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Grüne: "Den Dicken zum Fliegen bringen"

Die Neuwahlen stürzen die Grünen in die Krise. Sie haben kein Programm, Joschka Fischer wiegt zu viel, und der Einzug in den Bundestag wackelt.

Sie steht in der Parteizentrale mit dieser Kiste vor der Brust. Steffi Lemke, die Bundesgeschäftsführerin, hat sie ihr in die Hand gedrückt. Als Geschenk. Zu ihrem Fünfzigsten. "Liebe Claudia", hat Steffi gesagt, "in dieser Kiste ist ein Ampelmännchen für dich. Ob rot oder grün, das wissen wir nicht. Ein bisschen Überraschung muss ja auch noch sein." Jetzt steht Claudia Roth, die Vorsitzende der Grünen, also da mit dieser Ampelmännchenkiste. Sie hat keine Lust auf Überraschung, stellt das Ding beiseite. Ungeöffnet. So genau will sie es nicht wissen. Nicht jetzt. Das echte Männchen hat ja ohnehin Stopp gesagt.

Seit Gerhard Schröder das rote Ampelmännchen gibt und Neuwahlen angekündigt hat, herrscht Verkehrschaos bei den Grünen. Keiner anderen Partei macht der Coup des Kanzlers so zu schaffen. Keine andere ist so schlecht vorbereitet. Zwar haben die Grünen knappe 18 Stunden nach dem Knall ihren Noch-Außenminister zum Schon-Spitzenkandidaten gekürt, doch außer Joschka Fischer ist ihnen noch nicht viel zur eigenen Rettung eingefallen. Es nerven die drei K: kein Programm, keine Motivation - keine Ahnung, wo das enden soll.

Kommt es zum tosenden

Duell zwischen Schröder und Merkel, werden es die Grünen schwer haben, Gehör zu finden. Zudem wird die CDU versuchen, im bürgerlichen Grünen-Lager auf Stimmenfang zu gehen. Das hat sie schon in NRW praktiziert. Und wenn dann auf der Linken auch noch die Untoten Gysi/Lafontaine tatsächlich in den Bundestag einziehen, wird es für die Grünen ungemütlich.

Alles oder nichts, drinnen oder draußen - waren sie noch im Dezember im Zehn-Prozent-Glück der Demoskopie, müssten sie dann, nach mehr als 20 Jahren in deutschen Regierungen, um den Wiedereinzug in den Bundestag fürchten. Zwischen 4,9 und 9,9 Prozent halten die Grünen inzwischen jedes Ergebnis für denkbar. Während die einen orakeln: "Über den Sommer kann noch weiß der Teufel was passieren", geben andere ehrlich zu: "Wir kämpfen um die Existenz."

Sage also niemand, die Grünen kämpften um gar nichts mehr. Gut, erst kürzlich haben sie das Raketenprojekt "Meads" durchgewunken, obwohl sie es für ebenso sinnlos wie überteuert hielten. Zugegeben, so richtig laut haben sie zuletzt nicht mehr gegen Schröders Avancen Richtung Russland oder China protestiert. Und bitte sehr, vielleicht haben sie in letzter Zeit ein bisschen viel Frieden mit der SPD gemacht. Aber dafür haben sie doch in einem fort bewiesen, wie reibungslos man mit ihnen das Land regieren kann - bis hin zur Selbstverleugnung.

Dennoch drehen jetzt die Genossen durch. Kaum hatte der Kanzler die Vertrauensfrage in Aussicht gestellt, verkündete er schon: Jeder kämpft für sich allein. Fortan durfte auch der Rest der SPD nach Belieben auf die Grünen dreschen wie sonst nur CDU und FDP, Spott über die vermeintliche Liebe der Grünen zu Feldhamstern und Mopsfledermäusen inklusive. Zwar herrscht inzwischen wieder Burgfrieden, doch allen ist klar: Die Koalition liegt in Scherben - und das, obwohl Rot-Grün noch regiert.

Was tun?

Die Minister vorzeitig aus dem Regierungskorsett befreien? "Darüber haben wir nur 30 Sekunden gesprochen", sagt Claudia Roth nach der geheimen Strategiesitzung der Grünen beim Berliner Edelitaliener "Il Punto". Und aus der Fraktionsspitze heißt es lapidar: Ist das Ende absehbar, kann man auf einen symbolischen Abgang verzichten.

Die offizielle Begründung lautet: Man habe nicht vor, sieben Jahre Koalitionsarbeit zu dementieren. Die inoffizielle Version heißt: Man wolle den Genossen nicht den Vorwand für eine Dolchstoßlegende liefern. Und die ganz ehrliche Version geht so: Mit Ministern lässt sich leichter Wahlkampf führen. Schließlich hat man sich nicht ewig verbogen, um kurz vor der Angst auf den Amtsbonus zu verzichten.

Dabei hatte doch Reinhard Bütikofer, der andere Parteivorsitzende, noch in der gruseligen NRW-Wahlnacht mit schreckgeweiteten Augen diesen Satz ausgestoßen, den die Grünen inzwischen als "Mantra" verspotten: "Ein ,Weiter so" kann es nicht geben." Dabei hatte doch Renate Künast, die Verbraucherministerin, schon am Morgen nach dem Knall in einer trübseligen Fraktionssitzung ein bisschen autonomen Optimismus zu versprühen versucht: "Leute, für mich ist das auch ein Stück mehr Freiheit." Frei, endlich frei, ohne Rücksicht auf Ressorts und Ressentiments der SPD, endlich mal nur dafür werben dürfen, was die Grünen wirklich wollen. Seither grübeln sie darüber nach, was sie denn eigentlich wollen sollen. Frei. Unglaublich frei. Vogelfrei.

Kommen sie mit urgrünen Themen aus der Krise? Mit Ökologie, Anti-Atomkraft und Verbraucherschutz? Nein, bloß keinen Ökowahlkampf, wispern sie in der Zentrale. Und Bütikofer zuckt zusammen, wenn er das Wort "urgrün" bloß hört. Weil das so nach Strickpullover klingt. Wenn überhaupt Rückbesinnung auf Gründungsthemen, dann heißen die jetzt "Kernkompetenzen".

"Die Botschaft muss lauten: Die sozial-ökologische Reform haben wir nur angestoßen", sagt Daniel Cohn-Bendit, Fraktionschef der Europa-Grünen. Also etwas Asche aufs Haupt, nicht zu viel, schließlich dürfe die Botschaft auch nicht heißen: "Es war alles schrecklich." Und weil sich beides so kaum plakatieren lässt, muss ein Wahlprogramm her. Bis Mitte Juni soll ein fünfköpfiges Team den Entwurf vorlegen, der Anfang Juli auf dem Parteitag in Berlin der grünen Grundgesamtheit präsentiert wird.

Die Befreiung aus dem Joch

der SPD macht den Grünen schmerzlich bewusst, dass sie ohne Rot dem Wahlvolk eine offene Flanke bieten: die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Zu einer Zeit, da alle nur von fünf Millionen Arbeitslosen reden, kann solch ein Leck das Schiff zum Sinken bringen. "Uns hängt das Image an, dass wir uns nur um Orchideen- und Luxusthemen kümmern und eben nicht um Jobs", sagt eine Bundes-Grüne. Sie glaubt: "Weil man uns nicht fragt." - "Weil das nie ein grünes Herzensthema war", klagt dagegen ein grüner Wahl-Programmierer. "Die Kompetenzzuweisung in Sachen Wirtschaft tendiert gegen null."

Damit soll jetzt Schluss sein. Mal wieder. "Es muss klar werden, dass wir der Generator von Zukunft sind", sagt Renate Künast. Erst Reformmotor der Koalition, jetzt Zukunftsgenerator Deutschlands? Unfreiwillig benennt sie damit das Dilemma: Immer hat die Partei die Zukunft fest im Blick, in der es dank alternativer Energien und nachwachsender Rohstoffe jede Menge neuer Jobs geben soll. Aber vom Wähler heiß ersehnte Lösungen für hier und heute bietet sie nicht.

Während also einige wenige an den Programmtücken feilen, prügelt sich der große Rest um die besten Listenplätze. Wer ohne blaue Augen bleibt, ist jetzt schon klar: die Generation 50 plus. Von Ausnahmen abgesehen, wie der Ostdeutschen Katrin Göring-Eckardt, Jahrgang 1966, schiebt sich eine Phalanx der um 1950 Geborenen wie ein Riegel vor den Nachwuchs. Das Ministertrio zieht auf Spitzen-Listenplätzen in den Wahlkampf, die Parteichefin Claudia Roth für Bayern, Fraktionschefin Krista Sager führt die Hamburg-Liste, Renate Künast steht in Berlin ganz vorn, die abgewählte NRW-Ministerin Bärbel Höhn drängt auch nach Berlin, und zum Wahlkampfleiter haben sie den Ex-Parteichef und Bütikofer-Rivalen Fritz Kuhn gemacht. Alle in den besten Jahren, doch als Hoffnungsträger gehen sie nicht durch.

Und an der Spitze dieser Oldie-Truppe steht der Älteste. Joschka Fischer, 57, mit starkem Nacken, steingrauem Haar und Krawatte, die er im Kampf vermutlich abbinden wird. Wie früher. Wenn man die Vorsitzenden fragt oder die Fraktionsspitzen: Warum denn der noch mal, steht Fischer nicht für das versinkende Rot-Grün, ist er nicht angeknackst durch die Visa-Affäre? Dann antworten sie nicht: Nein! Der ist voller Ideen und Tatendrang! Sie sagen: Ach wissen Sie, die Wahlforscher haben uns erklärt, dass Fischer populärer ist als alle anderen.

Fischer soll es richten,

ein letztes Mal. "Der Leitganter zieht immer", sagt eine Spitzengrüne. Der fliege voran und ziehe die anderen nach, in V-Formation. "Jetzt müssen wir den Dicken nur noch zum Fliegen bringen", spotten andere. Immerhin, er läuft schon wieder - gegen die Kilos. Die Inszenierung schafft Aufmerksamkeit. Wie damals, als er zu sich selbst gelaufen ist. Wer laufen kann, der kann auch fliegen, glaubt die Gänseschar. Es ist den Gänsen gleich, ob der Ganter nachher in die Toskana, zu den UN oder - die unwahrscheinlichste Variante - als Oppositionsführer in den Bundestag fliegt. Hauptsache, er krächzt sie wieder rein ins Parlament.

Dorit Kowitz/Jan Rosenkranz / print