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Wirecard und die Geheimdienste Achtmal Österreich, einmal Usbekistan: Warum besaß Jan Marsalek so viele Reisepässe?

Alle suchen ihn: Jan Marsalek, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2017
Alle suchen ihn: Jan Marsalek, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2017
© DPA
Der im Juni 2020 abgetauchte Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek verfügte insgesamt über acht verschiedene österreichische Reisepässe sowie einen Diplomatenpass des Regimes in Usbekistan. Das zeigen vertrauliche Unterlagen des Verfassungsschutzes.

Von Interpol bis BKA – weltweit suchen Polizeibehörden nach Jan Marsalek. Der 40 Jahre alte Österreicher war einer der Chefs des heute bankrotten Finanzdienstleisters Wirecard und gilt als möglicher Kopf einer Bande, die dort viele Millionen Euro abgezweigt haben soll. Seit dem 19. Juni ist er abgetaucht. Er wird irgendwo in Russland vermutet.

Paradox, aber wahr: Der Mann, der heute als mutmaßlicher Straftäter gesucht wird, unterhielt vor seiner Flucht enge Beziehungen zu verschiedenen Sicherheitsbehörden. Jetzt gibt es Neuigkeiten über die vielen Reisepässe und mögliche Geheimdienstkontakte des Ex-Managers. Ein Indiz dafür: Laut vertraulichen Unterlagen der deutschen Sicherheitsbehörden, die der stern und das Magazin "Capital" auswerten konnten, war Marsalek wohl im Besitz von sage und schreibe acht verschiedenen österreichischen Reisepässen – neben einem Personalausweis der Alpenrepublik. Das schrieb das Bundesamt für Verfassungsschutz am 2. September 2020 dem Generalbundesanwalt in Karlsruhe. Bisher war in Medienberichten von sechs Pässen aus Österreich die Rede.

Das in Köln ansässige Bundesamt berief sich bei seinen Informationen auf "die Übermittlung eines ausländischen Partnerdienstes", der Registriernummern der „acht mutmaßlichen von der Republik Österreich ausgestellten Reisepässen“ geliefert habe.Darüber hinaus seien dem BfV von dem Partnerdienst die Registriernummer "eines Passes des Inselstaates Grenada" in der Karibik mitgeteilt worden. Eine weitere Marsalek zugeordnete Nummer eines Diplomatenpasses stufte das Bundesamt als mögliches Ausweisdokument des Regimes in Usbekistan ein. Das Land wird von Staatspräsident Shavkat Mirziyoyev autoritär regiert.

Dass Marsalek Beziehungen zu Usbekistan unterhält, zeigen auch Flugdaten. Ausweislich von Angaben, die der Verfassungsschutz ausgewertet hat, war Marsalek am 27. Februar 2018 vom türkischen Istanbul in die usbekische Hauptstadt Taschkent geflogen und zwei Tage später - am 1. März 2018 - zurück nach Istanbul. Bei seinen relativ zahlreichen Besuchen in Russland war Marsalek laut der Auswertung der Flugdaten durch das BfV offensichtlich "mit sieben verschiedenen Reisepässen und einem Diplomatenpass" eingereist.

Arbeitete Marsalek für die Russen? Oder die Österreicher?

Der Generalbundesanwalt ging laut der Unterlagen im Sommer 2020 dem Verdacht nach, dass Marsalek "eine mögliche nachrichtendienstliche Tätigkeit" für einen russischen Geheimdienst betrieben habe. Die Quelle für diesen Verdacht und für eine Reihe von Dateien aus offenbar russischen Behörden war ein "G." genannter Zeuge, der bereits in dem Verfahren zu dem sogenannten Tiergarten-Mord ausgesagt hatte. In ihm geht es um einen möglichen Auftragsmord des russischen Staats an einem Georgier im August 2019 im Kleinen Tiergarten in Berlin.

Einiges deutet darauf hin, dass es sich bei G. um einen Journalisten handelt, der sowohl über den Täter in diesem Fall wie über die mutmaßliche Flucht von Marsalek nach Minsk in Belarus im Juni 2020 recherchiert hatte.

Eine Anfrage an ihn blieb bisher unbeantwortet. Er hatte bereits in einem Artikel im Juli 2020 den Verdacht aufgeworfen, dass Marsalek für einen russischen Geheimdienst gearbeitet haben könnte. Als Indiz dafür dienten offenbar von dem russischen Inlandsdienst FSB gesammelte Einreisedaten der dortigen Grenztruppen. In den Daten wurden nämlich einerseits bis September 2017 relativ häufige Russland-Besuche des Österreichers registriert. Für den 15. September 2017 hatten die Grenztruppen für den frühen Morgen hingegen zunächst eine Ausreise als "verweigert" gespeichert. Dann durfte Marsalek am späten Nachmittag des selben Tages doch das Land mit einer anderen Maschine verlassen. In der Zeit danach wurden in dieser Datenbank keine Einreisen von Marsalek mehr registriert.

Daher konnte man darüber spekulieren, ob ein russischer Geheimdienst bei dieser Gelegenheit im September 2017 Marsalek als Zuträger angeworben hatte. "Insgesamt scheint sich das Reiseverhalten des Marsalek in Bezug auf Russland nach der verzögerten Ausreise im Jahr 2017 verändert zu haben", heißt es auch in einer Auswertung der Reisedaten, die der Bundesnachrichtendienst (BND) am 11. September an den Generalbundesanwalt übermittelte: "Dies spricht dafür, dass Marsalek entweder danach tatsächlich keine Reisen mehr nach Russland unternommen hat, oder dass die Reisen ab diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Datenbank der Grenztruppen dokumentiert wurden."

Deutsche Dienste hatten keine eigenen Erkenntnisse

Ähnlich wie der Verfassungsschutz konnte der BND dem Generalbundesanwalt aber keine eigenen Erkenntnisse über eine mögliche Agententätigkeit von Marsalek bieten. Eine "Tätigkeit Marsaleks für russische Nachrichtendienste" könne "nicht ausgeschlossen werden, diese kann jedoch mangels nachrichtendienstlicher Eigenerkenntnisse auch nicht bestätigt werden", hieß es in dem Schreiben des BND, das in Kopie auch an das Kanzleramt in Berlin ging.

Der Verfassungsschutz verwies gegenüber der Bundesanwaltschaft darauf, dass russische Geheimdienste Marsaleks Aktivitäten "zumindest akribisch beoachtet" haben dürften: "Die vielen weiteren Reisen und dargestellten Aktivitäten des Marsalek in Libyen und Syrien sind nicht denkbar, ohne dass der militärische Nachrichtendienst GRU dies registriert." Grund: Die militärischem Interessen Russlands in diesen beiden Ländern.

Die Bundesanwaltschaft wollte sich jetzt auf Anfrage nicht zu dem Vorgang äußern. Offenbar ist dort aber mangels konkreter Verdachtsmomente kein Ermittlungsverfahren anhängig, auch nicht betreffend einen von tagesschau.de vor einigen Monaten vermeldeten Verdacht einer Tätigkeit Marsaleks für den österreichischen Inlandsgeheimdienst. Auf Anfrage von stern und "Capital" dementierte das österreichische Innenministerium jetzt erneut eine solche Zuarbeit von Marsalek für das  dortige Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). "Jan Marsalek war keine Vertrauensperson oder sogenannter 'V-Mann' für das BVT", teilte ein Sprecher mit.

Auf die Frage nach den vielen österreichischen Reisepässen des heute polizeilich gesuchten Managers hatte der Wiener Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) bereits im September in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage unter Berufung auf den Datenschutz keine Details mitgeteilt. "Im Passgesetz ist grundsätzlich vorgesehen, dass eine Person gleichzeitig über mehrere Reisedokumente verfügen darf", hatte er erklärt.

In den vergangenen Monaten war bereits bekannt geworden, dass Marsalek gute Kontakte in die österreichische Sicherheitsszene unterhielt – ganz besonders zu einem früheren hochrangigen Beamten des Inlandsgeheimdienstes BVT, der Marsalek als einer der letzten traf, bevor er sich aus Deutschland absetzte. Als Berater des österreichischen Innenministeriums für eine Reform des BVT war zeitweise auch der frühere Geheimdienstbeauftragte im Berliner Kanzleramt, Klaus-Dieter Fritsche, tätig. Fritsche war wiederum auch im September 2019 behilflich, ein Treffen von Marsaleks Vorstandskollege Alexander von Knoop mit dem Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einzufädeln.

"BND-Vertreter standen nicht mit Marsalek in Kontakt"

Glaubt man einem Schreibens des BND an das Kanzleramt vom 30. September 2020, dann war Marsalek jedenfalls kein Zuträger des BND: "Vertreter des Bundesnachrichtendiensts standen nach bisherigem Sachstand nicht mit Marsalek in Kontakt", schrieb der Dienst als Zuarbeit zur Beantwortung einer Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag. Auch mit dem Unternehmen Wirecard insgesamt habe es nur begrenzte Berührungspunkte gegeben. Der BND habe lediglich "im geringen Umfang beispielsweise in Ladengeschäften erhältliche Prepaid-Kreditkarten von Wirecard anonym genutzt". Es gehöre zur Praxis des BND, dass "operativ tätige Mitarbeiter unter Arbeits-Identitäten erforderlichenfalls Kreditkarten verschiedener Anbieter" erwerben.

Marsaleks Anwalt wollte sich auf Anfrage von stern und "Capital" nicht zu den Vorgängen äußern: "Wir möchten derzeit keine Erklärungen abgeben", schrieb er.

Die Oppositionsfraktionen im Bundestag wollen die neuen Erkenntnisse zu Jan Marsaleks Aktivitäten aufgreifen. Für den FDP-Abgeordneten Florian Toncar zeigt der Fall, dass nicht nur die Finanzaufsicht Bafin, das Finanzministerium und das Kanzleramt Fragen zu beantworten haben, sondern auch die deutschen Sicherheitsbehörden: "Wenn es zutrifft, dass Jan Marsalek mit mehreren Pässen unter anderem in Bürgerkriegsgebiete reist, dabei offensichtlich beste Kontakte nach Russland und zum österreichischen Geheimdienst genießt und gleichzeitig einen Dax-Konzern führte, ohne dass der BND davon etwas mitbekommen hat, dann haben wir offensichtlich ein großes Sicherheitsproblem", sagte der FDP-Finanzexperte.

Die Grünen-Abgeordnete Lisa Paus verwies auf die "Indizien, die zeigen, dass andere internationale Geheimdienste über Jan Marsalek einen direkten Draht zu Wirecard hatten, das zeigt auch die Anzahl der Pässe". Die Behauptung der deutschen Geheimdienste, sie hätten keine Erkenntnisse zu Jan Marsalek, sei "somit entweder unglaubwürdig oder erschreckend".

Fabio De Masi, der für die Linken im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages sitzt, findet es "seltsam, dass Marsalek von Sicherheitsbehörden erst eine ganze Schubkarre mit Pässen bekommt und nun wird er von Interpol gesucht". Warum, so wundert sich De Masi, durfte er "aus Deutschland unbehelligt ausreisen". Und warum, so De Masi, "fragt die Bundesregierung nicht in Österreich nach was die Schlapphüte und mutmaßlichen Fluchthelfer von Marsalek bei uns so treiben?"

Bereits im November hatte der Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages einen Sonderermittler zu den Geheimdienst-Aspekten des Skandals eingesetzt, den früheren Grünen-Abgeordneten und ehemaligen Berliner Justizsenator Wolfgang Wieland. Wie es heißt, hat er bereits seine Arbeit aufgenommen.


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