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Hans-Dietrich Genscher: “Und die Größe ist gefährlich, und der Ruhm ein leeres Spiel"

Dass Hans-Dietrich Genscher einst als NSDAP-Mitglied geführt wurde, erfuhr die Öffentlichkeit erst 1994. 17 Jahre später traf stern-Autor Malte Herwig den früheren Spitzenpolitiker, um über dieses heikle Kapitel zu sprechen.

Konterfei des früheren Innen- und Außenministers Hans-Dietrich Genscher

Erfolgreich verschwiegen: Dass Hans-Dietrich Genscher - wie viele andere Spitzenpolitiker auch - als NSDAP-Mitglied geführt wurde, erfuhr die Öffentlichkeit erst im Jahr 1994

stern-Autor Malte Herwig besuchte Hans-Dietrich Genscher vor fünf Jahren in dessen Privathaus in Bad-Godesberg. Herwig, Jahrgang 1972, kannte den Politiker als ewigen Außenminister, der eine rastlose Reisediplomatie betrieb, Fragen nie direkt beantwortete und schließlich im gelben Pullunder zum onkelhaften Orakel der Weltpolitik wurde. Herwig besuchte Genscher, um über ein heikles Kapitel von dessen Vergangenheit zu sprechen: die Mitgliedskarte von 1944, die den ehemaligen FDP-Chef als Parteigenossen der NSDAP auswies - und lernte einen anderen Genscher kennen, der sich machtbewusst, direkt und leidenschaftlich gab.

Von ehemaligen Politikern heißt es, sie müssten nach dem Verlust von Dienstwagen und Chauffeur das Autofahren neu lernen. Wenn das bei Hans-Dietrich Genscher auch so war, hat es prima geklappt.

Seinen 250-PS-Audi hat der ehemalige Innen- und langjährige Außenminister so fest im Griff wie einst Amt und Partei. "Ich will Ihnen mal was erzählen", sagt der 84-jährige FDP-Altstar, und während er seine Silberlimousine in Richtung Bad Godesberg jagt, geht die Reise zurück in die Vergangenheit: an die Friedrich- Nietzsche-Oberschule in Halle, wo der 15-jährige Genscher 1942 mit einem Deutschaufsatz über Grillparzer ringt.

Er erinnert sich genau an die Verse des Dichters. "Eines nur ist Glück hienieden, eins: Des Innern stiller Frieden und die schuldbefreite Brust!", deklamiert Genscher und gibt Gas. "Und die Größe ist gefährlich, und der Ruhm ein leeres Spiel; was er gibt, sind nicht'ge Schatten, was er nimmt, es ist so viel." Er habe Grillparzers Worte immer als Leitmotiv in sich getragen, sagt Genscher, vor allem später als Politiker. Doch für einen 15-Jährigen im "Dritten Reich" ist das Thema gefährlich.

Wenn es wirklich auf die inneren Werte ankommt, fragt der Schüler in seinem Aufsatz, warum rennen in Deutschland dann alle in Uniformen herum?

Genscher lernt, dass Ruhm und Größe vergänglich sind

Genscher habe Glück gehabt, so erzählt er es heute. Bei der Rückgabe der Klausur habe ihm der Lehrer erklärt, sein Tintenfass sei ausgelaufen, er habe die Arbeit weggeworfen.

Dann habe er die Hände auf seine Schultern gelegt und gesagt:

"Nicht wahr, mein Junge, jetzt gibt es auf der ganzen Welt nur zwei Menschen, die wissen, warum es besser war, dass ich deine Arbeit weggeworfen habe." Ruhm und Größe sind vergänglich, das ist die eine Lektion, die der 15-Jährige damals lernt. Die andere lautet: Wissen ist Macht. Es ist das erste Mal, dass der junge Genscher die Bedeutung von Geheimnissen erkennt - und die Macht, die sie einem über andere Menschen verleihen. Es ist eine ungemein nützliche Lektion für das Leben in der jungen Bundesrepublik, die nur den Blick nach vorn kennt, weil der Blick zurück die meisten Deutschen an ihre eigenen kleineren oder größeren Geheimnisse erinnern würde. Bei Genscher ist es eine Zahl: 10123636. Unter dieser Nummer wurde der 17-Jährige ab 1944 als Mitglied der NSDAP geführt - ohne sein Wissen, wie Genscher versichert: "Ich habe keinen Aufnahmeantrag unterschrieben."

Genschers NSDAP-Mitgliedskarte verschwindet

Tatsächlich gibt es im Bundesarchiv, das heute die NSDAP-Mitgliederkartei aufbewahrt, keinen solchen Aufnahmeantrag - lediglich eine Karteikarte auf Genschers Namen, die als Antragsdatum den 18. Mai 1944 und für die rückwirkende Aufnahme den 20. April 1944 verzeichnet, den 55. Geburtstag Adolf Hitlers. Davon ab gesehen taucht Genschers Name nur noch einmal auf: in einer "Namentlichen Liste" der Aufnahmescheine, die von der Gauleitung in Halle am 23. August 1944 an die Reichsleitung der NSDAP in München geschickt wurde.

Von der Existenz seiner Mitgliedskarte will Genscher erst Anfang der 70er-Jahre erfahren haben, da war er bereits Innenminister in der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt. Ein FDP-Fraktionskollege, erzählt Genscher, habe ihm den Hinweis gegeben: Es gebe da eine Unterlage. "Daraufhin habe ich ganz förmlich vom Innenministerium anfragen lassen, und dann haben die mir das geschickt." Genscher behielt die Information für sich. Seine Mitgliedskarte wurde aus der Hauptkartei im "Berlin Document Center" (BDC), das die Parteikartei der Nazis hütete, entfernt und verschwand - wie die anderer deutscher Spitzenpolitiker - im Bürosafe des amerikanischen Leiters. So war es damals gängige Praxis.

Der Wunsch, die Vergangenheit am besten einzumotten

Durch pures Glück war den Amerikanern im Herbst 1945 ein riesiger Datenschatz in die Hände gefallen. Denn eigentlich hätten die 10,7 Millionen Karteikarten in den letzten Tagen des "Dritten Reichs" noch schnell vernichtet werden sollen. Ein SS-Kommando hatte die 50 Tonnen Nazi-Akten im April 1945 bei einer Papiermühle in München abgeliefert.

Doch der Besitzer weigerte sich, den Aktenberg zu vernichten und übergab den braunen Sondermüll an die amerikanischen Militärbehörden. Lediglich die Aufnahmescheine waren zum größten Teil vernichtet worden. Nur 600.000 sind erhalten geblieben.

Für die Datensätze interessierten sich westdeutsche Wissenschaftler und auch das Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Es dürfte immer wieder an Informationen aus der Berliner Archiv-Villa gelangt sein, vermutet ein ehemaliger Leiter der Behörde: Zu viele Menschen waren mit den Akten beschäftigt, um sie zuverlässig vom MfS fern halten zu können. Dabei wuchs schon bald in beiden deutschen Staaten der Wunsch, die Vergangenheit am besten einzumotten.

Geheimwissen als nützliches Druckmittel

Bereits 1964 hatte Genschers Mentor Thomas Dehler auf dem FDP-Parteitag gesagt, wer an der formalen Mitgliedschaft bei der NSDAP Anstoß nehme, "der will einer Generation von jungen Menschen, die unter bestimmten Verhältnissen leben musste, die Lebensmöglichkeit, auf jeden Fall die politische Wirkungsmöglichkeit abschneiden". Da saß Genscher, den Dehler 1956 in die Bonner FDP-Fraktion geholt hatte, bereits als Bundesgeschäftsführer auf dem Podium. Auch in der DDR war man zunehmend bereit, über jugendliche Verirrungen aufstrebender Genossen hinwegzusehen. Wer sich mündlich zur eigenen NSDAP-Mitgliedschaft bekannte, musste sie im schriftlichen Kader-Fragebogen nicht mehr erwähnen. Das Geheimwissen diente Parteiführung und Staatssicherheit auch als nützliches Druckmittel.

Als der junge Günter Guillaume von seinem Vorgesetzten im Verlag Volk und Wissen beim Flunkern über seine Parteimitgliedschaft erwischt wurde, presste ihn die Staatssicherheit in ihre Dienste. Guillaume war am 20. April 1944, dem gleichen Datum wie Genscher und die anderen seines Jahrgangs, in die NSDAP aufgenommen worden. Drei Jahrzehnte später war der Stasispion Guillaume enger Berater Willy Brandts und Genscher Innenminister.

Das Document Center mit seiner NSDAP-Kartei war damals bereits ein brisantes Relikt aus der Besatzungszeit. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges konnten sich weder die Bundesregierung noch ihre US-Verbündeten entscheiden, was mit der braunen Erblast geschehen sollte. Immer wieder wurde die Rückgabe an die Bundesrepublik verschoben, die das Archiv längst finanzierte.

"Auch Akten können lügen, wenn sie Lügen wiedergeben"

Noch 1974 beschied kein anderer als Hans-Dietrich Genscher, damals bereits Außenminister, einen SPD-Abgeordneten, eine Übergabe hinge lediglich noch von der Prüfung "finanzieller und haushaltswirtschaftlicher Fragen" und "Fragen der Sicherung des Archivs gegen gewaltsame Übergriffe" ab.

Tatsächlich sollte es noch 20 Jahre dauern, bis die NSDAP-Mitgliederkartei im Sommer 1994 in den Besitz des deutschen Bundesarchivs überging. Wenige Wochen später erfuhr auch die Öffentlichkeit von der Karteikarte Genschers. Da war er bereits nicht mehr Mitglied der Bundesregierung.

"Auch Akten können lügen, wenn sie Lügen wiedergeben", sagt Hans-Dietrich Genscher und bringt die Limousine vor dem Bahnhof in Bad Godesberg zum Stehen. "Und es ist nicht alles in den Akten." Genscher weiß, wovon er spricht.

In den langen Jahren an der Macht hat er sich immer an die Lektion gehalten, die er einst als Schüler in Halle lernte: Wissen ist Macht, Nichtwissen manchmal auch. Ich entgegne: "Ihr Schulaufsatz ist ja auch nicht in den Akten!" Und Genscher antwortet: "Notabene, nicht? Notabene."


Anmerkung der Redaktion: Der hier veröffentlichte Text erschien erstmals und in längerer Fassung unter der Überschrift "Hitlers böser Schatten" in der stern-Ausgabe Nr. 24 aus dem Jahr 2011.