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Einbürgerungstest: Wie fit sind Deutschlands Schüler?

310 Fragen hat sich das Innenministerium ausgedacht, um zu prüfen, wer Deutscher werden darf. Wie würden sich Schüler in Deutschland schlagen? stern.de hat mehrere Schulen besucht - von Hauptschule bis Gymnasium.

Von Sylvie-Sophie Schindler und Tonio Postel

Hamburg. Auf dem Schulhof der Ida-Ehre-Gesamtschule im bürgerlichen Stadtteil Harvestehude läuft die zweite große Pause. Einige Jungs stehen vor zwei steinernen Tischtennis-Platten, der vorgesehene kleine Plastikball wird durch einen Fußball ersetzt, der immer wieder, mit einem durchdringenden Scheppern, gegen das metallene Netz donnert.

Doch das Interesse der Jungs ist schnell gewonnen, sobald der Einbürgerungstest zur Sprache kommt, den das Innenministerium ab dem ersten September all jenen auferlegt, die Deutsche werden wollen. Die Prüfung kostet 25 Euro und kann beliebig oft wiederholt werden. Wer in Deutschland einen Hauptschulabschluss gemacht hat, acht Jahre hier lebte und nicht wegen schwerer Straftaten verurteilt worden ist, muss die Prüfung nicht absolvieren. Schnell bildet sich eine Traube aus Freiwilligen, die bereit sind, 33 aus 310 möglichen Fragen zu beantworten.

Wer wählt die Bundestagsabgeordneten?

Zwei Neuntklässler erhalten den Zuschlag: Jörg* ist 15 Jahre alt und Deutscher, Ingo* ist 16 und kommt aus Österreich, beide machen große Augen, warten gespannt auf die Fragen. "Wie heißt die deutsche Verfassung?", Was ist mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar?", "Was ist kein Merkmal unserer Demokratie?" - Fragen wie diese werden von beiden Schülern, die auf dem Weg zum Realschulabschluss sind, beinahe beiläufig beantwortet; häufig wissen sie die Antworten noch bevor alle Möglichkeiten verlesen sind.

Bei Frage Nummer neun gerät Jörg erstmals ins Straucheln: "Wer wählt in Deutschland die Abgeordneten des Bundestages?" Er wiederholt die Antworten noch mal: "Militär, Wirtschaft, das wahlberechtigte Volk oder die Verwaltung?" Jörg tippt auf Letzteres - und liegt daneben, das wahlberechtigte Volk wäre richtig gewesen. Die nächsten Fragen meistert er wieder locker, er weiß, dass die Presse keine staatliche Gewalt ist und dass Deutschland ein demokratischer und sozialer Bundesstaat ist. Bei Frage 15 ist wieder Kopfkratzen angesagt: "Was versteht man unter dem Recht der Freizügigkeit?" Eine gemeine, weil doppeldeutige Frage. Jörg vermutet die freie Wahl der Religion, er irrt zum zweiten Mal. Auch die nächste Frage hat es in sich: "Was hat jedes deutsche Bundesland?" Einen eigenen Außenminister? Eine eigene Währung? Eine eigene Armee oder doch eine eigene Regierung? Jörg tippt auf den Außenminister. Der dritte Patzer bei allerdings 30 Richtigen, die Einbürgerung ins eigene Land wäre geglückt, herzlichen Glückwunsch!

Die Falschen könnten ausgeschlossen werden

Was Jörg von dem Test hält? "Es könnten dadurch auch Menschen ausgeschlossen werden, die verdient hätten, eingebürgert zu werden", fürchtet der schlanke Junge und runzelt die Stirn. Seiner Meinung nach sollten mehr Menschenrechtsfragen in den Bogen aufgenommen werden. Generell hält er den Test für sinnvoll, einige Fragen seien aber selbst für Deutsche zu schwer. "Man muss aber wissen, wie die Menschen sich hier verhalten, damit sie nicht aus Versehen das Gesetz brechen." Er habe nur deshalb so viel gewusst, weil er in der fünften und siebten Klasse im Unterrucht Bücher über das Grundgesetz, über Kinderrechte und Jugendschutz gelesen hätte.

Ingo glänzt nach wie vor durch beachtliche Souveränität, er ist auch bei Frage 21 noch immer fehlerfrei. "Wer bestimmt in Deutschland die Schulpolitik?" Ingo stockt, überlegt. "Das Familienministerium?" Nein, die Bundesländer, sein erster Fehler. Bei Frage 25 nähert sich ein grimmiger Lehrer, der den Test kurzerhand beendet; die Pausensirene klingelt sowieso.

München Günther Jauch würde die Frage in seiner Sendung "Wer wird Millionär?" gar nicht erst stellen, nicht mal 50 Euro wäre sie ihm wohl wert, und auch Esther, 17 Jahre alt, schüttelt den Kopf und sagt: "Das weiß doch jeder." Und Fragen, die jeder beantworten kann, wozu sollte man die stellen? Vier Schülerinnen und Schüler von der Hauptschule an der Implerstraße in München sitzen in einem Nebenzimmer über einer Auswahl von Fragen aus dem brandneuen Einbürgerungstest des Bundesinnenministeriums. Über dessen Machart und Schwierigkeitsgrad soll diskutiert werden - die Frage "Wie viele Einwohner hat Deutschland?" würden die Jugendlichen gleich mal herausstreichen.

Weil erstens, und da schließen sich alle Esther an, "zu leicht", und weil zweitens, wie der 15-jährige Ufuk sagt, man sich doch nicht besser in ein Land integrieren könne, "nur weil man weiß, wie viele Leute da leben." Ferhat aus Afghanistan lehnt sich zurück, die langen Ketten um seinen Hals klimpern: "Ehrlich, die Frage bringt doch nichts." Vor allem, da sind sich alle einig, solle Wissen geprüft werden in den Bereichen Politik und Rechtswissenschaften. "Wer die Politiker aus dem Land, in dem er lebt, nicht kennt, für den wird es schnell peinlich", sagt Ferhat. "Und er muss natürlich die Gesetze kennen, damit er nicht im Gefängnis landet", ergänzt die 16-jährige Lirije

Grübeln und Stirnrunzeln

Wenige Minuten später knabbern die Schüler an der Frage "Welches Recht gehört zu den Grundrechten in Deutschland?". Dazu die Antwortmöglichkeiten a) Waffenbesitz, b) Faustrecht, c) Meinungsfreiheit und d) Selbstjustiz. Ein Hindernis ist, dass die Vokabeln Faustrecht und Selbstjustiz nicht bekannt sind. Grübeln, Stirnrunzeln. Gäbe es doch bloß die Möglichkeit, ein Publikum zu befragen oder jemanden anzurufen. "Wenn nicht einmal wir die Wörter kennen, wie soll es dann erst Ausländern ergehen, die hierher kommen wollen?", meint Esther, die seit knapp fünf Jahren in Deutschland lebt. "Eigentlich sind solche Tests ungerecht", wirft Lirije ein.

In vielen Ländern, sagt sie, seien die Leute nicht so reich, dass sie ihre Kinder zur Schule schicken könnten, und viele wären ja selbst nicht in der Schule gewesen. "Dürfen diese Leute dann nicht nach Deutschland, nur weil sie aus armen Familien kommen und keine Bildung haben?", fragt sie in die Runde. Die anderen schweigen. Dann sagt Ferhat, und wieder klimpern seine Ketten: "Deutschland ist das sicherste Land auf der Welt, da kommt man halt nicht so leicht rein."

Die Pressefreiheit ist ein Grundrecht

Hamburg Gegenüber der Ida-Ehre-Gesamtschule liegt das Gründerzeit-Gebäude des Helene-Lange-Gymnasiums. Auf den Eingangstreppen sitzen zwei Siebtklässlerinnen, Meike* und Julia*; sie wollen die Fragen gemeinsam beantworten. Und die beiden 13-jährigen Deutschen glänzen: Bis Frage 26 halten sie sich schadlos. Doch was Pressefreiheit belangt, benötigen sie Nachhilfe: "Eine Partei im deutschen Bundestag will die Pressefreiheit abschaffen. Ist das möglich?" Nach kurzem Grübeln sind die beiden überzeugt, dass dies möglich sei, falls zwei Drittel der Abgeordneten im Bundestag dafür wären. Das ist zum Glück falsch, denn die Pressfreiheit ist ein Grundrecht, das nicht abgeschafft werden kann. Auch Frage 31 ist zu schwer für sie: Wie werden die Regierungschefs der meisten deutschen Bundesländer genannt? Meike und Julia tippen auf Senatoren, dabei nennt man sie Ministerpräsidenten. Zwei Fehler bei 31 richtigen Antworten - die Siebtklässlerinnen des Gymnasiums schlagen den Neuntklässler der Gesamtschule knapp.

Doch selbst die Fragesteller vom Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen der Humboldt-Uni in Berlin sind nicht unfehlbar: Bei drei der 33 Fragen, die länderspezifisch verschieden gestellt werden, haben sich in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen Fehler eingeschlichen. Der Auftraggeber, das Innenministerium, räumte dies ein, Korrekturen seien immer noch möglich.

"Ich bin schon für den Test", sagt Meike, "es könnten ja sonst auch Kriminelle ins Land." Julia widerspricht: "Das müsste bei so einem Test aber nicht rauskommen!" Ein gewisses Unbehagen bereitet ihnen der Einbürgerungstest, den Migrantenverbände, Opposition und Gewerkschaften selbst für manchen Deutschen Staatsbürger als zu schwierig ansehen, aber doch: "Man fühlt sich dadurch nicht gerade willkommen im neuen Land."

Der Einbürgerungstests bekäme die Note 2,5

MünchenAm Oskar-Miller-Gymnasium in München-Schwabing stellen sich Alexander, Moritz, Korbinian und Andi, alle 15 Jahre alt, den ausgewählten Fragen. "Hoffentlich werde ich nicht ausgebürgert, wenn ich eine Antwort nicht kenne", sagt Andi und lacht. "Ich glaube nicht, dass du eine Ausnahme wärst", wirft Moritz ein. "Die Mehrheit der Deutschen wüssten die Antworten bestimmt auch nicht." Ohnehin, sagt Moritz, fände er einen reinen Sprachtest besser als einen Wissenstest, wenngleich die Wissensgebiete, die abgefragt würden, Bausteine für die Demokratie seien.

Noch einen Kritikpunkt äußert Korbinian: "Die 310 Fragen sind ja nicht geheim, insofern kann man die Antworten einfach auswendig lernen." Auch sollten einige Fragen neu überdacht werden. Die vier Jungs sehen ebenfalls keinen Sinn darin, nach der Einwohnerzahl zu fragen oder nach der Anzahl der Bundesländer. Ein besonderer Schwerpunkt hingegen sollte die Geschichte des Dritten Reichs sein. Müssten Sie die Qualität des Einbürgerungstests benoten, bekäme er die Note 2,5.

Eine Frage der Freizügigkeit

Bei keiner Frage müssen die Jungs lange überlegen. "Das ist ein Wissen, das man ganz automatisch erwirbt, zum Beispiel beim Zeitung lesen", sagt Alexander. Nur bei einer Frage wissen sie plötzlich nicht mehr weiter: "Was versteht man unter dem Recht der "Freizügigkeit" in Deutschland?" Andi wählt die Antwort: "Man darf sich in der Öffentlichkeit nur leicht bekleidet bewegen." Die anderen sind sich da nicht so sicher. "Mir sagt der Begriff 'Freizügigkeit' in diesem Zusammenhang einfach nichts", meint Korbinian. Es fallen die Wörter Exhibitionismus und Religionsfreiheit.

Nach einigem Hin und Her vermutet Moritz die richtige Antwort: "Man darf sich seinen Wohnort selbst aussuchen." Alexander zweifelt, ob diese "harte Nuss" Ausländer überhaupt knacken können. Er sagt: "Man muss es den Ausländern doch nicht extra schwer machen." Aber, wer weiß, vielleicht hätte zumindest diese Frage die Chance, bei "Wer wird Millionär?" unterzukommen.

  • Sylvie-Sophie Schindler