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Helmut Schmidt: Eine Klasse für sich

Er ist ein Großer. Er hat das Charisma des weisen Alten. Und er hat uns viel zu sagen. Der Weltökonom, Altkanzler und Genussraucher wird 90 Jahre alt - und die Deutschen verehren ihn wie nie. stern-Fotograf Volker Hinz hat ihn über vier Jahrzehnte porträtiert. stern-Autorin Ulrike Posche beschreibt die Menschwerdung eines Machers.

Es ist die Zeit der Finsternis und Wunder. Am Ende dieses turbulenten Jahres fürchten viele Menschen eine ungewisse Zukunft. Sie warten auf ein beherztes Wort, einen weisen Fingerzeig, ein Quäntchen Trost von oben. Lange warten sie vergebens. Doch während die Welt im Strudel einer Finanzkrise immer weiter zu Boden sinkt, geschieht zumindest in Deutschland ein kleines Aufstiegswunder. Wir erleben die Menschwerdung eines Machers: Welt ging verloren, Schmidt war geboren. Und ganz Deutschland bringt ihm Weihrauch und Myrrhe.

Ja, es ist so: Wir alle beobachten die märchenhafte Verwandlung eines zornigen Besserwissers zum weisen Greis. Eines politischen Krisenmanagers zum Schutzheiligen in der Not. Wie ein Komet ist der ehemalige Staatskanzler und Welten-Erklärer Helmut Schmidt aus dem Dunkel erschienen. Und auf einmal ist da das Wort, der Fingerzeig, das bisschen Trost. Was für eine Koinzidenz! Wenn Krise ist, ist Helmut Schmidt in seinem Element. Dann schärft sich sein Blick, Meinungen und Fakten bündeln sich zu Analysen, zu den Elixieren des Doktor Schmidt. Wenn Krise ist, ist Helmut Schmidt ein Retter. Aber das ist es nicht allein.

Kurz vor seinem 90. Geburtstag und kurz vor einer weltweiten Rezession ist der Mann aus Hamburg-Langenhorn auf dem Gipfel seines Ruhmes. Es ist ihm endlich etwas zugewachsen, das er früher stets mit Zähnen an sich reißen wollte - Bewunderung. Er wollte, auch wenn er sich zeitlebens hinter seiner Hamburger Arroganz und hinter einer "bisweilen unhöflichen Direktheit" gegenüber anderen, wie er selbst findet, verschanzte - Schmidt wollte geliebt werden, wie Willy Brandt geliebt wurde. Jetzt, da es so ist, scheint er es zu genießen. Er wirkt plötzlich milde. Wie ein Kirchturm mit alter Patina.

Geradeheraus und Schnörkellos

Er lässt es zu, dass ihn die Menschen nicht nur respektieren, sondern an seinen Lippen und Worten hängen. Er lässt sich bejubeln, mit Standing Ovations feiern. Wenn er in Beckmanns Talkshow, in Theatersälen und Kirchen die Welt erklärt, fühlen die Menschen sich geborgen. Und es vergeht kaum ein Tag, an dem der disziplinierte Weltökonom nicht in einem Saal säße, um mit geraden Sätzen vom Blatt aufs Publikum einzupriestern oder die länglichen Fragen einer prominenten Fernsehnase mit irritierend kurzen Antworten zu kontern. Gestern in einem Berliner Dom, heute im Münchner Volkstheater, morgen in einem Passauer Verlagsgebäude. Anschließend kaufen die so Verzauberten sein neues Buch "Helmut Schmidt. Außer Dienst" und katapultieren es dankbar auf den Spitzenplatz der Bestsellerlisten.

"Es ist immer so schön, wie er erst lange nachdenkt, bevor er etwas sagt", erklärt eine Kundin ihrer Buchhändlerin den Erfolg. Helmut Schmidt hat sich das Pausieren vor dem Antworten über Jahrzehnte antrainiert. Oft dauert es so lange, wie man braucht, um den Rauch einer Mentholzigarette in die Lunge zu saugen und durch die Nase zurück ins Freie zu pusten.

Gerade trat er mal wieder zwischen zwei Zeitungsinterviews, zwischen Fernseh-und Radioaufzeichnungen in Hamburg auf. 800 Chirurgen hörten sich an einem Samstagmorgen im Dezember mit angehaltenem Atem an, welche Antworten Sir Helmut auf die Tücken der globalen Wirtschaft hat. Die Gattinnen der angereisten Ärzte hatten sogar auf das Shopping verzichtet und spitzten stattdessen im Ballsaal des Hotels die Ohren. Sie haben mit Applaus quittiert, wie Schmidt der "nonchalanten Ignoranz der Regierenden" eine Rüge erteilte. Das war besser als die Luxusläden am Jungfernstieg. Schmidt misst sie, die Regierenden, nämlich erst an sich selbst, um sie anschließend als Minderleister und Low-Performer niederzuqualifizieren. "Ich habe seit zehn Jahren vor der Weltfinanzkrise gewarnt. In dem Moment, als der amerikanische Finanzminister Lehman Brothers fallen ließ, musste Europa reagieren, konnte es aber nicht, weil niemand da war!" Kein Brown, keine Merkel. Niemand, außer Schmidt. Aber der war ja leider aus dem Spiel.

Sein Geist allein hält ihn lebendig

Man fühlte fast die Bestürzung im Saal, als die Erkenntnis dämmerte, dass dieser Greis bei aller medizinischen Finesse die Lücke nicht mehr würde füllen können. Sie hatten ja gesehen, wie schwer Schmidt sich beim Betreten der Bühne auf seinen verhassten Stock stützen musste, den er im Platznehmen verächtlich von sich auf den Boden warf. So macht er das immer mit dem Ding, auf das er angewiesen ist. Dieser Mensch war nur noch Hirn und Mund. Den drahtigen Staatskörper hatte Schmidt vor Jahren schon verloren. Sein Geist allein hält ihn lebendig, das Nachdenken, das lebenslange Lernen, Lesen, Diskutieren. Noch heute sitzt Schmidt fast täglich in seinem Büro bei der Wochenzeitung "Die Zeit" oder in den Politik-Konferenzen seiner Redaktion - egal, welche Veranstaltung er am Vorabend absolviert hat.

Irgendwann an jenem Samstagmorgen hörte man die versammelten Ärzte dann erleichtert seufzen. Denn der Altkanzler kam nach einer Stunde harscher Kapitalismuskritik zum versöhnlich sanften Ende: "Gleichwohl erscheinen mir diese Prognosen nicht als ausreichender Grund für Pessimismus." Es war beinahe andachtsstill. Herr Schmidt sprach nur ein Wort, und alle Seelen wurden gesund. Kein Grund zum Pessimismus! "Oh, guter Alter, wie so wohl erscheint in dir der treue Dienst der alten Welt. Da Dienst um Pflicht sich mühte, nicht um Lohn." Shakespeare. Es ist schwer zu sagen, wann genau Helmut Schmidt zu einem fleischgewordenen Denkmal wurde. Man weiß auch nicht, wann sich dieses Charisma des weisen Greises über ihn legte, das nun über uns leuchtet. Kurz vor seinem 90. Geburtstag jedenfalls sieht es so aus, als habe er nur Jahr um Jahr an sein Leben gehängt, um diesen einen Moment nicht zu verpassen. Er wollte wohl wissen, wie es ist, wenn sich alle, aber wirklich alle nach ihm zurücksehnen.

Helmut Schmidt ist aus dem Schneider. Er muss nicht mehr regieren. Er war der Flutkatastrophen-Senator, der Ölkrisen-Minister, der Terrorismus-Kanzler. Er muss nicht mehr beweisen, dass er Menschen aus Notlagen führen kann. Er hat es schon bewiesen. Manchmal bemüht er sich deshalb um Langmut gegenüber seinen Nachfolgern. Er versucht, nicht überheblich zu wirken, wenn er beispielsweise erwähnt, dass er schon lange "global geltende Regeln und eine Aufsicht für den Geld -und Kapitalverkehr" fordert. Es gelingt ihm nicht immer. Aber er kann auch nichts dafür, dass es bei ihm immer eine Spur würdiger, angemessener und fundierter klingt, als wenn Angela Merkel das sagt. Wenn sie etwa auf ihrem CDU-Parteitag eine "Wirtschafts-Uno" fordert, um die "Exzesse der Märkte" einzudämmen. Verglichen mit Schmidt klingt das dann naiv. Helmut Schmidt enthebt sich gern des Vagen: "Daran ist gar nicht zu zweifeln", beschließt er seine Antworten. Er beherrscht dieses Apodiktische wie kein anderer. Wenn Steinmeier, Merkel und andere sprechen, kommen die Zweifel dagegen erst richtig auf. "Der Unterschied zu früheren Konstellationen", erklärt Schmidt, "beruht wahrscheinlich darauf, dass damals stärkere Führungspersonen zur Verfügung standen." Viele seiner Mitbürger teilen diese Ansicht.

Ein Hecht unter kleinen Fischen

Es ist immer die Autorität eines kategorischen Lebens, mit der Schmidt spricht. Mit ihr drückt er das Wahre aus und auch das Unbequeme. Ausgerechnet sie macht ihn heute zum Darling vieler, die ihn und seine kategorische Attitüde deshalb früher bekämpften. Unvergesslich also, wie ausgerechnet die SPD-Linke Andrea Nahles dem Ehrengast Schmidt auf Steinmeiers Nominierungs- Parteitag mit herzwärmsten Worten huldigte. Früher haben sie ihn kritisiert, sich gegen ihn verbündet, manche haben ihn verraten. Heute sind fast alle Sozialdemokraten "Schmidtianer". Er ist der Held ihrer großen Zeit, ein Klartext-Redner mit stolzem Gebiss und unerschütterlichen Grundsätzen. So cool wie er immer schon war, wär heute jeder gern. Immer schön unerschrocken gegen den Fraktionszwang, immer gegen den Komment. Ein Hecht unter kleinen Fischen. Ein präziser Denker im Weltenmeer, umflossen von Schwarmintelligenz.

"Dass die Große Koalition der Regierung Merkel 2006 eine weit übertreibend so genannte Gesundheitsreform zeitweilig zum sozialpolitisch wichtigsten Thema machte, bezeugt einen erstaunlichen Mangel an ökonomischer Urteilskraft", befindet Herr Schmidt nach Abwägung der Weltlage. Bis dahin hatte er immer nur Freundliches über die Kanzlerin gesprochen. Michael Naumann, SPD-Mann und Schmidts Herausgeber-Kollege bei der "Zeit", sieht in Schmidt einen "fast mythischen Greis". Er habe eine Stelle in der Gesellschaft besetzt, die seit Bismarck vakant war. "Die Leute merken: Ein Mann, der Johann Sebastian Bach nicht nur hören, sondern auch spielen kann, der hat ein Gefühl für das rechte Maß." Andere entdecken noch anderes in Schmidt-Schnauze. Erst heute sehen sie in ihm auch den Sentimentalen. Einen, der diese Neigung jedoch zeitlebens recht gut verborgen hielt.

Seine milde Seite

Vor Kurzem, so schreibt der einstige Oberleutnant der Wehrmacht in seinem jüngsten Werk, da sei er in die Krypta des Wiener Stephansdoms hinabgestiegen, um das Grab des Kardinals König zu besuchen, eines "wunderbar klugen Mannes". So stand er also vor den Särgen, die in Nischen übereinandergestapelt waren, darunter auch Franz Königs Sarg. "Mir kamen die Tränen in der Erinnerung an diesen weisen Mann - und um die Tränen zu verbergen, habe ich zu dem mich begleitenden Monsignore irgendeine burschikose Bemerkung gemacht."

Manchmal scheinen die Dinge bei ihm einfach nicht zusammenzupassen. Die Tränen und das Burschikose. Die Vernunft und das Rauchen. Die Liebe zu Mozart und zu den Blutschinken des Malers Goya. Dass er zu Hause auf dem Klavier fantasiert und auf Autoreisen durch Russland "Hotel-Lokusse reparierte", wie er erzählt. Seit über 25 Jahren kommt Helmut Schmidt an einem Tag im Juli - statt wie üblich in wetterfesten Hamburger Farben - mit einer blütenweißen Hose ins Büro. Es ist eines seiner beiläufigen Rituale. An diesem Tag haben die Redakteure auf den Fluren dann die absolute Gewissheit: "Jetzt ist Sommer!" Natürlich sind es auch solche Schrullen, die Schmidt neuerdings menschlich machen. Und seine Ehefrau. Loki Schmidt, 89, erzählte beim Hamburger Chirurgenkongress, den sie ihrerseits als Auftrittsrednerin begeisterte, dass sie als 40-Jährige einmal eine Gelbsucht erlitt. "Die Medikation hieß: Quark, Quark und noch mal Quark." Ihr Mann habe die Gelbsucht bereits mit 15 Jahren, Anfang der 30er Jahre, absolviert, berichtete Frau Schmidt. "Bei ihm gab’s als Therapie Biersuppe, Biersuppe, Biersuppe. Und was soll ich Ihnen sagen? Wir leben beide noch!"

Er fürchtet sich nicht

Menschen, die so aufgezogen wurden wie die Schmidts, sind auf ewig unempfindlich gegen die Unpässlichkeiten des Alltags; die belächeln allenfalls die Hysterien der verzärtelten Gesellschaft. Als das Ehepaar Schmidt zu Beginn des Jahres in einem Theater Zigaretten rauchte, empörte sich ein Antiraucher so sehr, dass er den Altkanzler sogar anzeigte. Die Hamburger Justiz stellte das Verfahren zwar ein, doch Helmut Schmidt stellte sich trotzdem. "Selbstverständlich halte ich mich künftig an die neuen Rauchergesetze", erklärte er in zahlreichen Interviews. Er rauche in öffentlichen Räumen künftig selbst dann nicht mehr, wenn man ihm einen Aschenbecher hinstelle. Schmidt sagt "selbstver-st-ändlich", weil erst dieses hanseatisch betonte "st" seinen Ankündigungen den Schmidt'schen Nachdruck verleiht. In einem der kleinen Zwiegespräche, die er mit seinem Chefredakteur im "Zeit-Magazin" führt, räumte er später ein, sogar in einem Krankenhausbett schon einmal geraucht zu haben. Seither steht überall, wo er auftritt, ein Aschenbecher. Sogar beim Chirurgenkongress.

Helmut Schmidt ist zu einem Brückenmenschen geworden. Einem der wenigen Alten, die mit ihrer Existenz eine Brücke in die Vergangenheit schlagen können und uns mit den Erfahrungen aus dieser Vergangenheit in die Zukunft führen. Er weiß, wie es war und wie es deshalb werden muss. Er fürchtet sich nicht. Nicht vor dem Weltuntergang und nicht vor dem Raucherbein. Und auch nicht davor, "endgültig die Adresse zu wechseln", wie er das nennt, was unvermeidlich ist. Wer so angstfrei ist wie er, darf andere schurigeln: "Viele Spitzenbanker haben allzu gut geschlafen." Nur wer wie er sich selbst an die Regeln des Anstands hielt, darf richten: "Inzwischen ist mein Vertrauen in die Klugheit von Bankvorständen leider einer erheblichen Skepsis gewichen." Und nur wer sich in seinen Urteilen und Richtmaßen absolut sicher ist, darf eine Kanzlerin so abwatschen: Er habe auf dem G-20-Krisengipfel neulich in Washington nur "eineinhalb wirkliche Kenner identifizieren können - einen ganzen Steinbrück und einen halben Sarkozy". Er hält auch mit seiner Einschätzung kaum hinter dem Berg, dass Peer Steinbrück der bessere Kanzlerkandidat der SPD gewesen wäre.

Knapp, Schmidt

Loki Schmidt, mit der er seit 66 Jahren verheiratet ist, hat übrigens auch ein Buch geschrieben, das mit dem ihres Mannes gleich an den Kassen der Buchhändler liegt. Sie steht auf Platz fünf der Verkaufslisten. Kann ja noch besser werden. Auf die Frage eines Moderators, wie man es eigentlich hinkriegt, so lange miteinander verheiratet zu bleiben, antwortete Loki einmal mit entwaffnender Offenheit: "Getrennte Schlafzimmer!" Aber auch Schmidt selbst verblüfft uns mit Eingeständnissen. Mit dienstlichen und mit privaten. Dass er als Kanzler viele Fehler gemacht habe, gesteht er heute, dass er einst mit der Schauspiel-Fürstin Grace Kelly Walzer tanzte. Dass er bei Marlene Dietrichs Lied "Sag mir, wo die Blumen sind" innerlich erschüttert war, dass er gern Schweinssülze mit Bratkartoffeln isst. Er erzählt, warum er sich mit zehn Jahren bereits mit seiner späteren Frau anfreundete: "Sie hatte etwas zu bieten, sie war intelligent und neugierig." Reduzierter kann man eine Liebeserklärung nicht machen. Klar, knapp, Schmidt. Neuerdings schätzen wir das.

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