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Freie-Wähler-Chef Aiwanger: Der CSU-Schreck vom Bauernhof

Bei der bayerischen Landtagswahl könnten die Freien Wähler erstmals in den Landtag einziehen. Angeführt wird die bürgerliche Protestbewegung von einem 37-jährigen Bauern namens Hubert Aiwanger. stern.de begleitete ihn bei seinem Wahlkampf.

Von Tobias Lill, Eichstädt

Es sind diese Momente. Diese Momente, in denen man versteht, warum die CSU Hubert Aiwanger fürchtet. Wenn er einfach zuhört, einfach die anderen sprechen lässt. Ruhig sitzt der Spitzenkandidat der Freien Wähler in der Bauernstube am massiven Eichentisch, während der alte Landwirt seine Sorgen und Nöte schildert. Etwa, dass es seit Jahren immer schwieriger werde, die Milch zu einem guten Preis zu verkaufen. "Die Jungen ziehen weg", klagt der alte Bauer. Erst als der Landwirt eine Pause macht, hakt Aiwanger nach. "Was passiert dann mit den alten Bauernhäusern?", fragt er. Und er kennt die Antwort. "Sie bleiben leer". Mit pastoralem Unterton sagt Aiwanger: "Es ist schlimm, dass immer mehr Bauern aufgeben müssen."

Mehr Bürgermeister als die SPD

Aiwanger ist keiner, der sein Leben nur in der Großstadt verbracht hat. Er kennt die Sorgen und Wünsche der Landbevölkerung. Er ist selbst Bauer, lebt mit seinen Eltern auf dem eigenen Hof in der Nähe von Landshut. "Heimat und Familie sind wichtig", sagt er. Deshalb müsse man die häusliche Pflege stärken. Sätze, die auch von einem CSU-Politiker kommen könnten und die die Menschen hier in Kasing bei Eichstädt gerne hören. Auf dem Heidehof hat er ein Heimspiel.

Der Rinderhof ist nur eine Station auf Aiwangers Ochsentour. Der 37-jährige Niederbayer, der die Freien Wähler als deren Spitzenkandidat erstmals in den bayerischen Landtag führen will, hat tiefe Augenringe. Auch heute hat er wieder viel vor, schließlich brauchen die Freien Wähler jede Stimme, um den Einzug in den Landtag zu schaffen. Die bisherige Bilanz der Freien Wähler (FW) kann sich sehen lassen: Keine Partei gewann bei der bayerischen Kommunalwahl vor einem halben Jahr so viele Stimmen hinzu, wie die bürgerliche Gruppierung. Um vier Prozent legte sie zu. Die Wählergruppe stellt 800 Bürgermeister und 15 Landräte im Freistaat und damit mehr als die SPD.

Lockmittel Pauli

Um jetzt auch den ersehnten Einzug ins Maximilianeum zu schaffen, setzt die FW auf ein Tandem: Die ehemalige CSU-Landrätin Gabriele Pauli, die auch bei den Freien Wählern manchmal noch als "Latex Lady" verspottet wird, soll durch ihren Bekanntheitsgrad Stimmen in den großen Städten holen. Aiwanger spricht dagegen die in einem Flächenstaat wie Bayern so immens wichtige Landbevölkerung an. "Er ist einer von uns", wird auch Bauer Oblinger später sagen. Aiwanger lässt keine Gelegenheit aus, sich als Lobbyist der einfachen Landbevölkerung zu zeigen. Gerne poltert er über die "Metropolisierung Bayerns".

Zu Gunsten Münchens und Nürnbergs seien die ländlichen Regionen vernachlässigt worden. Die Freien Wähler fordern ausreichend Schulen in Ortsnähe, kleinere Klassen, eine Abschaffung der Studiengebühren, eine bessere Verkehrsanbindung und flächendeckend DSL-Anschlüsse. Wegen solcher Versprechen und weil viele Bayern nach Landesbank-, Rauchverbots- und Transrapidfiasko von der CSU enttäuscht sind, sehen die Demoskopen die Bürgergemeinschaft, die noch immer keine Partei im klassischen Sinne darstellt, seit Monaten über der Fünf-Prozent-Hürde.

Noch keine Spur von PR-Beratern

Aiwanger sitzt im Trachtenjanker mit Hirschhornknöpfen in der Bauernstube. Er nickt oft an diesem Tag, lobt die Kochkünste der Hausherrin. Was er tut, wirkt nicht aufgesetzt. Etwa, wenn er dem alten Landwirt, als dieser über die Rolle von Mann und Frau bei der Hausarbeit spricht, entgegnet: "Ich bin auch kein guter Hausmann." Noch warnt ihn kein Tross von PR-Beratern vor solchen Bemerkungen, die beim städtischen Klientel Stimmen kosten könnten. Noch ist er kein Berufspolitiker. Manchmal, da sagte er Sachen, von denen er sich später wieder distanzieren musste. Etwa, als er forderte, die Marktmacht von Konzernen zu zerschlagen. Oder als er die CSU wegen ihrer Abhängigkeit von Konzernspenden als "korrupt und gekauft" geißelte. An diesem Nachmittag müsste er sich dafür nicht entschuldigen "Was er sagt, stimmt doch", sagt ein Mitglied der Wählergruppe.

Aiwanger spricht dennoch lieber von der Zukunft. "Viele Menschen im Freistaat wollten eine Veränderung", sagt er, bevor er sich etwas Senf auf seine Bauernwürste schiebt. Hinter ihm hängt ein riesiges Kreuz. "Doch Glaube ist Privatsache und Kreuzzüge gehören ins Mittelalter", sagt er in Anspielung auf die Linkspartei-Kampagne Hubers. Er wäre bereit, gemeinsam mit SPD, Grünen und FDP zu regieren. Aiwanger geht deshalb davon aus, dass die CSU absichtlich die Linke im Freistaat stark mache, um so jede Koalition jenseits der Regierungspartei unmöglich zu machen.

"Kreuzzüge gehören ins Mittelalter"

Er schließt eine Koalition mit den Christsozialen zwar nicht aus, doch würde seine Partei der CSU "nicht allzu weit entgegenkommen". Lieber gehe man in die Opposition, als von zentralen Forderungen - etwa in der Bildungspolitik - abzurücken. Aiwanger, der erst vor fünf Jahren den Freien Wählern beitrat und dort eine Blitzkarriere machte, sagt von sich: "Bauer sein ist die beste Schule für einen Politiker." Schließlich müsse auch ein Landwirt Verantwortung zeigen und müsse immer versuchen, den Hof als Ganzes zu sehen.

Als Bauer Oblinger dem Parteichef den Stall zeigt, erkundigt sich der Jäger nach der Größe eines Hirschgeweihs, das an der Wand hängt. Wie die meisten Oppositionspolitiker will Aiwanger die "zunehmende Bürokratie", die die CSU verschuldet habe, bekämpfen. Bereits mehrere Stunden zuvor hat er in Eichstädt vor einem halben Dutzend Journalisten ein Umdenken der Bildungspolitik gefordert. "Es kann nicht angehen, dass es Grundschulen gibt, in denen bereits zwei Drittel der Schüler Psychopharmaka nehmen, um dem zunehmenden Druck in Bayerns Bildungssystem Stand zu halten", polterte er.

Mittelstand ist von der CSU enttäuscht

Es riecht nach Gülle. Die Zeit drängt. Aiwanger ist länger auf dem Hof geblieben, als er wollte. Jetzt heißt es, Gas geben. Er muss noch in das Gewerbegebiet von Denkendorf. Einst war der Mittelstand eine Phalanx der CSU. Doch immer mehr Betriebe fühlen sich von der Staatsregierung alleine gelassen. Laut einer Umfrage des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) wünschen sich nur noch ein Fünftel der bayerischen Unternehmen eine Fortsetzung der traditionellen Alleinherrschaft der CSU.

Alfons Geyer, Geschäftsführer des Analyse- und Messgeräteherstellers CGS ist keiner davon. "Die Staatsregierung fördert die kleinen und mittelständischen Unternehmen zu wenig", sagt er. Deshalb engagiert sich Geyer seit vielen Jahren bei den Freien Wähler. Als "Musterunternehmer" bezeichnet Aiwanger den Mann. Innerhalb von drei Jahrzehnten machte Geyer aus einem Zwei-Mann-Betrieb ein weltweit führendes Unternehmen. Von der Expansion profitieren auch die über 70 Mitarbeiter. Um sechs Prozent - also mehr als tariflich vorgesehen - erhöhte er unlängst die Löhne.

Stolz zeigt er Aiwanger die Firmenhallen. Die Maschinen hämmern. "Dass es uns gut geht, ist nicht der Verdienst der CSU", sagt Geyer. Das Bildungssystem bringe zu wenige geeignete Lehrlinge hervor, klagt er. Als Aiwanger bei der anschließenden Brotzeit mit Leberkäse und Brezen kritisiert, dass "viele Karrieristen bei der Jungen Union, die nur Jura oder Politik studiert haben, um Berufspolitiker zu werden, vom wirklichen Leben oft keine Ahnung haben", trifft er genau Geyers Nerv. "Wissen Sie, wie viele Handwerker auf der Landtagswahlliste stehen?", fragt er und gibt die Antwort selbst: "Ein einziger."

Am Ende überreicht Geyer Aiwanger eine Deutschlandkarte und prophezeit: "Zuerst schaffst du es in Bayern und dann deutschlandweit". Tatsächlich ist das Potential bürgerlicher Protestwähler auch in anderen Bundesländern vorhanden.

Aiwanger wirkt müde. Dennoch muss er weiter. Wenig später steht er schon auf dem Rednerpult einer Wahlveranstaltung in einem rustikalen Gasthof. Er spricht frei, fordert eine "Regionalisierung" der Politik. Mitten in der Rede deutet er auf ein Wahlplakat im Raum. Es zeigt eine Familie vor einem idyllischen Dorf. "Wir nehmen Sie ernst", steht darauf. Aiwanger fährt fort: "Viele Leute fühlen sich von der CSU nicht mehr vertreten. Die sind zu abgehoben", ruft er dem Publikum entgegen. Am Ende klatschen die 50 Anhänger frenetisch Beifall. "Diesmal muss es klappen", sagt ein älterer Herr, während Aiwanger schon wieder zum Auto hetzt. Die nächsten Wähler warten.