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Empfang zum 70. Geburtstag: Schäubles intensive Stunde

"Architekt der deutschen Einheit", "bester Finanzminister Europas" - kein Lob war zu hoch zum 70. Geburtstag. Wolfgang Schäuble erlebte im Deutschen Theater "die intensivste Stunde seit langem".

Von Hans Peter Schütz

Als der Fraktionsvorsitzende Volker Kauder am Ende der Geburtstagsfeier im Deutschen Theater spürt, dass ihm für Wolfgang Schäuble ein Geburtstagsfest gelungen ist, wie man es der auf staatstragend-steife Feste geeichten CDU/CSU-Fraktion nicht zugetraut hätte, ist er ein glücklicher Mensch. Eine hochnoble politische Gesellschaft erhob sich aus dem Gestühl des Theaters und klatschte rhythmisch Beifall und den Takt, als das Hornquartett der Berliner Philharmoniker "Happy Birthday" intoniert.

Eine Feier war zu Ende, wie Kauder sie sich mit jeder Faser seines Herzens gewünscht hatte: Sie sollte "Ausdruck des Respekts vor dem Menschen, dem Politiker, dem Staatsmann Wolfgang Schäuble sein." Sie war es.

Rüffel für Stillosigkeit der Genossen

Zugleich kochte in Kauder heftige Wut. In ihm wütete der Zorn darüber, dass der potenzielle SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück exakt zur gleichen Stunde, zu der das politische Berlin zum Geburtstag geladen war, sein Bankenpapier vorstellte, mit dem er in den Wahlkampf zu ziehen gedenkt. Kauder witterte dahinter schnöde Absicht. Damit wolle Steinbrück die Medien hindern, den Schäuble-Geburtstag wahrzunehmen. "Dem Genossen Steinbrück", so kommentierte Kauder gegenüber stern.de den SPD-Pressetermin des früheren Finanzministers, "fehlt jede Sensibilität für die Dinge, die da wirklich wichtiger sind." Und er setzte wütend nach: "Das ist die für diesen Mann typische Art des politischen Auftritts. So wie es einst seine Drohung war, die Schweiz als Hort der Steuerhinterzieher von der deutschen Kavallerie besetzen zu lassen."

Was gewiss zur lodernden Gemütslage Kauders beigetragen hat, war der Umstand, dass die SPD sich reichlich Mühe gab, die Geburtstagsfete zur ungeliebten Pflichtübung zu degradieren. Der SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier drückte sich erst durch die Türe ins Plenum des Theaters, als das Schäuble-Fest schon begonnen hatte. SPD-Promis waren im Publikum nicht zu sichten, nur der Politik-Pensionär Franz Müntefering hatte sich in den hinteren Reihen niedergelassen. Verdi-Chef Frank Bsirske stolperte erst zu seinem Platz, als das Hornquartett der Berliner Philharmoniker eine Passage aus Mozarts Don Giovanni zur Begrüßung des Publikums spielte.

"Wolfgang, my friend"

Da saßen die grünen Spitzenpolitiker Claudia Roth, Cem Özdemir, Renate Künast und Jürgen Trittin längst brav auf ihren Sitzen, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte den FDP-Fraktionsboss Rainer Brüderle mit einem freundlichen Tätscheln auf dem Rücken begrüßt, Altbundespräsident Richard von Weizsäcker alle Promis aus der ersten Reihe willkommen geheißen. Nur Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hatte einige Mühe, in dem engen Gestühl mit seinem leiblichen Format noch ein bisschen Platz für seine Nebensitzer zu lassen. Rechts neben Schäubles Rollstuhl in der ersten Reihe saß die Bundeskanzlerin, links neben ihm seine Frau Ingeborg. Aus Washington war Christine Lagarde eingeflogen, die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), geborene Französin, der seit langem Schäubles fast schon verehrerische Zuneigung gilt.

Kauder nannte die Feier für Schäuble ein "doppeltes Jubiläum". Erstens werde er in wenigen Wochen den 40. Jahrestag seines Einzugs in den Bundestag feiern, zweitens feiere er jetzt seinen 70. Geburtstag, weil er "die Rente mit 70 nicht akzeptiert". Dann trug Ulrich Matthes, Ensemblemitglied am Deutschen Theater und bereits zweimal zum "Schauspieler des Jahres" gekürt, Kurt Tucholskys Glosse "Berlin! Berlin!" vor, die mit dem Satz endet: "Wir sind für diese Stadt, in der immerhin Bewegung ist und Kraft und pulsierendes rotes Blut." Es folgte der Festvortrag von Christine Lagarde, der mit den Worten begann: "Wolfgang, my friend" und Schäuble als den "besten Finanzminister Europas" würdigte und als einen Mann, "der Wort hält." Dann trug Matthes die "Bürgschaft" Schillers vor, dem das Publikum mit andächtiger Stille folgte und nach dem Schlusssatz des Königs, "Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte!", in begeisterten Jubel ausbrach.

"Ohne Sie sähe unser Land anders aus"

Auftritt Angela Merkel. Wie würde sie mit dem Mann umgehen, den sie einst um die Kanzlerschaft gebracht hat? Es sei ihr eine ganz besondere Freude, sagte sie sehr förmlich und mal wieder auf das "Sie" bedacht, "Ihnen zum Geburtstag zu gratulieren". Schäuble sei das "Langzeitgedächtnis der Bundesrepublik", sei der "Architekt der deutschen Einheit" und "ein Dienstleister im besten Sinne". Ihr Fazit für das Wirken Schäubles: "Ohne Sie sähe unser Land ganz anders aus!" Und dann packte sie ihren Dank an Schäuble in den Satz: "Ich weiß, dass Wolfgang Schäuble erst Lokomotivführer, dann Fußballer und schließlich Anwalt werden wollte. Ich bin sehr froh, dass Sie doch noch Politiker geworden sind." Nicht den Hauch eines Wortes jedoch fand sie für die Rolle, die sie bei der Verhinderung des Lebenstraums Schäubles gespielt hat – der Kanzlerschaft.

Schließlich durfte Schäuble selbst auf die Bühne und genoss den Beifall des Publikums, der erkennbar von Herzen kam. "Ich habe lange keine so intensive Stunde erlebt wie heute", gestand er dann sichtbar gerührt von dem "wunderbaren Fest", das er sich "nicht schöner hätte vorstellen können." Und es folgte ein großes Kompliment an Volker Kauder, der Schäuble schon in der Jungen Union kennen gelernt hatte: "Mit mir 40 Jahre auszuhalten, das schafft nicht jeder."

Warum war Angela Merkels Rede so kühl?

Es folgte noch ein Kapitelchen Zeitgeschichte. Als Helmut Schmidt ihm einmal gesagt habe, Anke Fuchs werde einmal die erste Frau im Kanzleramt, da habe er dem Sozialdemokraten gesagt: "Nein. Ich weiß, dass dies Angela Merkel sein wird."

Beim anschließenden Empfang gab es vor allem ein Thema: Weshalb wohl in der Rede der Kanzlerin die Herzenswärme so spürbar gefehlt habe. Einige wiedersprachen diesem Befund. "Für ihre Verhältnisse hat Angela Merkel doch geradezu einen Gefühlsausbruch gehabt." Viele stimmten dieser Analyse jedoch nicht zu. Vor allem Lothar de Maizière widersprach. Der Mann, dem Merkel einst als Pressesprecherin gedient hat, sagte über sie zu stern.de: "Sie ist eben eine Dame ohne Unterleib." Aber er sagte es ganz leise.