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Landtagswahl Bayern: Seehofer schreibt Geschichte

Horst Seehofers fulminanter Wahlsieg bietet riesige Chancen: für die Union, für den Konservatismus in Deutschland - aber vor allem für ihn selbst.

Ein Kommentar von Tilman Gerwien

Sein Triumph ist so eindeutig, so durchschlagend und unmissverständlich, dass sogar den Blattmachern der bayerischen Landeshauptstadt ein bisschen die Ideen ausgehen. Ungewollt einigten sie sich heute auf exakt dieselbe Schlagzeile. "König Horst", titeln "Abendzeitung" und "tz" einträchtig. Es ist eine jener Unterwerfungsgesten, von denen Horst Seehofer seit gestern Abend viele erlebt hat. Seine Parteifreunde rufen auf der Wahlparty rhythmisch "Horst, Horst, Horst!", aus Nürnberg zugeschaltet muss der ehrgeizig auf die Nachfolge drängende Markus Söder artig gratulieren, die Chefredakteure setzen ihm die Krone auf. Horst Seehofer wird das alles jetzt sehr genießen. Der Mann ist, im stolzen Politiker-Alter von 64 Jahren, auf dem Hochplateau seiner Karriere angekommen.

Seiner CSU hat er mit der absoluten Mehrheit ihren Stolz und ihre Würde zurückgegeben, der in Agonie dahinsiechenden FDP den Todesstoß versetzt oder – das wird sich noch zeigen – eine Woche vor der Bundestagswahl den Willen zum letzten Aufbäumen eingehaucht. Und Angela Merkel weiß jetzt ganz genau, wer für sie im Süden der Republik die Stimmen ranschleppt, die ihr das Überleben als Kanzlerin sichern. Horst Seehofer wäre nicht Horst Seehofer, wenn er das Merkel nicht schon bald spüren lassen würde, Stichwort: PKW-Maut.

Die inhaltliche Biegsamkeit der CSU

Wenn er es jetzt klug anstellt, dann kann dieser Horst Seehofer, der lange als zwar außergewöhnlich talentierte, aber doch nie ganz ernst zu nehmende politische Spielernatur galt, doch noch in die Geschichtsbücher eingehen. Als der Mann, der das Konstrukt Volkspartei im 21. Jahrhundert wiederbelebt hat, als der Mann, der eine bürgerliche Mehrheit in Europas größter Industrienation gesichert hat. Ja vielleicht sogar als der Mann, der zum ersten Mal am praktischen Beispiel, gleichsam auf der Straße und nicht, wie so manche Freunde von der Union in irgendwelchen Berliner Kaffeehäusern durchbuchstabiert hat, was das sein kann: moderner Konservatismus.

59 Prozent aller Menschen, die "nur" einen Hauptschulabschluss haben, wählten in Bayern die CSU. 50 Prozent der Arbeiter entschieden sich für die Seehofer-Partei. Mehr Volkspartei geht kaum, in Bayern sind die Schwarzen das, was andere anderswo immer gerne vorgeben zu sein: die Partei der einfachen Leute.

Seehofer hat seiner CSU, die früher gerne krachledern-machtverliebt (unter Strauß) oder technokratisch-besserwisserisch (unter Stoiber) daherkam, Demut gelehrt: Die CSU ist unter ihm eine Partei der Kümmerer und Zuhörer geworden.

"Mein wahrer Koalitionspartner ist die Bevölkerung", sagt Seehofer, was eine inhaltliche Biegsamkeit erfordert, die bei manchen Schwindelanfälle auslösen mag. Aber ohne diese Biegsamkeit wäre es kaum möglich, ein Land wie Bayern zusammenzuhalten, ein Land, das an der Spitze der technologiegetriebenen Moderne marschiert und seit Jahren Millionen Zuzügler aus ganz Deutschland integrieren muss.

Der Konservatismus des Zuhörens

Seehofers Widerborstigkeit beim Thema Betreuungsgeld zeigt jedoch, dass er durchaus stehen kann, wenn es darauf ankommt. Die angeblich so fürchterlich unpopuläre "Herdprämie" hat nicht verhindert, dass die CSU beim Thema Familienpolitik in den Augen der Wähler massiv an Kompetenz gewonnen hat. Vielleicht war sie ja sogar der Grund dafür? Gleiches könnte für Seehofers Kampf um eine Verbesserung der Rentenanrechnungszeiten für Mütter, die ihre Kinder vor 1992 geboren haben, gelten.

Seehofer emanzipiert sich mit diesen Forderungen vom rot-grünen Zeitgeist, aber er flüchtet sich nicht in die Isolation des Ewig-Gestrigen, sondern er stellt schlicht die Frage nach der ideologischen Hegemonie: Wer definiert eigentlich, was die "Mehrheit" in Deutschland zum Beispiel familienpolitisch will? Vielleicht "ticken" die Leute doch anders und träumen nicht nur von einem Vollerwerbsleben mit Fremdbetreuung für die Kinder? Dies wäre nur ein Ansatzpunt für einen modernen Konservatismus, einen Konservatismus des Zuhörens. Und Zuhören ist das Markenzeichen der Seehofer-CSU.

Die wichtigste Aufgabe aber, die vor Horst Seehofer liegt, ist die Regelung der eigenen Nachfolge. Er wird bei der nächsten Bayern-Wahl 2018 nicht wieder antreten, soviel ist klar. Er muss das große politische Erbe, das er hinterlässt, schon in wenigen Jahren in die richtigen Hände legen, und dieser Übergang darf die Partei nicht zerrreißen, wie beim Ende von Edmund Stoiber. Die #link;www.stern.de/digital/online/ilse-aigner-90250587t.html;Aigners# und Söders sondieren schon ihre Chancen. Nicht viele Politiker haben einen Abgang in Würde geschafft. Gelingt ein solcher Abgang Horst Seehofer – dann ist er richtig groß.