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Gerhard Schröder: Putins Mann hält Hof

Und da war er wieder, diesmal im Berliner Nobelhotel Adlon. Nicht als Politiker, nicht als Autobiograf, sondern als Lobbyist: Mit Leidenschaft hat Alt-Kanzler Gerhard Schröder das Russland seines Freundes Wladimir Putin als zuverlässigen Energielieferanten gepriesen - und davor gewarnt, Moskau zu vergrätzen.

Von Florian Güßgen

Nein. Er nimmt das nicht zurück, das mit dem "lupenreinen Demokraten." Sollen die anderen doch sagen, was sie wollen. Soll der Steinmeier sich doch distanzieren, wie am vergangenen Wochenende. Russland sei eben "keine lupenreine Demokratie", hatte der Außenminister gesagt. Aber einerlei. Er, Gerhard Schröder, steht zu dem russischen Präsidenten. Und er steht zu seinem Wort. Von seiner "Klassifizierung der handelnden Personen" in den deutsch-russischen Beziehungen werde er nicht abrücken, sagt der Ex-Kanzler an diesem Abend. "Ich habe nach wie vor nichts zurückzunehmen, und ich werde auch nichts zurücknehmen", sagt Schröder. In seiner Rede verhaspelt er sich oft. Ansonsten ist er der alte.

Plädoyer für den bisweilen wankelmütigen Energielieferanten

Schröder ist an diesem Mittwochabend jedoch nicht Ex-Kanzler, nicht SPD-Politiker, nicht Autobiograf. Nein. An diesem Abend ist er als Lobbyist Russlands in den "Ballsaal" des noblen Hotels "Adlon" in Berlin gekommen, als Anwalt Putins. Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) hat geladen. Der Saal ist proppevoll. Und in einer halbstündigen Rede wirbt Schröder in einem leidenschaftlichen Plädoyer für eine Annäherung Deutschlands und Europas an Moskau, den wichtigen, und bisweilen scheinbar wankelmütigen Energielieferanten. Schröders Haltung überrascht dabei wenig. Er vertritt Interessen, denn schließlich ist der 62-Jährige Aufsichtsrats-Chef des Pipeline-Konsortiums NEGP, das von dem russischen Gas-Giganten Gazprom und den deutschen Firmen BASF und Eon gegründet werden. NEGP baut die Ostsee-Pipeline von Russland nach Deutschland. Dafür, dass er diesen Job angenommen hat, hat Schröder bereits kräftig Prügel bekommen.

"Es geht nicht um Gefühle, sondern um Interessen

Im Kern geht es an diesem Abend um die internationale Energiepolitik. Rohstoffe sind in den vergangenen Jahren zur härtesten Währung der Macht in der internationalen Politik avanciert. Und Russland ist, vor allem wegen seiner Erdgas-Ressourcen, ein Gigant. In Deutschland und Europa macht sich dagegen die Furcht breit, von scheinbar unkalkulierbaren Herrschern - wie Putin - abhängig zu sein, wenn es um Strom und Treibstoffe geht. Ein Bericht der EU-Kommission hatte in der vergangenen Woche behauptet, dass die Abhängigkeit Europas von fossilen Brennstoffen - also von Öl, Kohle und vor allem Erdgas - in Zukunft eher wachsen als schwinden werde. Deutschland hat derzeit die Präsidentschaft der EU und der G8 innen. Für Berlin ist die Energiepolitik in beiden Funktionen ein zentrales Anliegen. Schröder wirbt an diesem Abend zum einen für eine Annäherung an Russland, von dem er zum anderen behauptet, dass es verlässlicher sei, als gemeinhin angenommen. "Es liegt in unserem Interesse, die Energiepartnerschaft zu vertiefen", sagt Schröder an diesem Abend. Dabei gehe es nicht um Gefühle, sondern um Interessen, sagt der Kanzler.

Ex-Kanzler warnt vor "antirussischen Reflexen"

Um Russlands Verlässlichkeit zu untermauern, preist Schröder in seiner Rede Putin dafür, dass er Russland, das so wenig demokratische Traditionen habe und seiner Ansicht nach in den 90er Jahren fast im Chaos versunken wäre, stabilisiert habe. "Präsident Putins historische Leistung ist es", sagt Schröder, "Russland nach einem Jahrzehnt innen- und außenpolitisch auf einen Weg der Stabilität und der Verlässlichkeit geführt zu haben." Das sei der Hintergrund, vor dem man diese Demokratie und auch ihren Präsidenten beurteilen müsse. Schröder sagt, die Russland-skeptischen Debatten in Deutschland würden zu einem "nicht unerheblichen Teil von Missverständnissen, auch von antirussischen Reflexen und Vorurteilen geprägt." Dabei beharrt Schröder trotz allem darauf, dass bundesdeutsche Regierungen traditionell ein gutes persönliches Verhältnis zu russischen Herrschern gepflegt hätten - und, ohne die Kanzlerin beim Namen zu nennen, sei das auch bei Angela Merkel zu. Zwar habe sich der Stil geändert, nicht aber die Haltung. Ein kleiner Seitenhieb gegenüber der Nachfolgerin ist das, die sich gerne dafür rühmen lässt, mit einer größeren Distanz auf Putin zuzugehen. Gewundert habe er sich etwa, dass ein Teil der deutschen Medien sich im jüngsten Streit zwischen Russland und Weißrussland um die Mineralöl-Pipeline "Druschba" ohne viel Federlesens hinter den weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko gestellt hätte - einen autoritären Herrscher.

"Russland muss uns nicht dankbar sein"

Vor allem aber dringt Schröder im "Adlon" darauf, die Energie-Partnerschaft mit Russland zu vertiefen. "Wir Deutsche und Europäer", sagt er, haben allemal ein Interesse daran, Russland auf dem Weg der Stabilität zu unterstützen." Es gebe ein "historisches Fenster für eine strategische Partnerschaft mit dem Land." Das Jahr 2007 sei dabei besonders wichtig, weil es auch darum gehe, das europäisch-russische Partnerschafts- und Kooperationsabkommen neu auszuhandeln. Am kommenden Sonntag fliegt die EU-Ratsvorsitzende Merkel zu Gesprächen mit Putin nach Moskau. Dabei, so Schröder, müsse vor allem eine Regel gelten. "Wir in Deutschland sollten nicht so tun", sagte er, als ob die Russen uns für eine Kooperation dankbar sein müssten." Auch eine Politik des Misstrauens gegenüber Moskau erteilt er eine Absage. "Europa sollte alles unterlassen", sagte er, "was als Eindämmungs- oder Einkreisungspolitik Russlands missverstanden werden könnte."Denn, und auch davor warnt der Ex-Kanzler, Russland sei nicht von der EU abhängig. Es könne sich auch verstärkt dem eurasischen Raum zuwenden. Dort benötigten die aufstrebenden Giganten China und Indien Unmengen an Rohstoffen. "Das könnte zu einer empfindlichen Schwächung der globalen Bedeutung Europas führen", sagt Schröder.

Putin begreift Russland als Teil Europas

Auch ein zweiter Redner, der an diesem Abend im "Adlon" ans Podium tritt, porträtiert Russland als selbstbewussten, zuverlässigen Partner. Es ist Igor Schuwalow, ein einflussreicher wirtschaftspolitischer Berater von Präsident Wladimir Putin, der so genannte "Sherpa" des letzten G-8-Gipfels im russischen Sankt Petersburg. "Sherpas" nennt man jene Spitzenbeamten, die für ihre jeweilige Regierung die G-8-Gipfeltreffen inhaltlich vorbereiten und das einheitliche Auftreten einer Regierung sicherstellen. Schuwalow sagt, Russland entwickele sich vor allem wirtschaftlich rasant, es sei so etwas wie der "Klassenbeste." Aber dennoch, und das soll beruhigen, begreife Putin Russland als Teil Europas. Moskau habe ein vitales Interesse an der Energiepartnerschaft mit der EU. "Wir würden gerne der zuverlässigste Energielieferant für Europa bleiben", sagte der 40-jährige Schuwalow. Und auch er behauptete, der Streit zwischen Moskau und Minsk um die Pipeline "Freundschaft" sei in der vergangenen Woche in Europa missverstanden worden. Im Streit um Energiepreise hätten die Weißrussen Öl abgezapft, auf das sie kein Anrecht gehabt hätten. Deshalb sei die Pipeline im Westen versiegt. Aus Sicht des Kreml habe es sich in der Tat um so etwas wie "höhere Gewalt" gehandelt.

Keine Streicheleinheiten für den "Klassenbesten"

Kurz nach Schuwalows Rede wird es zum ersten und einzigen Mal an diesem Abend etwas hitzig. Denn plötzlich, in einer Fragerunde, steht Volker Rühe, der Ex-Verteidigungsminister auf. Er teile ja viele Ansichten Schröders, sagt er. Aber ein paar Fragen seien nach der Weißrussland-Krise schon offen geblieben. Wenn Moskau schon so einen guten Draht nach Europa habe, dann müsse man doch fragen dürfen, weshalb der Kreml das Kanzleramt nicht direkt informiert habe, was da eigentlich los sei mit der "Druschba" "Wir sind mit der Situation gut zurecht gekommen", bescheidet da Schuwalow den CSU-Politiker in der Form galant, fast schon spöttisch, in der Sache hart. "Deshalb haben wir im Kanzleramt nicht um Hilfe gebeten." Schröder, der kurz darauf zu Wort kommt, lobt die Direktheit des Mannes aus Moskau. Und dann sagt selbst der Lobbyist Russlands etwas offenbar Grundsätzliches zum deutsch-russischen Verhältnis: "Den Klassenbesten muss man nicht jeden Tag streicheln." Lupenrein hin, lupenrein her.