Deutschland und Polen "Für uns endete der Zweite Weltkrieg 1989"


Auf dem EU-Gipfel hat es geknallt zwischen Berlin und Warschau. Was bleibt übrig? Wie bewerten polnische Politiker den Konflikt? Der polnische Journalist Rafal Wos hat sich für stern.de in Warschau umgehört - und vor allem eines herausgefunden: Bei historischen Fragen leben die Eliten noch immer auf zwei Planeten.

"Ich spreche jetzt 'off the record', okay? Und mein Name darf keinesfalls genannt werden" - es ist einer der wichtigsten Außenpolitiker der polnischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), der das sagt. Er ist vorsichtig, sehr vorsichtig, obwohl wir uns schon oft unterhalten haben. "Uns ist vollkommen klar", sagt er, "dass die Wahrnehmung Polens in Berlin nach dem Brüsseler Gipfel katastrophal ist. Politiker, Publizisten, Wissenschaftler: alle sind davon überzeugt, dass sich die Krise zwischen den beiden Nachbarn verschärft hat. Und schlimmer noch: Sie glauben, dass Polen die Schuld trägt. Ganz eindeutig." Sagt meine Quelle.

Deutsche Politiker pilgern nach Warschau

Zu dieser Einschätzung gelangt ist der Mann durch die Vielzahl von Gesprächen, die es unmittelbar nach dem Gipfel in Warschau gegeben hat. Binnen weniger Tagen pilgerten deutsche Politiker jeglicher Couleur nach Polen: CDU-Vize Jürgen Rüttgers, FDP-Außenpolitiker Wolfgang Gerhardt oder Reinhard Silberberg, Chefunterhändler von Bundeskanzlerin Angela Merkel im EU-Verfassungsstreit. Das Ziel der Deutschen war klar: Sie wollten die Situation noch retten. Sie hatten gemerkt, dass Polen ihnen entglitten war. Alle Bemühungen Merkels, Warschau für die EU-Verfassung zu gewinnen, waren gescheitert. Weder freundliche Gesten noch eine größere Distanz zum russischen Präsidenten Wladimir Putin noch die Erinnerung an den deutschen Beitrag zum EU-Beitritt Polens hatten geholfen: Am Ende des deutschen EU-Vorsitzes stand Polen nicht neben Deutschland, sondern inmitten des Lagers der Euroskeptiker - an der Seite Londons, als mittelgroßes EU-Mitglied, das unverhohlen sagte, dass ihm an Europa nicht alles gefällt.

Das Verhältnis auf den Kopf gestellt

Auf dem Gipfel ist das deutsch-polnische Verhältnis auf den Kopf gestellt worden, es hat sich um 180 Grad gedreht. Als es vor ein paar Jahren zu den ersten Konflikten zwischen Warschau und Berlin kam, waren es noch die Polen, die empört waren, ohne dass das die Deutschen besonders gejuckt hätte. "Die Vertriebenen, angestachelt von der Preußischen Treuhand, wollen Polen vor europäische Gerichte zerren", bangten die Polen panisch. "Take it easy. Entspannt euch. Wir können da leider nichts machen", beschwichtigten die Deutschen. "Das sind Privatpersonen. Jeder hat das Recht zu klagen." Das gleiche Spiel im Streit um die Gas-Pipeline: "Gerhard Schröder macht Geschäfte über unsere Köpfe hinweg", zeterten die Polen. "Wie könnt ihr die Ostsee-Pipeline mit dem Gebot der europäischen Solidarität vereinbaren?" - "Chill. Entspannt euch", beschwichtigten die Schröderianer. "Wir haben die Russen in der Tasche. Sie können niemandem etwas anhaben." Mittlerweile hat sich das Bild komplett gewandelt. "Polen torpediert unsere schönen EU-Reformen", jammern die Deutschen nun. "Sie machen alles kaputt, was uns so viel Mühe gekostet hat. Wo nur ist die europäische Solidarität?" - "Relax. So funktioniert sie eben, die EU. Interessenunterschiede sind unvermeidbar, oder?", beschwichtigt jetzt Konrad Szymanski, Europaabgeordneter der Partei der Gebrüder Kaczynski in einem Gespräch.

"Meinungsverschiedenheiten sind kein Beleg für antideutsche Ressentiments"

Es wäre jedoch zu schlicht, Warschaus Verhalten als plumpe Racheaktion zu begreifen. Warum, das hat mir Paweł Zalewski erklärt, Chef des Auswärtigen Ausschusses des polnischen Parlaments Seijm und ein weiterer wichtiger Außenpolitiker der Kaczynski-Partei PiS. "Auch die Deutschen müssen ein paar Dinge verstehen", sagt er. "Ich weiß, dass viele Politiker aus Berlin guten Willens sind. Aber ich fürchte, dass sie in ihrem Hinterkopf ein verzerrtes Bild Polens pflegen: Sie sehen Polen lediglich als Kunden, als Empfänger, der kein Interesse daran hat, seine Interessen so zu vertreten wie andere EU-Länder auch." Und der 43-Jährige, der als einer der klügsten Köpfe in der Kaczynski-Partei gilt, fügt hinzu: "Berlin sollte sich davor hüten, jede Meinungsverschiedenheit als Beleg für uralte antideutsche Ressentiments zu werten."

Stefan Meller, ein distinguierter, überlegter Diplomat und Amtsvorgänger der heutigen polnischen Außenministerin, ist sogar davon überzeugt, dass der Eklat im deutsch-polnischen Verhältnis unvermeidbar war. Die Eliten auf beiden Seiten seien nach 1989 voll des guten Willens gewesen, aber sie hätten sich schlicht nicht gekannt, analysiert er. Ein Wunder sei dies übrigens nicht: 40 Jahre lang habe man so gut wie überhaupt nicht miteinander geredet. Ein paar Gesten wurden ausgetauscht, einige wenige hätten sich eingesetzt, sich Mühe gegeben. Aber was sei das schon gewesen im Vergleich zur deutsch-französischen Aussöhnung? Eigentlich sei da überhaupt kein Vergleich zulässig, spitzt Meller zu. Paweł Zalewski verortet hier sogar den zentralen Anlass für den Ärger der Polen in Brüssel: Seit über 50 Jahren zelebrierten die Deutschen ihre Aussöhnung mit Paris. Sie seien davon überzeugt, dass sie ihr Kriegstrauma bereits überwunden haben. Aber aus polnischer Perspektive sehe das anders aus: Für Polen bestehe genau an dieser Stelle noch ein erhebliches Defizit, argumentiert Zalewski. "Für uns ging der zweite Weltkrieg erst 1989 zu Ende", sagt er.

"Die Deutschen würden am liebsten nichts mehr vom Krieg hören"

Sobald es um das Geschichtsverständnis geht, scheint es, als stammten Polen und Deutsche von unterschiedlichen Planeten. "Die Deutschen würden am liebsten nichts mehr vom Krieg hören", behauptet der Europaabgeordnete Szymanski. "Und wenn ein polnischer Politiker davon spricht, hält die deutsche Öffentlichkeit dies für absurd. Das Argument von Premier Jaroslaw Kaczynsky etwa, dass es ohne die Opfer des Zweiten Weltkriegs nun 66 Millionen gäbe, war lediglich eines von insgesamt zehn Argumenten, mit denen Polen in Brüssel seine Position verteidigen wollte. In der deutschen Öffentlichkeit erschien es jedoch, als sei das der einzige Punkt gewesen, den Kaczynski angeführt habe," ärgert sich Szymanski.

Allerdings halten viele die Konfrontation zwischen Berlin und Warschau für fruchtbar. Die harte und konkrete Manier, mit der Warschau seine Vorwürfe formuliere, könne das Verhältnis auffrischen. "Das zeigt doch, dass die polnische Regierung nicht von irgendwelchen düsteren oder irrationalen Ressentiments gesteuert wird", sagt etwa Zalewski. "Es gibt Probleme, über die man zum ersten mal seit Beginn der Neunziger offen spricht", freut sich Szymanski.

Merkel gilt als besser als Schröder

Für all jene, mit denen ich in den vergangenen Wochen über das deutsch-polnische Verhältnis gesprochen habe, gilt ohnehin eines: Angela Merkel finden sie wesentlich besser als Gerhard Schröder. Sie hat sich, so die einhellige Meinung, viel Mühe gegeben, um die deutsch-polnischen Beziehungen zu verbessern. "Näher zu Amerika, eine größere Distanz gegenüber Russland. Damit hat uns Merkel am meisten imponiert", sagte etwa Bronislaw Komorowski, einer der führenden Figuren in dergrößten Oppositionspartei Polens, der "Bürger Plattform" (PO). Das sei schon ein gutes Zeichen. In der Außenpolitik sei es eben wie mit Wirtschaftsreformen: Zunächst müsse etwas verändert werden. Und dann stellten sich irgendwann die Ergebnisse ein, die Erfolge.

Meistens allerdings erst dann, wenn bereits eine neue Regierung im Amt sei.


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