Die Union und das Zentralabitur Noch nicht ganz ausgereift


Bildungsministerin Annette Schavan hat Großes vor: Künftig, schon ab 2013, sollen die Abiturfragen bundesweit zentral gestellt werden. Das Projekt ist ehrgeizig, zumal die CDU-Politikerin heftige Gegenwehr aus den eigenen Reihen erlebt. Ihr droht eine Niederlage auf Raten.
Von Sebastian Christ

Bundesbildungsministerin Annette Schavan sorgt für Wirbel mit ihrem Vorstoß für ein bundesweites Zentralabitur. Spätestens ab dem Jahr 2012/13 sollen Abiturienten von Flensburg bis Garmisch die gleichen Prüfungsfragen beantworten müssen oder zumindest Fragen aus einem einheitlichen "Pool" gestellt bekommen. Doch selbst im Lager der unionsgeführten Länder stößt sie damit auf immer mehr Ablehnung.

Nordrhein-Westfalen und Hessen sind schon lange gegen den Vorschlag gewesen. Und gestern gesellte sich auch noch Bayern zur Fraktion der Gegner. Sogar das Kultusministerium in Baden-Württemberg, Schavans politischer Wahlheimat, wollte sich am Donnerstag nicht mehr eindeutig auf ein Ja zum den Plänen der Ministerin festlegen – und das, obwohl Ministerpräsident Oettinger ebenfalls für ein bundesweites Zentralabitur ist. Einzig Sachsens Kultusminister Steffen Flath, CDU, steht Schavan weiter treu zur Seite.

Schavan droht eine Niederlage auf Raten

Es ist eine Niederlage auf Raten, die der Ministerin droht. Mitte der Woche bot sie den Ländern Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen noch an, ab 2010/11 einen "Probelau" für ein länderübergreifendes Zentralabitur zu veranstalten. Davon war nur der Sachse Flath begeistert. Auf einem Treffen der CDU-Kultusminister am Donnerstag in Magdeburg wollte Schavan dann für einen Antrag werben, der die Einführung des bundesweiten Zentralabiturs ab dem Jahr 2012/13 vorsähe. Heraus kam jedoch nur ein dürrer Kompromiss. Ab 2011 solle es "gemeinsame Standards" für die Abiturprüfungen geben. Von gemeinsamen Prüfungsaufgaben war nicht die Rede. "Mehr Vergleichbarkeit ist das Prinzip", sagte die hessische Kultusministerin Karin Wolff. Unterstützung klingt anders.

Schavan gibt dennoch nicht auf. "Ich glaube, dass es dazu kommt", sagte die Ministerin dem "Tagesspiegel" in Bezug auf das deutschlandweite Zentralabitur. Sie will nun eine Studie in Auftrag geben, wie sie am Donnerstag ankündigte. So soll herausgefunden werden, wie groß die Unterschiede der Abiturprüfungen in den 16 Bundesländern wirklich sind - und zwar am Beispiel der Prüfungen im Fach Deutsch in den Jahren 2006 und 2007. Stimmt es etwa, dass die süddeutschen Abiturienten, in Bayern und Baden-Württemberg, auf dem Weg zum Reifezeugnis deutliche höhere intellektuelle Hürden in Sachen Goethe und Schiller, Enzensberger und Goetz zu überwinden haben als die Abiturienten in anderen Bundesländern und Stadtstaaten, sagen wir in Bremen? Bis 2008 soll die Studie laut "Süddeutscher Zeitung" fertig sein.

Widerstand aus Düsseldorf

Und um die Kollegen aus dem eigenen Lager und von der SPD doch noch zu überzeugen, will Schavan ihre Vorschläge Mitte Oktober bei der Kultusministerkonferenz (KMK) vorstellen. Die KMK muss einvernehmlich entscheiden. Würde das Gremium die Pläne abnicken, könnte das Berliner Institut für Qualitätssicherung im Bildungswesen den Auftrag erhalten " gemeinsame Standards" in Kernfächern auszuarbeiten. Immerhin. Aber der große Wurf wären die Standards alleine noch nicht. Innerhalb der Union variieren die Motive, aus denen heraus Schavans Pläne abgelehnt werden. "Ein bundesweit einheitliches Zentralabitur lehnen wir ab, schon aus logistischen Gründen", sagte Andrej Priboschek, Sprecher des nordrhein-westfälischen Schulministeriums. Unterrichtspläne würden vereinheitlicht, Prüfungstermine und sogar die Schulferien müssten abgestimmt werden. "So viel Aufwand. Da stellt sich die Frage: Wofür? Es geht ja eigentlich darum, ein gemeinsames Niveau zu erreichen, und nicht um einheitliche Prüfungsaufgaben." Das Land Nordrhein-Westfalen sei bereit, den Weg zu einer Annäherung der schulischen Leistungslevels mitzugestalten - aber nur auf Basis einer unabhängigen Schulpolitik. "Wir gehen in diesem Punkt einen sehr freiheitlichen Weg", sagte Priboschek.

"Der zug fährt bereits"

Innerhalb der CDU hat das bundesweite Zentralabitur schon seit langer Zeit einflussreiche Gegner. Es kracht mächtig in der Union, seitdem sich Günther Oettinger und Annette Schavan - beide aus Baden-Württemberg - vor drei Wochen für einheitliche Prüfungsfragen in ganz Deutschland ausgesprochen haben. "Damit wird eines der Kernprinzipien der christdemokratischen Politik angegriffen", sagte ein CDU-Bildungspolitiker am Donnerstag stern.de. "Der Bildungsföderalismus ist eine klassische Forderung der Union." Jedes Bundesland solle auch künftig die volle Hoheit über das eigene Bildungssystem behalten dürfen, denn Leistung entstehe durch Wettbewerb - und wenn alle sich auf einheitliche Maßstäbe einigten, dann sei das meistens der kleinste gemeinsame Nenner. Bei internen Treffen von Unionspolitikern sei das Zentralabitur momentan eines der Reizthemen schlechthin.

Und Sachsen gießt weiterhin Öl ins Feuer. Das Kultusministerium ist überzeugt, dass die Pläne zum deutschlandweiten Zentralabitur zukunftsweisend sind. "Der Zug fährt bereits", so Sprecher Dirk Reelfs. "Es wird ein Zentralabitur geben. Es ist nur die Frage, wann."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker