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stern-Enthüllungen: Die Rolle von Sigmar Gabriel im Fall Edathy

Sigmar Gabriel gab sich "entsetzt und fassungslos" als bekannt wurde, dass Sebastian Edathy Nacktfotos bestellt hatte. Doch offenbar wusste der SPD-Chef seit Wochen, dass gegen Edathy ermittelt wird.

Entsetzt und fassungslos, aber schon viel früher informiert? Welches Spiel spielt die SPD-Spitze um Sigmar Gabriel (Foto) in der Edathy-Affäre?

Entsetzt und fassungslos, aber schon viel früher informiert? Welches Spiel spielt die SPD-Spitze um Sigmar Gabriel (Foto) in der Edathy-Affäre?

Am Donnerstag stellt sich Sebastian Edathy dem Untersuchungsausschuss des Bundestages. Es geht um die Frage, ob der SPD-Politiker im Laufe der Ermittlungen gegen ihn gewarnt wurde - und wenn ja, von wem. Wer in seiner Partei wusste zu welchem Zeitpunkt was? Edathy will aussagen. Er macht seinen Kinderpornografie-Fall zu einem Fall für die SPD.

Wie Korrespondenzen und eidesstattliche Versicherungen sowie Dokumente, die dem stern vorliegen, zeigen, wurde Edathy von einem Parteifreunden auf dem Laufenden gehalten, aufgemuntert und gestärkt. Seine engste Bezugsperson scheint demnach Michael Hartmann zu sein, der wenige Monate später selbst in die Schlagzeilen geriet, weil er Crystal Meth kaufte und konsumierte.

Sigmar Gabriel und der Doppel-Smiley

Edathy konnte sich aber auch Hoffnungen machen, dass ihn SPD-Chef Sigmar Gabriel in der SPD fördern würde. Das geht aus Kurzmitteilungen hervor, die Gabriel und Edathy kurz nach dem SPD-Parteitag im November 2013 austauschten und die dem stern vorliegen. Zu diesem Zeitpunkt wusste Gabriel bereits seit vier Wochen vom Verdacht gegen Edathy.

Edathy wandte sich am Abend des 16. November 2013 an Gabriel und gratulierte ihm per SMS zu dessen Schlussrede auf dem Parteitag: "Was für eine Rede heute!" Gabriel antwortete: "Ja, Danke. War wohl aber nötig. Schönes Wochenende :-))" Daraufhin schrieb Edathy: "Dir auch! Und falls Dir mal wieder Mitglieder mit sog. Migrationshintergrund einfallen, die man fördern könnte. Hey! :)" Gabriel entgegnete mit einer SMS, die er ebenfalls mit einem Doppelsmiley versah: "Gern:-))"

Gegenüber dem stern äußerte Gabriel zu dem Vorgang: "Ich habe Sebastian Edathy keine 'Förderung in der SPD' signalisiert, nachdem ich vom damaligen Bundesinnenminister Friedrich die Information über den Verdacht gegen Sebastian Edathy erhalten hatte." Offenbar geht der Vizekanzler davon aus, dass eine Antwort "Gern" zusammen mit einem Doppelsmiley bei Edathy keine Hoffnung auf die erwünschte Förderung weckte.

Nur eine Version stimmt

Derzeit steht gleich mehrfach Aussage gegen Aussage. Edathy widerspricht mit seinen Darstellungen im stern seinen früheren Äußerungen. Michael Hartmann wehrt sich - wie auch Gabriel - gegen die Version von Edathy. "Die Darstellung von Herrn Edathy ist unzutreffend", so Hartmann in einer persönlichen Erklärung am Wochenende. Er habe sich um Edathy gekümmert und verschiedentlich über dessen Befürchtung, gegen ihn könne strafrechtlich ermittelt werden, mit seinem Parteifreund auch kommuniziert.

Zu Beginn des Untersuchungsausschusses im Sommer blickte die Vorsitzende Eva Högl skeptisch auf die Effektivität des Gremiums. Der Innenausschuss habe in vier Sitzungen "alle relevanten Fragen ausreichend erörtert und auch eine ausreichende Erklärung bekommen". Das stellt sich nach den Veröffentlichungen des stern jedoch etwas anders dar.

An diesem Donnerstag werden sowohl Hartmann als auch Edathy im Untersuchungsausschuss auftreten. Eine Gegenüberstellung der beiden Männer ist bisher nicht vorgesehen. Wie auskunftsfreudig Edathy im Ausschuss sein wird, weiß bislang niemand. Obwohl er vorher mit Journalisten reden will, hätte Edathy die Möglichkeit, sich im Ausschuss auf sein Aussageverweigerungsrecht als Angeklagter in einem Strafprozess zu berufen. Denn am 23. Februar beginnt vor dem Landgericht Verden ein Prozess gegen ihn wegen des Vorwurfs des Besitzes von Kinderpornografie.

swd mit Agentur-Material