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Grüner Parteitag Wie Helmut Kohl den Grünen ein letztes Mal in die Quere kommt

Die Grünen
Die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl von Bündnis 90/Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt (l) und Cem Özdemir wollen vor allem eins: regieren
© Kay Nietfeld/DPA
Die Grünen schwächeln in Umfragen, aber sie wollen an die Macht – notfalls in einer Koalition mit Union und FDP. Auf dem Parteitag in Berlin machen sich Özdemir und Co gegenseitig Mut. Nur Helmut Kohl kommt ihnen ein letztes Mal in die Quere.

Die Nachricht verbreitet sich ausgerechnet, als Parteichef Cem Özdemir zu seiner Rede schreiten will. Helmut Kohl ist tot. Unvermittelt weht plötzlich der berühmte „Mantel der Gechichte“ durch das Berliner Velodrom und mit ihm die leise Panik, dass eben jener Mantel all die Lebenszeichen und Aufbruchssignale zu ersticken droht, die Özdemir und die Seinen doch so dringend an das Wahlvolk senden wollen: Wir, die Grünen, sind noch da!

Ausgerechnet jetzt bestimmt "Birne" ein letztes Mal die mediale Agenda, verstopft dieser Kanzler der Einheit alle Kanäle mit Sondersendungen und Sonderseiten.

Kohl ist tot. Die Grünen scheinen so.

Als die Grünen das erste Mal den Einzug in den Bundestag schafften, war er schon da. 1983, in Bonn, das Land war noch geteilt und die frisch gewählte Abgeordnete Marieluise Beck überreichte ihm einen vom sauren Regen verdorrten Tannenzweig. Umweltschutz war noch ein ziemlich junges Thema, eines, das immer wichtiger wurde, irgendwann auch ziemlich sexy. Jetzt ist es nicht mehr sexy, sondern nur noch wichtig.

Das ist ein Problem für die Welt. Politisch gesehen ist es vor allem ein Problem für die Grünen.

Helmut Kohl ist tot. Die Grünen scheinen so. Für viele ihrer einstigen Wähler sind sie tatsächlich bereits gestorben. 57 Prozent der Deutschen halten die Partei heute für nicht mehr so wichtig – weil ja alle irgendwie Öko reden. Und so rangiert die Partei bundesweit derzeit bei mageren sieben Prozent. Ein Drittel haben sie seit dem letzten Parteitag im Herbst verloren, die Hälfte sogar im Vergleich zum Vorjahr. Sieht man mal vom eher theoretischen Risiko ab, im September an der 5-Prozent-Hürde zu scheitern, können die Grünen also nicht viel tiefer sinken. Und so hoffen sie, mit diesem Parteitag die Wende einzuleiten.

„Zukunft wird aus Mut gemacht“ prangt als Slogan hinter der Bühne. Steht als Überschrift über dem 100 Seiten langen Programm. Zieht sich als Motto durch beinahe jede Rede. Es klingt weniger nach Angebot an die Wähler, mehr nach Appell an die eigenen Reihen: Nicht streiten, nicht verzagen, sich hinter den Spitzenleuten versammeln. Und dann: Keine Angst vor der Macht!

Merkel, Schulz, Lindner – allesamt "Klima-Amateure"

„Grün macht den Unterschied“, das beschwören die Grünen jetzt flügelübergreifend. Dann verweisen sie auf die neue schwarz-gelbe Koalition in NRW, die Investitionen in Windkraft streicht – und zeigen auf die neue schwarz-gelb-grüne-Koalition in Kiel, die weiter auf Erneuerbare Energie setze. „Es ist zweitrangig mit wem wir ab Herbst im Bund regieren. Entscheidend ist, dass wir regieren“, sagt inzwischen nicht mehr nur Oberrealo Winfried Kretschmann, sondern auch ein Oberlinker wie Toni Hofreiter. „Aber nicht wegen der verdammten Dienstwagen“, wie er in seiner fulminanten Wutrede in den Saal brüllte, sondern „weil die Welt es braucht, verändert zu werden.“

Weil Deutschland seit 2009 keine einzige Tonnen CO2 eingespart habe. Weil der weltgrößte Verbraucher von Braunkohle nicht China oder Amerika sei, sondern Deutschland. Weil, wie Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt es ausdrückt, Merkel, Schulz, Wagenknecht oder Lindner allesamt nur „Klima-Amateure“ seien.

Sie selbst wollen es, so viel grüner Stolz ist schon noch übrig, selbstverständlich besser machen: Die 20 dreckigsten Kohlekraftwerke wollen sie sofort abschalten, bevor sie 2030 das Zeitalter der Kohle endgültig beenden. Ab dann sollen in Deutschland auch nur noch Elektroautos neu zugelassen werden. Sie wollen die Massentierhaltung beenden, Europa stärken, die Bürgerversicherung einführen und ein bisschen auch eine Vermögenssteuer. Erde first! Weltoffenheit first! Gerechtigkeit first! Das alles und noch viel mehr würden sie machen, wenn sie König von Deutschland... Grüne auf Platz 3, damit wären sie fürs Erste zufrieden.

Für dieses Ziel versuchen sie mit aller Macht, ihre internen Streits hintanzustellen. Für dieses Ziel vollführen sie auf dem Parteitag einen Spagat, der alle Gräben und Risse überbrücken soll – zwischen den Flügeln der Realos und Linken, zwischen jenen Grünen, die in der Opposition sitzen, und jenen, die in zehn Bundesländern in sechs verschiedenen Farbkombinationen mitregieren. Zwischen einer Basis, die sich nach klarer Kante sehnt, und einem Spitzenduo, das den Laden anschlussfähig halten will. Also keine Irrlichter wie weiland der Veggie-Day, die ihnen im Wahlkampf auf die Füße fallen. Und keine Hürden, die ihnen in möglichen Koalitionsverhandlungen im Wege stehen.

Einzige Machtoption: Jamaika

Denn auch wenn man nach all den stundenlangen Debatten, den Wut- und Mutreden, den standing ovations und Wink-Inszenierungen bisweilen den gegenteiligen Eindruck gewinnen konnte – ganz alleine werden die Grünen nicht regieren können.

Nach Lage der Dinge, vulgo: Stand der Umfragen, wird man im Herbst, wenn überhaupt, wohl mit Union und FDP am Verhandlungstisch sitzen und in der Praxis ausloten müssen, wie viel Mut für welche Zukunft Angela Merkel und Christian Lindner aufbringen wollen. Und Horst Seehofer nicht zu vergessen.

Jamaika an der Spree, das wäre schwierig, aber nicht aussichtslos, zumal dann, wenn die einzige Alternative dazu eine weitere Große Koalition wäre. Natürlich wird man im Wahlkampf weiter das Mantra von der grünen Eigenständigkeit murmeln. Niemand hat die Absicht – man könnte auch sagen: den Mut -,  in den Fußgängerzonen des Landes offensiv für ein Jamaika-Bündnis zu werben. Doch wenn es rechnerisch geht, wenn es inhaltlich passt, wird gemeinsam regiert. Sie würden keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, in dem eine Obergrenze steht und keinen, der zu wenig Klimaschutz enthält, hat Özdemir auf dem Parteitag versprochen.

Eisbärenbaby statt Tannenzweig

Klar, Climate first! Nur eines ist einstweilen sogar noch ein wenig firster: Votes! Wählerstimmen. Vor Monaten schon hatte Özdemir gesagt: "Egal, welche Koalition, am Ende darf sie nicht daran scheitern, dass die Grünen selbst zu wenig auf die Waage bringen." Wenn sie nicht drittstärkste Kraft werden, wenn sie nicht zumindest als gefühlte Sieger aus der Wahl hervorgehen, wenn sie hinter AfD und Linken landen oder der liberale Erzfeind mehr Prozente als die Ökos holt – dann bliebe Jamaika eine ferne Insel.

Dann könnten Özdemir oder Göring-Eckardt der neu gewählten Kanzlerin statt eines trockenen Tannenzweiges auch ein totes Eisbärenbaby auf die Regierungsbank legen - bevor sie für vier weitere Jahre Platz nähmen in den Reihen der Opposition.


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