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Gemeinsames TV-Interview Merkozy - ein Tête-à-tête im TV


Weltpremiere! Erstmals mischt ein deutscher Kanzler offensiv im französischen Wahlkampf mit: Merkel hilft Sarkozy mit einem gemeinsamen TV-Interview. Außenminister Westerwelle ist verschnupft.
Von Lutz Kinkel

Am Montagnachmittag, nach dem Ministertreffen in Paris, kam auf der Pressekonferenz natürlich auch die Frage auf, warum sich Kanzlerin Angela Merkel so bereitwillig in Nicolas Sarkozys Präsidentschaftswahlkampf einspannen lässt. "Ich unterstütze Sarkozy in jeder Façon, weil wir einfach zu befreundeten Parteien gehören - egal was er tut", antwortete Merkel. Als aus dem Publikum ein erstauntes "Oh là là" erklang, korrigierte sich die Kanzlerin: "In Bezug auf die Kandidatur, wollte ich nur sagen." Und dann lachte sie.

Das sah charmant aus - der Verweis auf die Freundschaft, der kleine Lapsus und das Lachen - und doch ist es, wie so oft im politischen Leben, nicht mehr als eine oberflächliche Andeutung der politischen Interessen. Fakt ist: Entgegen aller außenpolitischen Usancen schaltet sich die Kanzlerin in den französischen Präsidentschaftswahlkampf ein. Das unübersehbare Zeichen ist das Tête-à-tête, das sich Merkozy im Fernsehen gönnen, das erste gemeinsame TV-Interview. Dort spricht Merkel abermals von persönlicher Zuneigung und Unterstützung.

Das Rennen gegen Hollande

Die braucht Sarkozy derzeit dringender als die Deutsche. Frankreich hat sein Triple-A-Rating verloren, die Wirtschaft lahmt, am 22. April ist Präsidentschaftswahl, und in den Umfragen liegt Sarkozy abgeschlagen hinter seinem Konkurrenten François Hollande von den Sozialisten. Politische Schnellschüsse wie die Ankündigung, im Alleingang die Finanzmarkttransaktionssteuer einzuführen, haben seine Situation nicht verbessert. Ebenso verhalten reagieren die Franzosen darauf, wenn ihnen Sarkozy immerzu das "Modell Deutschland" empfiehlt - denn das verspricht zunächst einmal Unannehmlichkeiten: Rente mit 67, flexibler Arbeitsmarkt, steigende Umsatzsteuer auf diverse Produkte. Da kommt die Gelegenheit, sich als Staatsmann und Baumeister Europas an der Seite der Kanzlerin zu präsentieren, gerade recht. Die Botschaft ist klar: Wer Stabilität in Euroland will, muss Sarkozy wählen.

So sieht es wohl auch die Kanzlerin, der es vor einem Wechsel im Elysee-Palast graust. Die Sozialisten haben angekündigt, sich für Eurobonds einzusetzen, den gerade erst geschnürten Fiskalpakt neu zu verhandeln und kostenträchtige Konjunkturprogramme anschieben zu wollen. Kurz: Hollande verspricht ein Anti-Sarkozy zu sein, und würde er es tatsächlich werden, begänne die bisherige deutsch-französische Europapolitik zu bröseln. Merkel will das verhindern - und wirft deshalb ihr ganzes politisches Gewicht für Sarkozy in die Waagschale. Natürlich nicht ohne zu betonen, dass sie bei dieser Wahlkampfhilfe nur als CDU-Vorsitzende handele: als Konservative, die einen Konservativen stützt. Dass sie anders wahrgenommen wird, nämlich als Kanzlerin der größten europäischen Wirtschaftsnation, nimmt Merkel billigend in Kauf.

Westerwelle verstimmt

Das aber erzürnt Merkels deutschen Koalitionspartner, die FDP. "Die Bundesregierung ist nicht Partei im französischen Wahlkampf", sagte Außenminister Guido Westerwelle dem "Spiegel". Im Rahmen dessen, was Diplomatie und öffentlicher Umgang mit dem Koalitionspartner sprachlich zulassen, ist das als harsche Kritik an Merkel zu verstehen. Schließlich entspricht das Schaulaufen der Kanzlerin ja auch nicht außenpolitischen Gepflogenheiten. Zurückhaltung und Neutralität bei Wahlkämpfen in anderen Staaten gilt als Pflicht: Schließlich weiß keiner, mit wem er später zu tun hat. Hinzu kommt, dass Liebesdienste für einen Kandidaten auch unerwünschte Effekte haben können. Gerade bei Merkozy ist das Spiel riskant: Deutschland genießt in Europa nicht nur Sympathien, sondern ist als Sparkommissar und politische Supermacht gefürchtet. Spottend zitierte "Le Monde" aus der verbotenen ersten Strophe der Nationalhymne: "Deutschland über alles."

Wie werden es also die stolzen Franzosen empfinden, wenn sich ihr Präsident als Huckepack-Politiker Merkels zu erkennen gibt? Auf Fotos des TV-Doppelinterviews sieht das Duo eigenwillig aus: Sarkozy, klein und schmal im dunklen Anzug, neben sich die korpulentere Kanzlerin im mausgrauen Tuch. "Es gibt nur Gewinner, wenn wir zusammenarbeiten", sagt Sarkozy. Da steckt viel persönliche Hoffnung in diesem Satz.

mit Agenturen

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