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Erzieher im Ausstand: Erste Streikwelle trifft Hunderte Kitas

Es war nur der Auftakt, doch er zeigt, wie ernst es die Streikenden mit ihren Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen meinen: Bundesweit haben 11.000 Erzieher ihre Arbeit niedergelegt, Hunderte Kitas blieben geschlossen. Verdi-Chef Frank Bsirske droht mit einem langen Arbeitskampf.

Zu Beginn der Streikwelle in Kindertagesstätten sind am Freitag hunderte Einrichtungen in sieben Bundesländern geschlossen geblieben. Rund 11.000 Erzieher legten die Arbeit nieder, um ihre Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen zu unterstreichen, teilte die Gewerkschaft Verdi in Berlin mit. "Wir haben eine höhere Streikbeteiligung, als wir ursprünglich gedacht haben", sagte eine Sprecherin.

Betroffen waren Kindertagesstätten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen, Bremen, Schleswig-Holstein, dem Saarland und Baden-Württemberg. Zehntausende Eltern mussten für ihre Kinder eine andere Unterbringung organisieren oder sie selbst betreuen.

Allein in Ulm mussten 20 von 22 Einrichtungen geschlossen bleiben. Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD) kritisierte den Streik: "Die Arbeitsbedingungen der Erzieherinnen sind alles andere als unmenschlich", sagte er. Angesichts des dramatischen Rückgangs der Steuereinnahmen könnten Städte und Gemeinden nicht noch mehr Geld für die Kinderbetreuung aufwenden.

Verdi-Chef Frank Bsirske drohte in Köln mit einem langen Arbeitskampf. Bei einer Veranstaltung in der Domstadt mit mehr als 2000 Beschäftigen forderte er erneut einen Gesundheitstarifvertrag für die bundesweit 220.000 Erzieherinnen und Sozialarbeiter bei den Kommunen. Kitas in privater Trägerschaft sind von der Streikwelle nicht betroffen.

Zusammen mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) will Verdi den Gesundheitsschutz tarifvertraglich regeln und die Streiks dafür notfalls auch ausweiten. So sollen die Erzieher das Recht erhalten, dass ihre gesundheitliche Belastung am Arbeitsplatz ermittelt wird und krankmachende Arbeitsbedingungen abgeschafft werden. Besonders leiden sie den Gewerkschaften zufolge unter unzureichender Personalausstattung, großer Lärmbelastung, Rückenschmerzen und hohem Erwartungsdruck.

Verdi-Chef Bsirske sagte, die betroffenen Eltern hätten sehr viel Verständnis für die Forderungen bekundet. Das zeige die Solidarisierung der Elternräte mit den Beschäftigten. Die kommunalen Arbeitgeber werfen den Gewerkschaften vor, die Streiks als Druckmittel für eine bessere Bezahlung der Erzieher einzusetzen. Der Verband der kommunalen Arbeitgeber (VKA) will am 27. Mai zu der Forderung nach einem separaten Gesundheits-Tarifvertrag Stellung beziehen.

"Da ist noch jede Menge Luft nach oben"

Verdi-Bundesvorstand Achim Meerkamp sagte in der ARD, seine Gewerkschaft sei auf eine längere Auseinandersetzung eingestellt. Je nachdem, wie die Arbeitgeber reagierten, sei man auch bereit, die Streiks auszuweiten. Bei Verdi gehe es um rund 130.000 Beschäftigte der Kommunen, noch nicht einmal 20.000 von ihnen würden mit dem Streik beginnen. "Da ist noch jede Menge Luft nach oben."

Ein Ziel der Arbeitsniederlegungen sei eine bessere Bezahlung der Erzieherinnen und Erzieher, sagte Meerkamp. Wer erst seit 2006 beschäftigt sei, bekomme bis zu 700 Euro weniger als länger angestellte Kollegen. Zum Hauptstreitpunkt Gesundheitsschutz sagte er, eine Studie von Verdi habe ergeben, dass 25 Prozent der Erzieherinnen nicht glaubten, gesund in die Rente zu kommen. "Die Krankenstände steigen, die psychischen Belastungen haben klar zugenommen."

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) plädierte für eine bessere Bezahlung und bessere Karrierechancen für Erzieherinnen und Erzieher. "Mit dem Ausbau der Kinderbetreuung muss auch eine bessere Qualität einhergehen. Das kostet selbstverständlich Geld", sagte sie den "Ruhr Nachrichten". "Aus gutem Grund gibt der Bund nicht nur Investitionskosten, sondern auch Betriebskosten, die direkt in die Gehälter von Erzieherinnen und Erziehern fließen."

Zu einer Aufwertung des Berufes gehörten auch Karrierechancen. "Es ist gut, dass das Problem jetzt auf dem Tisch ist. Ich hoffe, dass sich die Tarifparteien bald auf eine zukunftsfähige Lösung einigen", sagte von der Leyen. Dass die Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten der Erzieherinnen heute ungünstiger seien als früher, habe "auch damit zu tun, dass beide Tarifpartner diese Struktur erst gemeinsam geschaffen und dann bis heute nicht geändert" hätten.

Insgesamt besuchen dem Statistischen Bundesamt zufolge rund 2,25 Millionen Kinder Tageseinrichtungen. Bundesweit gibt es knapp 50.000 Kitas, davon 17.000 in kommunaler Trägerschaft.

DPA/Reuters/AP / AP / DPA / Reuters