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Ikone der Grünen Tod eines Revoluzzers: Hans-Christian Ströbele über Lügen in der Politik, Polizeigewalt und Klimaprotest

Sehen Sie im Video: Tod eines Revoluzzers – Hans-Christian Ströbele über Lügen in der Politik, Polizeigewalt und Klimaprotest.




















Hendrik Holdmann (stern) Würden, sie im Bundestag noch einmal eine Rede halten würden und das Parlament aufrufen dürften – und Sie sind bekannt dafür, dass Sie immer sehr deutliche Worte gefunden haben – was würden Sie in den Bundestag reinschreiben und den Leuten zurufen, was sich ändern muss?


Hans-Christian Ströbele Ja, sie sollen nicht so viel lügen die Kolleginnen und Kollegen. Sie sollen nicht so tun, als wenn sie die richtige Politik auch umsetzen wollen, obwohl sie genau wissen: Das kann ich letztlich nicht wollen, weil sie damit zu vielen Leuten auf die Füße treten müssen. Das ist ein ganz großes Phänomen, ganz schlimmes Phänomen. Das ist nicht nur Donald Trump mit seinen Fehltritten da, sondern das ist ein allgemeines Phänomen, dass Politiker viele, die meisten ein gespaltenes Verhältnis zur Wahrheit haben.


Hendrik Holdmann (stern) Klimabewegung damals und heute: Wo sind die Unterschiede?


Hans-Christian Ströbele Ja, die Bewegungen in den 70er Jahren. Es gab ja immer wieder soziale Bewegungen. Aber vergleichbar sind ja die 70er Jahre, wo gegen Atomkraft auf die Straße gegangen worden ist, aber auch für Umweltschutz und diese ganzen verwandten Themen. Und unter anderen war diese Bewegung ja ein Grund oder ein Ursprung der grünen Partei. Man hat sich dann nachher mit anderen Vertretern von Bewegung zusammengesetzt, die Friedensbewegung, vor allen Dingen, aber auch die Frauenbewegung der Schwulenbewegung und viele andere, und hat gesagt: Wir gründen jetzt keine Partei, auf gar keinen Fall. Aber wir gründen ein Zusammenschluss, der anstrebt, in die Parlamente zu kommen, damit wir unsere Inhalte auch in den Parlamenten zur Sprache bringen können und dafür kämpfen können.


Hendrik Holdmann (stern) Was können vielleicht auch "die Jungen", sage ich jetzt einmal, von "den Alten" lernen, vielleicht auch mitnehmen? Wie kann Protest wirklich effektiv gelingen?


Hans-Christian Ströbele Erstens können Sie lernen, nicht den Mut zu verlieren und nicht zu weinen. Wir haben jetzt drei Großdemonstrationen gemacht, und jetzt müssen auch unsere Ziele umgesetzt werden, sondern man braucht eine lange Leitung, man muss sehr, sehr lange, dicke Bretter bohren. Und wenn es auch häufig so aussieht, dass nichts draus wird, darf man sich nicht entmutigen lassen, sondern muss sagen: Jetzt erst recht. Und jetzt lasst uns ein paar neue Demonstrationsformen einfallen, damit die Sache wieder auf die Tagesordnung kommt. Die Parteien müssen dazu gezwungen werden, nicht nur das dauernd vor sich her zu tragen, sondern sie müssen dazu gezwungen werden, auch entsprechende Gesetze zu machen. Und sie müssen es eben am Wahltag spüren, wenn sie das vier Jahre lang nicht getan haben.


Hendrik Holdmann (stern) Herr Ströbele, Sie haben gerade gesagt, es ist viel protestiert wurden von Seiten von Fridays Future. So viel hat sich noch nicht getan. Sie müssen jetzt den Beweis erbringen, dass sich was tut. Man braucht aber auch einen langen Atem, haben Sie gerade gesagt. Man kann jetzt, mit Verlaub sagen, dass die Hütte brennt, wenn man sich das Weltklima anguckt. Es ist eigentlich keine Zeit mehr da. Ist der Protest von Fridays für Future zu wenig provokant, zu wenig radikal?


Hans-Christian Ströbele Keine Schilder, keine Vorschriften machen, das müssen die Leute selber entscheiden. Die sind auf der Straße, die müssen das umsetzen. Und ich glaube in den Zielen sind wir sehr einig, wie das nun im Einzelnen organisiert werden soll. Da will ich keine Ratschläge gegeben. Das war bei uns völlig anders. Weil bei uns war die ganze Umwelt, die ganzen Leute um uns herum, die am Straßenrand standen, waren dagegen. Während es heute wirklich so ist, dass die Eltern mit demonstrieren, plötzlich die Großeltern mit demonstrieren. Völlig unvorstellbar damals. Und dass es auch große Auseinandersetzungen mit der Polizei gegeben hat, wenn die bestimmte Demonstration verhindern wollten und wenn man versucht hat, zum Beispiel an einen Bauzaun ranzukommen für ein Atomkraftwerk, dann gab es auch richtig heftige Auseinandersetzungen. Das ist heute alles nicht der Fall, weil diese Bewegung von der großen Masse der Bevölkerung getragen wird. Und das haben sie uns voraus, also uns, die damals demonstriert haben. Aber das ist auch eine große Schwierigkeit, weil wie man sich jetzt dazwischen richtig bewegt, dafür gibt es, glaube ich, bisher noch kein Rezept.


Hendrik Holdmann (stern) Trotzdem möchte ich noch mal auf diesen Punkt herumreiten, weil ich ihn einfach so spannend finde. Würde es der Future Bewegung der aktuellen Klimabewegung guttun, wenn es mehr Gegenwind geben würde?


Hans-Christian Ströbele Ich glaube, das würde viele zusätzlich motivieren, die vielleicht derzeit denken Na ja, wir haben unsere Aufgabe getan, erledigt. Und die vielleicht wieder auf die Straße bringen, weil Sie dürfen ja nicht vergessen, mit Demonstrationen, gerade mit Demonstrationen wurde zu Auseinandersetzungen kommt, aber auch was mobilisieren lässt. Also wo die Leute sagen: Jetzt aber gar nicht, jetzt geh ich da ein. Das haben sie auch bei den anderen oder bei den Verschwörern ist das ja, die auch mit und mit vielen Leuten auf die Straße gehen, in dem Sinne, ja auch. Also wenn man da verbietet und staatliche Gewalt dagegen versucht einzusetzen, das ist kontraproduktiv.


Hendrik Holdmann (stern) Deutschland hat sich ein Stück weit in eine Richtung bewegt zu mehr Klimaschutz. Und trotzdem sind die ganz großen Reformen, sage ich jetzt mal, ausgeblieben, gerade in den letzten Jahren. Vielleicht auch die notwendigen Reformen, die man bräuchte, um den Klimawandel zu stoppen. Würden Sie sagen, dass Ihr Klimaprotest eine Erfolgsgeschichte war? Oder sind Sie eher gescheitert? Haben Sie Ihre Ziele verfehlt?


Hans-Christian Ströbele Nein, auf jeden Fall war das ein Erfolg. Weil Sie müssen die Situation damals sehen. Da wurden die Leute, die für Klima oder für Umwelt auf die Straße gegangen sind, als Spinner, als Waldmenschen oder Latschenträger oder so diskreditiert und wurden verhöhnt. Belächelt im günstigen Fall, manchmal auch bekämpft. Also, da sind Welten dazwischen, was da inzwischen geschehen ist. Aber es ist unübersehbar, dass in den letzten Jahrzehnten sich da außer großen Worten nicht viel getan hat. Aber Sie dürfen nicht vergessen: Die Grünen waren in dieser Zeit nun auch nicht an der Regierung. Und es gibt leider das unselige parlamentarische Prinzip, dass bei Alles, was aus der Opposition vorgeschlagen wird, wird von den anderen Parteien schon per se, also ohne Ansehen, was da wirklich drinsteht, abgelehnt. Also wenn die Grünen sagen, wir haben sie ja gemacht, viele Anträge auch zum Klima im Bundestag einbringen, dann wurde das einfach, weil es die Grünen waren, weil man der Opposition nie recht geben darf. Als Koalition wurde das nicht umgesetzt.

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Hans-Christian Ströbele hat die RAF als Anwalt vertreten, die Klimabewegung maßgeblich in Deutschland geprägt und den Deutschen Bundestag mit emotionalen Reden aufgerüttelt. Nun ist der Revoluzzer im Alter von 83 Jahren verstorben. Im stern-Videointerview von 2020 spricht der Politiker über Lügen in der Politik, Auseinandersetzungen mit der Polizei und Klimaprotest.

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