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Recherchen von SZ, NDR und WDR: Halle-Terrorist gesteht – und bereut, zu wenige und die falschen Menschen getötet zu haben

Seine Tat schockierte weit über Deutschland hinaus. Halle-Terrorist Stephan B. hat Medienberichten zufolge ein umfassendes Geständnis abgelegt – und dabei Verstörendes ausgesagt.

Blumen vor der Synagoge in Halle

Rechtsterrorist Stephan B. erschoss am 9. Oktober in Halle zwei Menschen – wollte aber offenbar deutlich mehr töten

DPA

Halle-Terrorist Stephan B. hat nach Recherchen von "Süddeutscher Zeitung", Norddeutschem Rundfunk und Westdeutschem Rundfunk ein umfassendes Geständnis der Tat am 9. Oktober abgelegt. In den nächsten Tagen will die Bundesanwaltschaft demzufolge Anklage gegen den inzwischen 28-Jährigen erheben. Die Vorwürfe: zweifacher Mord und neun Mordversuche. Mordmerkmal: niedere Beweggründe. Motiv: Hass auf Juden. 

Noch verstörender: B. habe die Tat gegenüber den Ermittlern bereut, heißt es in den Berichten der Medien – jedoch nur deshalb, weil er zu wenige und die falschen Menschen getötet habe. Jana L., die der Rechtsterrorist vor der Synagoge von Halle erschossen hatte, und Kevin S., den B. in einem Döner-Imbiss ermordete, waren keine Juden und keine Migranten. Auf die habe es B. eigentlich abgesehen gehabt.

Halle-Attentäter mit tief sitzendem Hass auf Juden

Juden sind in seiner Weltanschauung schuld an allem Übel: "An der EU, an der Einführung einer CO2-Steuer, am Feminismus, an der Geburtenkontrolle, die Juden seien für die Flüchtlingskrise verantwortlich, sie würden dafür werben, dass Migranten nach Europa kommen." Es ist das Märchen von der jüdischen Weltverschwörung.

Nachdem er bei seinem Versuch gescheitert war, in die vollbesetzte Synagoge einzudringen und dort einen Massenmord zu begehen, sei er auf Menschen im Dönerladen ausgewichen, auf vermeintliche "Nahöstler", wie B. sie in seiner Vernehmung abschätzig genannt haben soll.

Die Ermittler konnten den Recherchen zufolge in die Persönlichkeit des Attentäters und in dessen Radikalisierungsgeschichte eintauchen. Demnach hatte B. keine Helfer oder Mitwisser, wohl aber ideologische Unterstützer. Mit ihnen tauschte er sich im Internet aus. Die selbsternannten "unzufriedenen weißen Männer" befeuerten sich in ihrem Hass auf Juden und Frauen gegenseitig. Auch für sie, seine Gleichgesinnten, streamte B. seine Wahnsinnstat ins Internet. Sein Vorbild sei der Attentäter von Christchurch gewesen. Dieser tötete im März 2019 in Neuseeland aus islamfeindlichen und rechtsextremen Motiven 51 Menschen.

Die Mutter von B. habe ausgesagt, ihr Sohn habe "auf alles geschimpft": "Auf Greta Thunberg, den Wetterbericht oder Frauen in der Politik. Immer wieder habe er die Fernsehkanäle durchgezappt, um ihr zu zeigen, dass weiße Frauen ständig mit farbigen Männern zusammen seien. B. erklärte, in Deutschland gebe es keine Redefreiheit, das sehe man schon am Verbot der Holocaustleugnung", beschreiben Norddeutscher und Westdeutscher Rundfunk aus ihrer Vernehmung.

Fünf Jahre soll B. auf Kosten seiner Mutter gelebt haben, nach einer Operation habe er nicht mehr zurück ins Leben gefunden, galt als menschenscheu. Er nenne sich selbst einen "Neet". "Not in Education, Employment or Training."  Nicht in Ausbildung, Arbeit oder Schulung – und nicht gewillt, daran in absehbarer Zeit etwas zu ändern. Stattdessen habe er die meiste Zeit in seinem Kinderzimmer vor dem Computer gesessen. Freunde habe es nicht gegeben, von einer Partnerin ganz zu schweigen – schuld seien "die Juden".

Holztür an Synagoge verhinderte noch Schlimmeres

Auf dem Computer von B. seien zahlreiche Videos gefunden worden, auf denen "Menschen auf brutalste Art umgebracht werden", heißt es in den Berichten weiter, daran auch Kinder. Derart abgestumpft und von Verschwörungstheorien besessen, schmiedete in seinem Kinderzimmer über die Jahre offenbar seinen furchtbaren Plan. Am 9. Oktober war er fest entschlossen, ihn umzusetzen. Die Waffen baute er sich selbst, finanzierte die Materialien mit dem Verkauf von Zinnfiguren.

Gegen 12 Uhr tauchte B. an Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, vor der Synagoge in Halle auf. Die schwere Holztür des Gebäudes verhinderte ein Eindringen des Terroristen und damit ein Blutbad. Wenig später tötete B. zwei Menschen, Zufallsopfer. B. gilt nach Einschätzung von Experten als schuldfähig.

Quellen: "Süddeutsche Zeitung" (1), "Süddeutsche Zeitung" (2), Norddeutscher und Westdeutscher Rundfunk, Nachrichtenagentur AFP

wue