis vier Uhr morgens. Aber es war zum Schluss nicht mehr so einfach mit ihm."

Jetzt haben die Verhältnisse ihn, inzwischen schon 63 Jahre alt, doch noch ans Licht gezogen: Der Maulwurf soll Stoiber beerben, er soll Ministerpräsident des Freistaates Bayern werden. Voller Respekt spricht er von dem "großen Amt". Er ist noch ein wenig blass im Gesicht, nach all den Jahren in der Dunkelheit. Seine kleinen Knopfaugen blinzeln.

"Hätt nie geglaubt, dass ich da als Stoiber-Nachfolger rauskomme"

Es ist alles so grell hier draußen. Aber er gewöhnt sich langsam dran. "Ich bin nach Kreuth und hätt nie geglaubt, dass ich da als Nachfolger vom Stoiber rauskomme", beteuert er. Andere sagen, dass er kräftig mitgebuddelt habe. Als Stoiber ihm in Kreuth unter vier Augen sagte: "Du als Ministerpräsident und der Huber als Parteichef, das gibt doch nur Streit", erkannte der Maulwurf seine Chance. "Müsste man mal ausloten", sagte er ganz harmlos. Stunden später war das Zweckbündnis mit Erwin Huber besiegelt - Stoiber musste weichen. "Der Beckstein ist ein Schlitzohr", sagt Horst Seehofer. "Um es mal ganz vorsichtig zu formulieren."

In Grossgründlach ist an diesem Wochenende der CSU-Neujahrsempfang, und der Maulwurf testet seine neue Rolle. Er hält sorgfältig Ausschau. Er nimmt einen Zettel und notiert Namen: Mehrere Stadträte sind da, oh ja, wichtig! Auch der Kleingartenverein Nürnberg-Ost ist vertreten und der Bürgerverein. Beckstein schreibt sich alle auf, alle wollen begrüßt werden, sie würden es sonst übel nehmen.

Beckstein sagt dann: "Liebe Sylvia, lieber Fritz, ich bin gerne wieder hierher zu eurem Neujahrsempfang gekommen." Wie anders war das bei Stoiber: Der kam immer mit großem Getöse und redete die Leute erst mal platt: "Zukunftsprogramm Bayern 2020", ausgeglichener Haushalt, Bayern Spitze, Spitze, Spitze. Beckstein macht das anders. Er sagt: "Wer hier lebt, muss Deutsch lernen und die Hausordnung beachten!" und wünscht dann "Gesundheit, alles Gute und Gottes Segen!"

Altfränkische Gemütlichkeit und ressentimentgeladene Ausfälle

Altfränkische Gemütlichkeit und ressentimentgeladene Ausfälle gegen alles, was irgendwie anders ist, stehen unvermittelt nebeneinander - und später singt der Chor: "Ja, ja der Frankenwein ...!" Die Menschen sind beseelt. Vorn fängt Beckstein an mitzuklatschen, als Erster. Er will nicht nur Respekt - er will, dass man ihn mag.

Jetzt erkennt man, dass seine Schuhe Kreppsohlen haben. Man sieht die Plakate mit dem Slogan "Näher am Menschen", auf denen er mit Ehefrau Marga vorsichtig in die Kamera lächelt, Beckstein mit knallgelber Krawatte, und dann hat man drei "Helle" getrunken, und alles verschwimmt im Kopf - zu einem sehr deutschen Gemälde: gelbe Krawatten. Kreppsohlen. Frankenwein.

"Ja, ja der Frankenwein

Nie hätte Edmund Stoiber zu "Ja, ja der Frankenwein ...!" geklatscht, nie hätte er solche Schuhe getragen. Hier aber tragen alle Schuhe mit Kreppsohlen. Beckstein ist nur einer von ihnen, und mit ihnen teilt er all die tiefsitzenden Ängste vor Homo-Ehen und Asylbetrug, Multikulti und Graffiti-Sprayern, die die hohen weißen Mauern in den Eigenheimsiedlungen verunzieren könnten. Der Mann ist Deutschland, viel mehr, als es Stoiber je war. Das ist Becksteins politisches Kapital.

Wie lebt so einer? Wir stehen in seinem Wohnzimmer, wir sehen: Kakteen auf der Fensterbank. Eine imposante Sammlung von Bierkrügen. Vor dem Fenster zum Garten, der nicht sehr groß ist, sitzt ein Bronze-Elefant. Im Bücherregal: "Das große ADAC-Alpenbuch" und "Die Chronik Bayerns", dazu die Adenauer-Biografie von Karl-Peter Schwarz. Das Frühstück steht noch auf dem Tisch. Es gab Toast mit Marmelade.

Beckstein kommt oft nur auf einen Sprung vorbei, zum Hemdenwechsel oder Aktenkoffer-Austausch. Es kann passieren, dass ein Aufenthalt nur 20 Minuten dauert, und er geht dann noch kurz zu seiner Frau und sagt: "Schatz, ich bin dann wieder weg. Ich habe übrigens alle Tomaten aus dem Kühlschrank aufgegessen."

Zwischendurch kann man sich mit seinem Sohn Martin, 26, unterhalten, der Politologie studiert hat und nun in St. Gallen promoviert. Das jüngste von drei Kindern sieht nicht gerade so aus, wie man sich den Sohn von Günther Beckstein vorstellt. Er trägt die Haare lang, er würde eher in eine Szene-Bar in Berlin-Mitte passen, nicht hinter die weißen Mauern von Nürnberg-Langwasser. Und Ehefrau Marga, 61, ist auch nicht das treusorgende Heimchen, sondern eine sehr selbstbewusste Dame mit eigenem Kopf und Beruf: Als Seminar-Rektorin bildet sie Religionslehrer aus.

Die Becksteins sind neugierig

Die Becksteins sind neugierig, ausgedehnte Reisen führten sie nach Vietnam und Kambodscha, Peru und Bolivien. Er war einer der ersten deutschen Politiker, die nach dem Anschlag auf das World Trade Center in eine Moschee gingen, um jeder Muslim-Hatz die Spitze zu nehmen. Vehement forderte er das NPD-Verbot - natürlich auch, um am rechten Rand keine CSU-Konkurrenz entstehen zu lassen. Aber Bayerns Noch-Innenminister ist auch Mitglied mehrerer deutsch-türkischer Vereine, und einige Male hat er geräuschlos vermittelt, als sich Zuwanderer ins "Kirchenasyl" flüchteten. Das hat ihn wiederum nicht daran gehindert, einen Flüchtling aus Togo bis in die Räume einer Adventisten-Gemeinde zu verfolgen und dort festnehmen zu lassen.

Als tiefgläubiger Protestant und Mitglied der evangelischen Landessynode ist er stets hin- und hergerissen: zwischen Gottesfurcht und Staatsräson, Nächstenliebe und Polizeiknüppel. Und wenig hat ihn mehr verletzt als jener Spruch, den Bayerns Grüne vor Jahren plakatierten: "Beckstein würde auch Jesus ausweisen."

Seine Eltern waren Lehrer

Aufgewachsen im mittelfränkischen Örtchen Hersbruck, die Eltern waren Lehrer. Der Vater, Mitglied in der NSDAP, bekam nach dem Krieg Berufsverbot, die Mutter musste Günther und seine zwei Geschwister zeitweise allein durchbringen. "Es war eine recht unbeschwerte Kindheit, die Erziehung eher von der strengen Seite", sagt Günther Becksteins Bruder Hellmut. "Für eine nennenswerte Korrektheit hab auch ich was übrig."

Günther war der Jüngste, ein sehr zartes Kind. Raufereien musste er meiden, und bis heute hat sich bei ihm eine tiefsitzende Aversion gegen anarchische Verhältnisse erhalten, "in denen das Recht des körperlich Stärkeren gilt". Als größte Grenzüberschreitung ist jener Tag in Erinnerung, an dem er dem Lehrer das Notenbüchlein stahl. Er wurde vor die Wahl gestellt: "Verweis", zugestellt an die Eltern, oder Ohrfeige durch den Lehrer. "Ich entschied mich für die Ohrfeige", erinnert sich Günther Beckstein. "Es hat mir nicht geschadet."

Ende der Sechziger, auf dem Höhepunkt der Revolte, tritt der Jurastudent Beckstein in die Junge Union ein. "Meine Freundin war eher links, ihr Bruder sogar im SDS. Wir haben nächtelang über Marx und Marcuse diskutiert. Aber ich war immer ein Staatstreuer."

Die Karriere verläuft dann steil nach oben, mit zunehmender thematischer Verengung. 1988 zieht er als Staatssekretär des Innenministers Stoiber in das Gebäude am Münchner Odeonsplatz. Es wird sein Maulwurfsbau, er wird ihn politisch fast 20 Jahre nicht mehr verlassen. Und all die Jahre geht es um das Gleiche: um Sicherheit und Wehrhaftigkeit, Gefahrenabwehr und "großräumige Kriminalstrategie".

Nichts darf seinen großen Ohren entgehen, nichts dürfen die kleinen Knopfaugen übersehen - denn das "sozial Böse" schläft nie. Er versucht, es durch hingebungsvolle Aktenarbeit kontrollierbar zu machen. "Bitte setzen Sie sich hinten rechts hin", sagt er, bevor man zu ihm ins Auto steigt. "Links ist mein Platz für die abgearbeiteten Mappen." Und tatsächlich: Schon nach einer Minute kommt die erste geflogen.

"Ich muss Sie jetzt bitten wegzuhören"

Gewisse Schrulligkeiten haben sich über die Jahre eingeschlichen. Wenn man mit ihm im Diensthubschrauber sitzt und der Polizeifunk quäkt etwas von einem Handtaschenraub in Dingsbums, sagt er ernsthaft: "Ich muss Sie jetzt bitten wegzuhören. Aus Sicherheitsgründen."

Freiheit? "Schau'n Sie", sagt Beckstein, "staatliche Sicherheit ist doch die Bedingung für Freiheit." Aber welche Freiheit meint er? Die zwischen den hohen weißen Mauern in Langwasser? Der Innenminister gibt ein Beispiel: "Der körperlich starke Mann setzt sich gegen die Frau durch und bedroht ihre körperliche Unversehrtheit. Das darf nicht sein, das verfolge ich!"

Vielleicht nur ein zu spät Gekommener

Das klingt gut. Aber warum sagt derselbe Mann zwei Minuten später: "Ein anständiger deutscher Patriot soll feuchte Augen bekommen, wenn er den Namen "Beckstein" hört"? Ist er vielleicht ein zu spät Gekommener, nicht nur biografisch - sondern auch politisch? Kann so einer die "50 Prozent plus X" verteidigen, die der CSU hoch und heilig sind? Die neuen Zeiten haben auch vor Bayern nicht Halt gemacht. Auch hier tragen nicht mehr alle Menschen Schuhe mit Kreppsohlen.

Irgendwie scheint dieser Günther Beckstein gefangen und befangen in den eigenen politischen Zwangsvorstellungen, auch den Rollenerwartungen, die er ständig weckt, von denen er kräftig profitiert, die ihn aber auch lähmen - nach so vielen Jahren als Maulwurf.

Oben ist es hell und bunt. Ob der Maulwurf es jemals sehen wird?

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