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Horst Seehofer Mit der Kraft der Kartoffelherzen


Der Tag fing bitter an für Horst Seehofer. Zunächst schien es so, als würde sein Parteifeind Erwin Huber CSU-Chef, als hätten die "Bild"-Berichte ihm den Garaus gemacht. Und dann musste er auch noch zur "Grünen Woche." Er schien am Boden, doch der Schein trog: Seehofer will nicht aufgeben. Er will kämpfen.
Eine Reportage von Florian Güßgen

Stimmen die Meldungen, die seit dem Morgen über den Ticker laufen, dann ist Horst Seehofer der Verlierer des Tages, noch bevor er an diesem Morgen die Halle 23 a der Berliner Messe betritt. Noch bevor ihn die Kameras sichten, noch bevor die Hauptstadtjournalisten jede noch so kleine Bewegung, noch so kleine Bemerkung, jeden noch so kleine Gesichtsregung aufzeichnen, bewerten, deuten. Stimmen die Meldungen aus Wildbad Kreuth, dann wird Günther Beckstein bayerischer Ministerpräsident und Erwin Huber wird CSU-Parteichef. Horst Seehofer, der Mann, der noch bis Sonntag als wahrscheinlichster künftiger CSU-Chef galt, wäre leer ausgegangen. Wegen der angeblichen Geliebten, wegen des angeblichen Kindes, und vor allem wegen der "Bild"-Zeitung. Stimmen die Meldungen, dann ist Horst Seehofer nach Edmund Stoiber der größte Verlierer der weiß-blauen Chaostage. Und ausgerechnet Huber, mit dem Seehofer eine tiefe Feindschaft verbindet, hätte davon profitiert. "Der Erwin Huber hat den Parteivorsitz dem Horst Seehofer zu verdanken", sagt ein bayerischer Landtagsabgeordneter. "Wenn die Story ein halbes Jahr zurückläge, wäre das längst vergessen. Zum jetzigen Zeitpunkt hat sie ihm das Genick gebrochen." Für Seehofer, den Mann aus Ingolstadt, muss das bitter sein, unendlich bitter. Und vielleicht nimmt der Tag genau aus diesem Grund noch so eine dramatische Wendung.

Der erste öffentliche Termin nach den "Bild"-Berichten

Am Morgen, gegen elf, ist Seehofer entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen. Nicht heute, nicht an diesem Donnerstagvormittag, nicht vor den Augen der Meute. Ja, er ist blass. Ja, er sieht müde aus. Ja, er wirkt abwesend, unendlich fern. Aber er bleibt wacker, zieht den Auftritt durch, diesen seinen ersten öffentlichen Termin seit jenem "Bild"-Bericht vom Montag. In Berlin eröffnen die Kanzlerin und der EU-Kommissionschef am Abend die "Grüne Woche", die "weltweit größte Verbraucherschau für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau." Und Seehofer muss den Hauptstadtjournalisten den Pavillon seines Ministeriums zeigen, in Halle 23 a. Der Termin war lange geplant. Jetzt zieht er ihn durch, auch wenn sich fast kein Mensch hier für Landwirtschaft interessiert. Die Beobachter interessieren sich allein für das Drama des Horst Seehofer.

"Ich bin hier"

"Ich bin hier", sagt er, als er schon am Anfang des Rundgangs gefragt wird, wie es ihm gehe. Und dass er zu seiner Verantwortung stehe. Und dass alles, was es im Moment zu erklären gebe, erklärt sei. Und die Partei? Stoiber? Beckstein? Huber? Und die "Bild"-Zeitung? Dazu will er nichts sagen. "Dies ist nicht der Platz, über meine Partei zu reden", sagt Seehofer. Er wolle nicht ins Blaue hinein spekulieren. Es muss ein grausamer Tag sein für ihn. Eigentlich igelt er sich in solchen Situationen ein, verschwindet tagelang in seine Wohnung in der "Schlange", dem seelenlosen Silo mit den Abgeordneten-Wohnungen an der Spree. Mit diesen legendären Konservendosen. Eigentlich. Heute geht das nicht. Als Minister darf er sich nicht verstecken. Und deshalb zieht er das durch.

Seehofer bleibt tapfer

Tapfer marschiert er, von der Meute umgeben, zu dem Stand mit der Biokraftstoff-Tankstelle. Er isst die Wurst, die sie ihm hinhalten. Die soll nicht nur schmecken, sondern auch gesund sein, sagen sie ihm. Und selbst, als ihm zwei Frauen im Namen eines Vereins für hauswirtschaftlichen Fachservice, im Dirndl und mit Stofftasche mit bayerischem Wappen drauf, eine herzförmige Riesenkartoffel schenken, lässt sich Seehofer nicht aus der Fassung bringen. Wenn's sein muss, spielt er heute auch den Minister der Kartoffelherzen. Nur heranlassen darf man das alles nicht an sich. Die Mikro-Angeln der Fernsehsender, moderne Spießruten, hängen ihm beständig über dem Kopf. Ihnen entgeht keines seiner Worte. Vor ihnen will sich der große Mann mit dem silbrigen Haar, dem dunklen Anzug und der hellgrünen Krawatte, keine Blöße geben. Stattdessen schafft er Distanz, indem er in eine Kamera blickt und etwas über das Berufsbild des Landwirts sagt, über die Grüne Gentechnik, über erneuerbare Energien. Das verkleinert, so scheint es, die Distanz zwischen Geist und Körper, es bringt die Gedanken näher an die Halle 23a. Ein klein wenig.

"Werden sie vom Volk gewählt?"

Seehofer absolviert das Programm stoisch. Er spricht mit den Landfrauen aus dem Weser-Ems-Gebiet, oder mit den Mädels von der "Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugend im ländlichen Raum", er bedient eine blaue, hölzerne Windfege, eine Maschine, die Getreide von der Spreu trennt. Als Seehofer dann auf die Hallertauer Hopfenkönigin Johanna Seidl trifft, wird er fast locker, langsam, ganz langsam erreicht er Betriebstemperatur. Auch sie trägt ein Dirndl. Und ein silbernes Krönchen. Und eine grün-weiße Schärpe. Und ein Zepter, dessen Spitzen Hopfendolden symbolisieren. Und sie ist heiser.

Seehofer wird redselig. Er schwärmt von der Region rund um das niederbayerische Kelheim. Da fahre er oft Motorrad, berichtet er. Und dann beginnt er einen kleinen, interessanten Diskurs mit Seidl über die Regeln bayerischer Demokratien:

"Werden Sie vom Volk gewählt oder von einem Gremium", will er von der Hopfenkönigin wissen? Sie werde im Bierzelt gewählt, krächzt die Königin. "Mit Beifallsstärken", fragt Seehofer. "Oder wie?" "Nein, mit Stimmzetteln", lautet die Antwort. In einer Urabstimmung also. "Von 3000 Leuten" - "Da hat jeder seine Fanclubs, oder?", will Seehofer wissen. "Ja, natürlich", antwortet Seidl. "Die muss man schon mitbringen", erklärt die Königin dem Minister. Und in diesem Moment lacht es aus Seehofer heraus. "Da würde ich nicht gewählt werden", sagte er. "Herzlichen Dank." Er weiß, dass diese Aussage bis zu diesem Sonntag nicht gestimmt hat. Da hätten sie ihn in jedem Bierzelt in Bayern gewählt, mit Geschrei und Gejohle.

Der letzte verliebene Charismatiker

Aber vielleicht ist es doch noch nicht zu spät für Horst Seehofer. Am Nachmittag, Edmund Stoiber ist gerade von seinen Ämtern zurückgetreten, läuft eine erstaunliche Meldung über den Ticker. Es ist 15.09 Uhr, als AP meldet, dass Seehofer doch Parteivorsitzender werden will, oder: Es zumindest andeutet. In jedem Fall müsse man mit ihm reden, hat er dem Ingolstädter "Donaukurier" gesagt. Noch weiß man nicht, was ihn zu diesem Schritt bewogen hat. Noch weiß man nicht, wie seine Chancen stehen. Noch weiß man nicht, ob die CSU ihm seine Geliebte verzeiht - und ob sich die Wut gegen die "Bild"-Zeitung richten wird. Wahrscheinlich weiß Seehofer das alles selbst nicht. Man weiß nur, dass er den Bettel wieder einmal nicht ins Korn wirft. Trotz aller Widrigkeiten dieser Tage, trotz aller Müdigkeit, scheint er entschlossen, die Auseinandersetzung mit Erwin Huber zu suchen. Der Passauer Politikprofessor und CSU-Experte Heinrich Oberreuter sagt, Seehofer sei der letzte verbliebene Charismatiker, den die CSU noch habe. Das ist sein Plus. Und zutrauen kann man ihm auch einiges. Er hat schon mehrmals erstaunliche Comebacks hingelegt. Das er nach einem so harten Rückschlag wie der Berichterstattung vom Montag schon am Donnerstag wieder zu einer Auseinandersetzung bereit ist, gibt diesem ereignisreichen Tag eine sensationelle Wende. Vorerst.


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