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Bundestagswahl Droht Annalena Baerbock das Schicksal von Martin Schulz? Nein

Annalena Baerbock Martin Schulz
Anders oder Eroberer? stern-Titel mit Annalena Baerbock (Mai 2021) und Martin Schulz (Februar 2017)
© stern
Vor vier Jahren hob Martin Schulz rasant ab, landete aber dann ziemlich unsanft. Der Hype um Annalena Baerbock erinnert ein wenig an den um den SPD-Kanzlerkandidaten. Doch 2021 ist alles anders - ein fiktives Streitgespräch.
Ob sie ins Kanzleramt einzieht? Annalena Baerbock, die Spitzengrüne? Um diese Frage kreist im politischen Berlin die Debatte. Stellvertretend für die Gespräche der vielen Politikberater, Journalisten, Redenschreiber und sonstigen Beobachter in der Hauptstadt, haben wir mal den typischen Dialog dazu aufgeschrieben: Zwei Männer sitzen an einem Tisch, Corona gerecht auf Abstand. Der eine, nennen wir ihn einfachhalber Kronstedt, wirkt, als hätte er schon unter Willy Brandt Politikerreden geschrieben, der andere, Herr Rossi, als hätte er sich letzte Woche noch in Universitäten und Seminarräumen herumgetrieben.
"Also diese Frau Baerbock zieht auf keinen Fall ins Kanzleramt ein", sagt Herr Rossi. "Diesen Hype hatten wir doch schon vor vier Jahren mit Martin Schulz." Herr Rossi blickt, als erwarte er ein kurzes Nicken."
"Ach ja"
"Ja, diese Baerbock ist doch wie Schulz."
"Also 'ne Glatze und 'ne Hornbrille hat sie schon mal nicht. "
Herr Rossi schaut auf eine leere Kaffeetasse auf dem Tisch. Ob er sie gleich seinem Gegenüber ins Gesicht pfeffert? Doch bevor er etwas erwidert, fährt Kronstedt fort:
"Sie sind noch nicht lange auf Droge, also auf Droge Politik?
Rossi zuckt kurz zusammen. Droge? Politik?

Drei Gründe, warum 2021 anders wird als 2017

"Ja, so geht es jedem von uns, einmal in diesem Zirkus, will man nicht mehr weg. Ein 'Spiegel'-Reporter hat sogar mal ein Buch darübergeschrieben. War natürlich ein Selbsterfahrungsbuch." Er lächelt.
"Ich sehe drei Gründe, warum 2021 anders als sein wird als 2017."
"Aha?"
"Baerbock ist nicht Schulz."
"So. So. "
"Nicht wegen fehlender Glatze und Brille. Baerbock ist ein anderer Politikertyp. Sie kennt sich in der Innenpolitik aus. Sie hat auf den Grünen-Parteitagen sechs Jahre in der Programmkommission gesessen, da wird um Worte, um Kompromisse gerungen. Da lernt man auch die Details von Klimapolitik, Migration oder Hartz IV, und was man seiner Partei zumuten kann. Und die Frau ist ja eine Königin der Details, ähnlich wie Merkel. Schulz hat während seiner Zeit in Brüssel nur Fensterreden gehalten."
Rossi schaut wieder in seine Tasse. Ob da auf dem Grund eine verborgene Botschaft steht.
"Aber sie hat sich mit Ludwig Erhard vertan und ihre Einkommen verspätet gemeldet. So fängt Niedergang an."
"Das war blöd, ist aber nicht spielentscheidend."
"Warum?"
"Das liegt an dem zweiten Grund?"
Kronstedt beschäftigt sich mit einem leeren Glas, das vor ihm auf dem Tisch steht. Er schiebt es hin und her.
"Es gibt kaum Landtagswahlen."
Kronstedt erzählt von 2017, von den Wahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, die die SPD allesamt verlor. Der Höhenflug von Martin Schulz war beendet, bevor er richtig angefangen hatte. 
"Wahlen sind Finalspiele der Politik. Am Wahltag materialisieren sich Stimmungen in Stimmen, werden zu Fakten. Trends entstehen."

Was einem Kandidaten alles gefährlich werden kann

Kronstedt redet weiter über Trends und wie sie einem Kanzlerkandidaten gefährlich werden können. Doch diesmal gebe es nur eine Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, sollten die Grünen schlecht abschneiden, könnten sie sagen. Das ist ein kleines Land im Osten, da gewinnen wir auch sonst kaum Wähler.
"Für die CDU kann die Wahl aber gefährlich werden. Wird die AfD zu stark, überholt sie vielleicht die CDU, gerät Laschet unter Druck und alle fragen wieder: Ist er der richtige Kandidat, wie hält es die Union mit den Rechtsradikalen, und was macht eigentlich Hans-Georg Maaßen."
Rossi schweigt. Kronstedt auch. Nach einer langen Pause hebt Rossi an:
"Und der dritte Grund?
"Angela Merkel. Sie tritt nicht mehr an. Schulz musste gegen die beliebte Amtsinhaberin antreten. Er war der Nobody, sie die Erfahrene. Können sie sich noch an Oskar Lafontaine erinnern."
"Den linken Spinner?"
Kronstedt schiebt wieder das leere Glas hin und her.
"Er war auch mal in der SPD und putschte 1995 gegen den damaligen SPD-Chef Rudolf Scharping. Er sagte damals über die SPD, dass wir erst selbst begeistert sein müssen, bevor wir andere begeistert können."
"Und was hat mit dem aktuellen Wahlkampf zu tun."
Kronstedt schaut, als müsse er einem Kind zum fünften Mal erzählen, es soll jetzt bitte schön, seinen Haferbrei essen.
"Die Union hadert mit Laschet als Kandidat, und die SPD hadert mit Olaf Scholz. Vor zwei Jahren hielten ihn die Genossen für nicht würdig, die Partei zu führen, aber nun soll er Kanzler werden. Wer versteht das denn? Da sind die Grünen anders. Sie hadern nicht mit ihrer Kandidatin. Sie sind begeistert."

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