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Jesiden in Deutschland: "Es darf nicht sein, dass der Terror hierher kommt"

Die Jesiden in Deutschland haben Angst. Sie fürchten sich vor den Salafisten, die ihre Familien im Nordirak ermorden – und nun auch jesidische Kurden in deutschen Städten bedrohen und angreifen.

Von Frank Gerstenberg

Die Stimme des Mannes am Telefon klingt besorgt. Er hätte bei einer Demo in Bielefeld mit einem stern-Reporter gesprochen. Ob wir bitte seinen Namen aus der Geschichte heraus lassen könnten. Seine Frau habe Angst, seine Tochter habe ihn gefragt: "Papa, warum hast du das getan?" Miran (Name geändert) hatte dem stern ein Interview gegeben: Er sagte, wie furchtbar das sei, was im Nordirak passiere, was man seiner Familie antue. Miran zeigt auf seinem Smartphone einen Film, der auf Facebook gepostet wurde: Etwa 20 Jesiden knien im Staub. Widerstandslos, stoisch. Hinter ihnen stehen lachende ISIS-Kämpfer. Einer nach dem anderen tritt vor, geht zu einem Opfer, hält die Pistole an den Kopf des Wehrlosen und drückt ab. Das Blut spritzt, das Opfer fällt in den Dreck. Der nächste ist dran. Keine Schreie, Abklatschen und triumphierende Gesten bei den bärtigen Männern. Bilder und Filme, die so und schlimmer zu Dutzenden in sozialen Netzwerk kursieren und sprachlos machen.

Einst Nachbarn, Freunde, Kunden

Die Täter seien seine "Nachbarn und Freunde" gewesen, sagt Miran. Mustafa aus Dinslaken, der auf Facebook grinsend einen abgeschlagenen Kopf in die Kamera hält. Oder der 27-jährige Philipp Bergner aus Mirans Nachbarort Dinslaken-Lohberg. Der ehemalige Pizzabote, früher oft Gast in seinem Restaurant, zog als "Abu Usama al Almani" in den Heiligen Krieg und sprengte sich vor wenigen Tagen angeblich als Selbstmordattentäter in Mossul in die Luft.

Einen "dreckigen Salafisten" nennt Miran seinen ehemaligen Kunden. Der 30-jährige Mann mit dem kurz rasierten Bart sitzt bei der Demo in Bielefeld auf einer blauen Bank am Kesselbrink, dem zentralen Kundgebungsplatz. Die weiße jesidische Flagge mit dem rot-grün-gelben runden Emblem liegt über seiner Schulter, er zieht langsam und tief an seiner Zigarette: Er wisse, was er sage, und er habe auch "kein Problem damit", seinen vollen Namen zu nennen. Obwohl er Angst habe, um sich, seine Frau und die kleinen Kinder. Seit Tagen stelle er die Stühle nicht mehr vor sein Restaurant. Aber dennoch: Er wolle sich nicht verstecken.

Rund 8000 Menschen, neben Jesiden assyrische Christen, Chaldäer, Aleviten, Shabak und auch Muslime demonstrierten am in Bielefeld friedlich und setzten damit ein Zeichen gegen die barbarische Gewalt im Nordirak. Die internationale Gemeinschaft reagierte, inzwischen sind mehrere zehntausend Jesiden im Sindschar-Gebirge gerettet worden. Dennoch scheint sich die Lage in den vergangenen Tagen in Deutschland noch verschlimmert zu haben, wo rund 60.000 Jesiden leben. Miran erzählt, wie sich gestern eine Frau in der Einkaufsstraße in Voerde "zig Mal ängstlich umgedreht" habe, bis er zu ihr sagte: "Ich bin auch Jeside." Seit Tagen führen Autos mit fremden Kennzeichen durch Wesel und Emmerich am Niederrhein, die Scheiben herunter gelassen, provokante und drohende Gesten. In einem Jugendzentrum seien sie gewesen und hätten gedroht, "alle umzubringen".

Miran, der Gastronom, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, nie Probleme hatte, mit Muslimen und Christen gleichermaßen gut auskam, fühlt sich, als lebe er seit einigen Wochen in einem anderen Land: "Dass dieser Terror hier ankommt, das darf doch nicht sein. Warum dürfen Salafisten in ihren Moscheen hetzen und zum Dschihad aufrufen? Warum unternimmt Merkel nichts? Man sieht und hört nichts von ihr." Seit vier Tagen hätte er seine dreijährige Tochter nicht mehr draußen spielen lassen.

Angst gegen Courage

Auch bei Samy C. ist die Courage der Angst gewichen. Sie schreibt dem stern eine SMS, möchte nicht, dass ihr Name genannt wird.

Einen Tag zuvor hatte sich die blonde jesidische Kurdin, die seit ihrem vierten Lebensjahr in Deutschland lebt, noch vom stern fotografieren lassen, hatte ihren vollständigen Namen, ihr Alter und ihren Beruf genannt. Auch sie wollte ein Zeichen setzen bei ihrer "ersten Demo": für ihr Volk, für Frieden. "Es geht nicht nur um uns Jesiden, sondern auch um Chaldäer, um Aleviten, um assyrische Christen", sagt sie. Die Völker leben seit Jahrtausenden in Mesopotamien, wie der Irak ursprünglich hieß, und seien "jetzt in ihrer Existenz bedroht", wie der assyrische Christ Ninos Toma (21) aus Gütersloh befürchtet. Samy C: "Ich weine jeden Tag, wenn ich im Internet sehe, was die ISIS anrichtet". Sie möchte "Frieden", deswegen sei sie nach Bielefeld gekommen. Und weil der Terror inzwischen auch bei ihren Verwandten in Deutschland angekommen ist.

Angst als ständiger Begleiter

Samy macht gerade Feierabend in ihrem Modegeschäft in Bielefeld, als sie einen Anruf erhält: Sie soll aufpassen, wenn sie mit dem Zug aus Bielefeld nach Hause kommt. Die Salafisten hätten sich in Herford in der Nähe des Bahnhofs versammelt. Ihr Bruder und ihr Cousin sind in eine Messerstecherei geraten, Ihsan, ein befreundeter Wirt aus Herford, ist überfallen worden, der Cousin ist verletzt. Die Zugfahrt dauert nur wenige Minuten. Am Bahnhof in Herford stehen viele Polizisten, Menschengewimmel. "Man hat Angst bekommen", sagt die Jesidin. Zu Hause warten Freunde und Familie. Samys Schwester hat Geburtstag. Doch zum Feiern ist niemandem zumute. "Alle sind bedrückt nach Hause gegangen."

Ihr Cousin hat dem Wirt Ihsan A. aus Herford, dessen Fall bundesweit bekannt wurde, zusammen mit anderen Passanten möglicherweise das Leben gerettet - und sein eigenes riskiert. Im Lokal will er zunächst schlichten, es misslingt, ein Messer blitzt, C. wirft sich zwischen Angreifer und Wirt Ihsan A. Die Salafisten verletzen ihn am Unterarm, die Wunde muss genäht werden. C. kennt einen der Täter gut: Es ist sein Nachbar aus dem Mehrfamilienhaus in Herford, ein Tschetschene, der C. noch eine Woche vorher zur Geburt seines ersten Kindes gratuliert hatte. C. und seine Frau suchen eine neue Wohnung. Samy befürchtet, dass "noch mehr" passiert.

Der Vater sitzt ohne Wasser im Gebirge fest

Unionspolitiker fordern inzwischen, gefährlichen Islamisten die Rückkehr nach Deutschland zu verweigern und ihnen sogar die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Die Salafisten schreckt diese öffentliche Diskussion offenbar ebenso wenig wie die Verhaftungen der sechs Angreifer aus Herford. Sie provozieren öffentlich. "Seit Tagen fahren sie an einem Jugend-Café am Herforder Stadtrand vorbei", erzählt ein Jeside dem stern. "Mit quietschenden Reifen, immer wieder. Sie wollen vielleicht, dass wir etwas unternehmen, damit sie uns Gewalt in die Schuhe schieben können", sagt ein Jeside. "Aber darauf lassen wir uns nicht ein." Über Facebook erhielt er eine Drohung, die dem stern vorliegt: "Dies ist eine Nachricht an alle Muslime, die ihren Deen richtig praktizieren und sich zum Tauhid bekennen. Ya Ikhwa steht auf bildet Gruppen und bekämpft diese Yaziden Kuffar. Zündet deren Vereine, Häuser, ihre Autos von mir aus auch sie an. Wenn ihr schon nicht Fisabilillah auswandert und kämpft auf Allahs Weg. Dann macht es dort."

Noch wenige Stunden vor der Demo in Bielefeld, rief ein selbst ernannter "Kämpfer Gottes im Irak" namens "al Qayyum" über soziale Medien zur Gewalt auf: "Samstag ist eine "Free Yezide"-Demo. Wir Muslime werden dort diese Demo stören und Schlägereien anzetteln. Die Yeziden werden büßen. Das schwöre ich." Amir Nemat (20), einer der Helfer bei der Demo: "Sie wollen uns einschüchtern. Wir sollen Angst haben. Aber wir haben vor niemandem mehr Angst. Wir haben nichts zu verlieren." Sein Vater ist seit 2009 im Irak. Das letzte Lebenszeichen kam vor drei Tagen von ihm: "Wir sind im Gebirge, wir haben kein Wasser, wir sind alle am Ende", sagte er am Telefon. Nemat hofft, dass sein Vater zu den Geretteten gehört.

Auch Ali Alias Khalaf lässt sich nicht einschüchtern. Der Zahnarzt aus dem westfälischen Bad Salzuflen, wenige Kilometer von Herford entfernt, gehört zu den jesidischen Aktivisten in Deutschland, die Hilfe für die bedrohten Jesiden im Irak organisieren. Erst gestern war er mit einer jesidischen Kommission zu einem Gespräch bei Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Er ist bekannt, auch bei den Salafisten. Vor wenigen Tagen bekam eine seiner Mitarbeiterinnen eine SMS, die dem stern vorliegt: "Nazo, du bist die Nächste & Wir wissen du bist alleine in der Praxis jetzt." Als die Arzthelferin die Praxis verließ, standen zwei Männer vor der Tür: "Bist du Nazo?" - "Nein, sie ist noch oben", sagte die junge Frau. Khalaf schaltete die Polizei ein. "Bedrohung hin oder her", sagt er dem stern. "Das wird unsere Arbeit nicht stoppen. Wir leben in einem demokratischen Land und glauben, dass die Bundesregierung unsere Familien in Deutschland und im Irak beschützt." Vordringlich sei jetzt die humanitäre Hilfe und ein sicherer Korridor für die Eingeschlossenen im Sindschar-Gebirge, langfristig forderten die Jesiden, so Khalaf, eine Schutzzone für alle religiösen Minderheiten im Irak.

Der stern berichtet in seiner neuesten Ausgabe darüber, dass die Gewalt der ISIS-Kämpfer auch in Deutschland angekommen ist.

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  • Frank Gerstenberg