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Hamburger Terrorprozess: Konfrontation und Schweigen

Mit einem Wortgefecht zwischen Bundesanwaltschaft und Verteidigung hat in Hamburg der Prozess gegen Abdelghani Mzoudi begonnen. Der 30-jährige Marokkaner soll bei der Planung der Anschläge vom 11. September mitgewirkt haben.

Der kleine Mann mit Bart und Halbglatze soll ein Schwerverbrecher sein. Gefasst und ruhig betritt der Marokkaner Abdelghani Mzoudi am Donnerstag nach zehnmonatiger Untersuchungshaft den Saal des Hamburger Oberlandesgerichts. Ihm werden - fast zwei Jahre nach den Anschlägen vom 11. September - Beihilfe zum Mord in 3.066 Fällen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Die Anklage im zweiten Hamburger Terrorprozess wiegt schwer, und seine beiden Verteidiger Gül Pinar und Michael Rosenthal gehen schon am ersten Prozesstag überraschend zum Gegenangriff über.

Nicht "der Weisheit letzter Schluss"

Die Akten der Bundesanwaltschaft seien nicht "der Weisheit letzter Schluss", wirft die Anwältin Pinar der Anklage in einer in Deutschland eher unüblichen Verteidigungserklärung zu Beginn des Prozesses vor. Sie bemängelt lückenhafte Ermittlungen. Ihr Kollege Michael Rosenthal geht noch weiter und greift die Haltung der USA scharf an. Es gebe in den Ermittlungen nach dem 11. September "Merkwürdigkeiten, die einen aufhorchen lassen" betont er und folgert: "Es gibt erheblichen Feststellungsbedarf in der Haupttat."

Auch wenn Rosenthal im Nachhinein klarstellt, er wolle keine Verschwörungstheorie in die Welt setzen und sehe Mohammed Atta als Urheber der Anschläge vom 11. September: Mit dem Hinweis auf geopolitische Strategien der USA und Ungereimtheiten in den Ermittlungen weckt er geschickt Zweifel an der offiziellen Version.

Wenn sein Mandant wegen Beihilfe angeklagt werde, müssten zunächst die Umstände der eigentlichen Anschläge geklärt werden, so Rosenthals Argumentation: "Wir sind überzeugt, dass die Parallelität von globaler Interessenlage und fallbezogenem Aufklärungsergebnis zu frappierend ist, um ungeprüft hingenommen zu werden. Es könnte sich um Parteilichkeit in großen Stil handeln."

Verteidigung fordert Binalshibh als Zeugen

Auch deshalb will die Verteidigung - stärker als die Anwälte im ersten Hamburger Terrorprozess, der mit einer Verurteilung des Marokkaners Mounir El Motassadeq endete - auf eine Vernehmung des wohl wichtigsten Zeugen Ramzi Binalshibh drängen. Der mutmaßliche Terrorplaner der Hamburger Zelle befindet sich seit seiner Festnahme vor fast einem Jahr in den Händen der USA. Die hat eine Vernehmung Binalshibhs bislang strikt verweigert. Über seinen Verbleib gibt es keine offiziellen Informationen.

Die offensive Strategie der Verteidigung ist offenbar der größte Unterschied zum weltweit ersten Terrorprozess gegen Mounir El Motassadeq. Ansonsten wirkt alles bekannt: Der 30-jährige Elektronikstudent Mzoudi hat wie sein Landsmann Mounir el Motassadeq das Testament von Todespilot Mohammed Atta unterschrieben, er hat offenbar ebenfalls ein El-Kaida-Ausbildungslager in Afghanistan besucht, und er war genau wie Motassadeq mit den Mitgliedern der Hamburger Terrorzelle befreundet.

Motassadeq kooperierte damals mit dem Gericht und machte bereitwillig Aussagen zu den Vorwürfen. Trotzdem wurde er im Februar zu 15 Jahren Haft wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Mord in 3.066 Fällen verurteilt. Damit es im Fall Mzoudi anders kommt, setzt die Verteidigung nicht auf Kooperation. Der Angeklagte, der nur gebrochen deutsch spricht, soll sich im gesamten Prozess nicht zur Sache äußern. Am Donnerstag verfolgt er schweigend und mit gesenktem Kopf die Erklärung seiner Anwälte.

Anwälte versuchen einzelne Anklagepunkte zu widerlegen

Wie in einem Plädoyer versuchen die Anwälte von Anfang an einzelne Anklagepunkte zu widerlegen. So heißt es etwa in der Anklage, Mzoudi habe Binalshibh und dem späteren Terrorpiloten Marwan Alshehhi zu Verschleierungszwecken ein Zimmer in einem Studentenwohnheim besorgt, in dem sie unbemerkt ihre Anschlagsvorbereitungen fortsetzen konnten. Es habe sich um einen "konspirativen" Aufenthalt der beiden gehandelt.

"Wir stellen uns die Frage, wie eine Wohnung konspirativ sein soll, für die Binalshibh am 30. Mai 2000 mit vollem Namen einen Mietvertrag abschließt", erklärt dazu Pinar. "Wie konspirativ muss eine Wohnung sein, deren Adresse durch Binalshibh für die Karstadt-Kunden-Karte benutzt wurde?". Auch der Anklagevorwurf, Mzoudi habe dem mutmaßlichen Terroristen Zakariya Essabar seine EC-Karte zur Verfügung gestellt, lasse sich mit Hinweis auf das studentische Milieu entkräften.

"Stimmt, was uns die Amerikaner sagen?"

Laut Pinar ist außerdem immer noch nicht geklärt, ob die Hamburger Zelle oder El Kaida selbst die Anschläge verübt haben. "Wir stehen hier vor dem Dilemma, dass die Anklagebehörde sich nicht entscheiden kann", klagt sie. Schließlich sei der Krieg gegen Afghanistan doch geführt worden, weil El Kaida hinter den Anschlägen stecke. "Oder stimmt es etwa nicht, was die Amerikaner uns sagen?"

Lisa Arns