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Hohe Energiepreise: SPD-Politiker rät zu dicken Pullis

Ein Mann für einfache Lösungen: Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin mischt sich gern in aktuelle Diskussionen ein - so auch zu den hohen Energiekosten. Wenn Heizen zu teuer werde, müssten die Menschen sich eben dicke Pullover anziehen und die Zimmer-Temperatur drosseln, so Sarrazin.

Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) rät Menschen, die unter hohen Heizkosten leiden, ihren Energieverbrauch einzuschränken und die Zimmertemperatur zu drosseln. "Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können", sagte der für seine provokanten Äußerungen bekannte Politiker der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post".

Die Berliner CDU nannte die Äußerung "zynisch". Ulrich Maurer, der parlamentarische Geschäftsführer der Bundestags-Linken, erklärte: "Gegen soviel soziale Kälte helfen auch Pullover nicht."

Auch der Deutsche Mieterbund kritisierte die Heizvorschläge des Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD) scharf. Dessen Hinweis, im Winter aus Kostengründen die Heizung zu drosseln und mit dicken Pullovern der Kälte zu trotzen, sei "dumm, falsch und nicht ernst zu nehmen", sagte Mieterbund-Vizedirektor Lukas Siebenkotten. "Bei Zimmertemperaturen von 15 bis 16 Grad Celsius wird die Grenze zur Gesundheitsgefährdung überschritten", sagte Siebenkotten. Auch drohten Feuchtigkeitsschäden und Schimmelpilz, wenn die Wohnung nicht ausreichend geheizt werde. Mieter hätten dann sogar mit Schadensersatzforderungen ihrer Vermieter zu rechnen.

Angesichts der rasanten Preiserhöhungen bei Strom, Gas und Heizöl hatten Gewerkschaften, Linkspartei und Sozialverbände Sozialtarife für Arme gefordert. Der Fraktionschef der Linken, Gregor Gysi, hatte sogar von Kältetoten gesprochen, falls die Energiekonzerne nicht gezwungen werden, Sozialtarife anzubieten.

Der Deutsche Mieterbund und die Arbeiterwohlfahrt (AWO) fordern stattdessen vom Staat Heizkostenzuschüsse für einkommensschwache Haushalte. Die Heizkosten 2008 würden im Schnitt voraussichtlich um 40 bis 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr steigen, erklärte Mieterbund-Präsident Franz-Georg Rips am Dienstag. "Das bedeutet Mehrkosten bei einer 90 Quadratmeter großen Wohnung von fast 500 Euro im Jahr." Vor allem Haushalte mit geringen Einkünften treffe die Preisexplosion bei Öl, Gas und Strom mit voller Wucht, erläuterten Rips und der AWO-Vorsitzende Wilhelm Schmidt. "Sie müssen dringend unterstützt werden."

Sarrazin argumentierte dagegen: "Empfängern von Arbeitslosengeld II werden die Heizkosten erstattet. Darüber hinaus sehe ich keinen Handlungsbedarf." Er spricht aus Erfahrung, wie er sagte: "Bei uns waren es zu Hause immer 16 Grad. Am Morgen hat mein Vater die Koksheizung befeuert und sie erst am Abend, wenn er von der Arbeit zurückkam, wieder angemacht. Das hielt dann immer gerade für 16 Grad. Ich habe es überlebt", sagte der SPD-Politiker.

In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" warnte Sarrazin seine Partei vor Populismus. "Die SPD ist in der Gefahr zu wiederholen, was die CDU in Berlin gemacht hat", sagte der Senator. "Das Muster ist wieder zu sehen: kein sozialpolitisches Versprechen, dass die CDU nicht schon gegeben hätte." Auch die Linke betreibe einen "allgemeinen Populismus im Geldausgeben". Hier müsse die SPD noch "ihre Antwort auf einen linken Illusionismus finden". In Berlin wisse aber auch die mitregierende Linke, "dass ohne vernünftiges Wirtschaften nichts funktioniert".

Es ist nicht das erste Mal, dass Sarrazin sich mit ungewöhnlichen Vorschlägen in aktuelle Diskussionen einmischt - zum Leidwesen seiner Genossen. So rechnete der Senator erst im Frühjahr vor, wie sich Hartz-IV-Empfänger von rund vier Euro am Tag ernähren könnten. Sarrazin verstieg sich sogar zu Menüvorschlägen, vom morgendlichen Brötchen bis zur mittäglichen Boulette. Diese Belehrung empfanden viele Arme als blanken Zynismus; es hagelte negative Schlagzeilen.

DPA / DPA