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Interview mit Matthias Machnig: Wo ist Deutschlands Obama?

US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama ist ein Popstar, eine Million Freiwillige unterstützen seine Kampagne. In Deutschland öden Parteien die Bürger an. Warum? stern.de sprach mit SPD-Kommunikationsspezialist Matthias Machnig.

Herr Machnig, teilen Sie die Einschätzung von Joschka Fischer, dass mit ihm der letzte Live-Rock'n'Roller von der Bühne abgetreten ist?

Deutschland ist in einer anderen politischen Phase. In einer großen Koalition müssen sie immer auf unentschieden spielen. Das verhindert die Profilierung von Parteien und Personen. Hätte Joschka Fischer heute ein Amt in der großen Koalition, wäre er kein Rock'n'Roller mehr.

Gleichwohl hungern die Menschen nach Politikern mit Starqualitäten. Sonst wären nicht zigtausende zur Berliner Siegessäule gekommen, um Barack Obama zu hören, den Kandidaten der US-Demokraten.

Ich möchte mal eine These wagen: Obama wäre ohne George W. Bush nicht denkbar. In der Wahrnehmung vieler ist er einer der schlechtesten Präsidenten, die es in Amerika seit langem gegeben hat. Nur noch 10 Prozent der US-Bürger unterstützen laut Umfragen seinen Kurs. Amerika will einen Neuanfang - und Obama ist es gelungen, diese Hoffnungen auf sich zu vereinigen. Übrigens hat das gerade deswegen geklappt, weil Obama eine überparteiliche Kampagne gefahren hat. Das Programm seiner demokratischen Kontrahentin Hillary Clinton war viel stärker parteipolitisch geprägt.

Also hängt Obamas Erfolg davon ab, dass er eine Projektionsfläche ist?

Ja. Er symbolisiert ein anderes Amerika, das jünger, besser ausgebildet und multikultureller ist.

Nochmal: Wieso tritt eine solche Figur nicht in Deutschland auf?

Weil wir eine ganz andere politische Kultur haben. In Amerika ist der Präsidentenwahlkampf ein Kampf der Charaktere. Bei uns geht es um eine Mischung aus Personen, Programm und Partei, auch denkbare Koalitionen spielen eine Rolle. Die SPD hätte ohne Gerhard Schröder und Willy Brandt nicht solche herausragenden Wahlerfolge erzielt. Aber Brandt und Schröder hätten es auch nicht ohne die Partei geschafft.

Vielleicht sollten auch deutsche Politiker mal über den Tellerrand ihrer Partei schauen. Obama hat es geschafft, ganz normale Menschen zu seinen Helfern zu machen.

In der Tat. Es sind etwa eine Millionen Freiwillige, die seine Kampagne aktiv unterstützen. Aber das ist nicht nur mit der Figur Obama zu erklären, sondern auch mit der Politisierung der Menschen am Ende der Ära Bush. Die Amerikaner stehen vor einer Richtungsentscheidung. Mir haben amerikanische Experten gesagt, dass die Wahlbeteiligung bei bis zu 65 Prozent liegen könnte. Das wäre ein historisches Hoch.

Heißt das, dass sie sich auch für Deutschland einen Richtungswahlkampf wünschen?

Nur mit einer Richtungswahl kann man die Unentschlossenen und Abwartenden für sich gewinnen. Und da hat die SPD durchaus gute Karten: Die Probleme verlangen nach einer sozialdemokratischen Agenda. Jetzt geht es angesichts der Finanzkrise zum Beispiel um das Verhältnis von Staat und Markt. Da hat die SPD Kernkompetenzen.

Aber dieses Feld hat Ihr Ex-Parteichef Oskar Lafontaine doch schon besetzt - der unzweifelhaft die gefragten Starqualitäten besitzt.

Lafontaine klopft Sprüche, mehr nicht.

Das macht der SPD-Generalsekretär Hubertus Heil auch. Er hat die Parteifunktionäre schon öffentlich aufgefordert, "Yes we can" nachzureden. Das Feedback war gleich null.

Das will ich nicht kommentieren. Aber das ist auch nicht entscheidend. Man kann den deutschen Wahlkampf nicht amerikanisieren, wir haben hier ganz andere Rahmenbedingungen, eine andere politische Kultur, einen anderen Wahlmodus, eine andere Medienlandschaft und so weiter.

Aber verlockend ist doch sicher, etwas zu kopieren. Zum Beispiel das Modell der Kleinspenden. Obama hat von seinen Anhängern zig Millionen Dollar für den Wahlkampf eingesammelt.

Amerika ist eine Spender-Gesellschaft. Selbst die Mittelklasse ist bereit, Geld zu geben, um die verlorenen Bush-Jahre zu beenden. Obama kann diese Hoffnungen und Wünsche auf sich fokussieren.

Trauen Sie das auch dem SPD-Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier zu, einem bedächtigen Diplomaten, der manchmal lange Pausen zwischen zwei Sätzen macht?

Deutschland braucht einen Zukunftsentwurf, der Ökonomie, Ökologie und soziale Gerechtigkeit verbindet, eine Agenda 2020. Und Frank Walter Steinmeier kann nicht nur Vertrauen und Hoffnungen wecken, er hat auch die Erfahrung und die Kompetenz dafür.

Agenda 2020? Was stellen Sie sich darunter vor?

Es wird um den Sozialstaat gehen, um die Energiepolitik, um eine ökologische Industriepolitik, um die Frage, ob wir auf den Finanzmärkten nicht mehr Transparenz und Regulierung brauchen. Die Zeiten des Neoliberalismus sind zu Ende, davon bin ich zutiefst überzeugt. Wir benötigen einen neuen, intelligenten Rahmen für unsere Gesellschaft. Die SPD kann ihn formulieren. Entscheidend wird sein, dass es gelingt, diese Themen auch auf die Straße zu kriegen.

Die SPD in Bayern hat genau das nicht geschafft.

Moment mal. Die CSU hat die Wahl verloren, 50 Jahre waren einfach genug. Ich hatte den bayerischen Genossen empfohlen, die Kampagne unter der Überschrift "Demokratie jetzt auch in Bayern" zu fahren. Die gibt es jetzt in Bayern.

Interview: Lutz Kinkel